https://www.faz.net/-gpf-751gb

Berlusconis Parolen gegen Deutschland : Kein Feindbild

  • -Aktualisiert am

Neapels Bürgermeister Luigi De Magistris, der als Sprecher der Partei „Italien der Werte“ Berlusconi bekämpft, sagt: „Berlusconis Wahlkampf ist reine Dummheit, und sie wird ihm keine Stimme bringen“. Berlusconi müsse sich eingestehen, dass sein Nachfolger Mario Monti „wie die Deutschen die Konten in Ordnung gebracht“ habe, was er in mehr als einem Jahrzehnt im Amt nicht geschafft habe, sagt der Berlusconi-Kritiker Orlando. Damit habe sich Monti eine Glaubwürdigkeit verschafft, um die ihn Berlusconi ja beneide. Und so fährt Orlando fort: „Ich kenne keine antideutsche Stimmung in Italien, wir schätzen Europa.“ Berlusconi brauche aber für seinen Wahlkampf ein Feindbild, um sich als der Retter der Nation in Szene zu setzen. Dazu müsse Frau Merkel herhalten.

Viele Italiener schämen sich für Berlusconis Antritt

Unter Unternehmern hat die Kanzlerin Freunde. So schätzt der Weinbauer Lucio Graf Tasca in Palermo ihre bescheidene Art. Ihre gerade Linie müsse Vorbild für die verschwenderische Kaste der Politiker in Italien sein, empfiehlt er. Antonella Nonino, die im Nordosten Italiens in Friaul Grappa produziert, meint, antideutsche Töne gäbe es nur in der Presse. „Für uns Unternehmer ist Deutschland ein Modell und Frau Merkel ein Leuchtturm.“

Auch bei den arbeitslosen Minenarbeitern in Italiens ärmster Provinz Inglesias auf Sardinien sind die Deutschen und die Kanzlerin angesehen. Im Streikzelt vor der Grube Monteponi, wo entlassene Kumpel so lange einen Stollen nicht verlassen wollen, bis sie wieder Arbeit haben, sagt Kumpel Matteo Lobina, vor 2000 Jahren hätten Sardiniens Bergleute bis nach Trier die gesamte damalige Welt mit Blei und Silber versorgt. „Heute müssen wir uns als Italiener dafür schämen, dass die Barbaren von damals uns vormachen, was wir einst dem Norden an Ordnung und Disziplin beibrachten.“ Chemiearbeiter Gianmarco Mozzi fällt ein: „Berlusconi hat uns mit seinem Nichtstun zu Bettlern gemacht. Der Milliardär lebt das leichte Leben und versprach, aber tat nichts.“ Monti denke dagegen in deutschen und europäischen Kategorien. Deutsche Politik sei von den Gewerkschaften bis zur Politik vorbildlich.

Viele Italiener schämen sich dafür, dass Berlusconi es wieder wagt anzutreten. „Wie stehen wir denn in der Welt da mit so einem Kinder- und Volksverführer?“, schimpft in Rom ein Taxifahrer. Viele Italiener plage der Neid auf die Deutschen, sagt der Autor Antonio Roccuzzo, der mit einer Deutschen verheiratet ist. „Wir leben in Europa dicht beieinander, kennen uns. Da kann man mit antideutscher Stimmungsmache keine Wähler mehr gewinnen.“

Der europäische Zug fährt in eine Richtung

Wie spiegelt sich diese Stimmung in den Umfragen? Nach der jüngsten Umfrage des Meinungsforschers Vento sind zwar 80 Prozent der Italiener davon überzeugt, dass die Politik von Frau Merkel in den letzten Monaten vor allem deutschen Interessen gedient und anderen EU-Staaten geschadet habe. Dafür gebe es Verständnis. Auch Frau Merkel habe Wähler, und 40 Prozent der Italiener fällen über sie ein positives Urteil, sagt Vento.

Pier Luigi Bersani, der Chef des Partito Democratico (PD), dessen Partei heute die Wahlen in Italien mit etwa 45 Prozent der Stimmen gewinnen würde, will sich auf eine Debatte über antideutsche Gefühle oder deutsche Hegemonie nicht einlassen. „Alle europäischen Staaten sitzen im selben Zug, mal auf komfortablen, mal auf harten Bänken.“ Aber der Zug fahre in eine Richtung. Berlusconi wolle ja nur von seinem Versagen ablenken. Es müsse freilich erlaubt sein hinzuzufügen, sagt Bersani, dass manche italienische Brauerei heute besseres Bier herstelle als eine deutsche.

Weitere Themen

Topmeldungen

Im Bahnhof der Stadt Hangzhou werden ankommende Passagiere aus Wuhan mit Infrarot-Thermometern untersucht.

Coronavirus : Zahl der Toten auf 25 gestiegen

Auch die Anzahl der Infizierten ist mit insgesamt über 800 Fällen seit gestern noch einmal deutlich angestiegen. Die Weltgesundheitsorganisation sieht dennoch bislang keinen internationalen Gesundheitsnotstand.
Gefeiert wie ein Popstar: Heinz-Christian Strache am Donnerstagabend in Wien.

Strache-Auftritt in Wien : „Hier steht das Original“

Heinz-Christian Strache will in Österreich mit einer neuen „Bürgerbewegung“ in die Politik zurückkehren und seiner früheren Partei FPÖ das Leben schwer machen. Doch noch lässt er seine Anhänger zappeln – und vermeidet Festlegungen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.