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Berliner Türken : Die Angst vor dem Tag nach dem Referendum

  • -Aktualisiert am

Vor dem türkischen Konsulat in Berlin warten Frauen darauf, ihre Stimme abgeben zu können. Bild: dpa

Berliner Türkinnen diskutieren temperamentvoll über das Verfassungsreferendum. „Unser Inneres ist aufgewühlt“, sagt eine von ihnen. Manche haben schon jetzt panische Angst vor einer Reise in die Heimat.

          Die Tür steht weit offen. Am Tisch in dem ehemaligen Ladengeschäft sitzen einige Damen mit Kopftüchern, auf dem Tisch stehen Teller mit Brot, Gurken, Tomaten, Oliven und Schafskäse für die anderen Besucher des Freitags-Brunchs des Mehrgenerationenhauses des Vereins Divan. Ein junger Mann kommt mit einer großen Tasche voller gespendeter Kleider. Eine der Damen kocht Tee, sorgt dafür, dass alle stets ihr Glas gefüllt vor sich haben, verteilt Essen auf den Tellern, ermuntert zum Essen. Alle lassen es sich gefallen, versorgt und verwöhnt zu werden.

          Die Sonne scheint, die Stimmung ist friedlich und entspannt. Hier war mal „Neue Heimat“-Land. Neue Heimat hieß das Wohnungsunternehmen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), das sich unter Mietern einen denkbar schlechten Ruf erarbeitete, bis es nach Skandalen in den achtziger Jahren abgewickelt wurde. Heute ist das anders.

          Das „Kiezbündnis“ etwa unterhält ein Büro. Jeden Monat kann man seine defekten Sachen in das „Repair Café“ bringen. Um die Ecke, an der Nehringstraße, liegt das Mehrgenerationenhaus. Viele kleine Läden nehmen Spenden entgegen und verkaufen gebrauchte Kleider, Hausrat, Bücher. Heute sieht das Quartier nicht weit vom Schloss Charlottenburg wie eine entzückende Wohngegend aus. Die Altbauten sind saniert, in den vielen kleinen Läden und Cafés geht es lebhaft zu. Man kennt sich. Unschwer ist zu erkennen, dass hier, in der ehemaligen Arme-Leute-Gegend, ein begehrtes Wohngebiet entstanden ist.

          „Unser Inneres ist aufgewühlt“

          Ülker Radziwill ist in der Türkei geboren. Doch aufgewachsen ist sie in diesem Kiez. Ihr Vater war Lehrer in der nahegelegenen Grundschule; er gründete einen Verein türkischer Sozialdemokraten, dem seine Tochter heute angehört, und einen deutsch-türkischen Kindergarten. Die Familie hat dazu beigetragen, dass in diesem Quartier eine Gemeinschaft entstanden ist, in der man zusammensteht. Seit 2001 sitzt Radziwill, inzwischen stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD, im Abgeordnetenhaus. Vor zehn Jahren hat sie das Mehrgenerationenhaus mitgegründet.

          Sie dolmetscht wie ein Profi. Sie bittet die Damen, in der Frühstücksrunde darüber zu sprechen, was das türkische Verfassungsreferendum im April für sie bedeutet, ob es Streit in der Familie, unter Nachbarn und Freunden darüber gibt. Die Damen möchten ihre Namen nicht nennen. „Unser Inneres ist aufgewühlt“, sie sei „beunruhigt“, sagt eine. Sie lebe seit 40 Jahren hier, fühle sich hier und in der Türkei zu Hause, sagt eine andere. Sie habe viele Freunde und Nachbarn, mit denen zum Teil lange Freundschaften bestünden. Sie lebe nach dem Tod ihres Mannes allein. Streit in der Familie gebe es um Erdogans Politik nicht, mit Freunden diskutiere sie nicht darüber. Eine Dame heißt die türkische Regierungspolitik nicht gut, sie sei nicht gut, um „im Frieden zu leben“. „Wir streiten uns nicht, wie verständigen uns“, sagt wiederum eine andere, Unterschiede könne man ertragen.

          „Ich habe viele Sorgen“, sagt eine der älteren Damen und legt los: Seit 50 Jahren wohne sie im Kiez. Sie würde gern mit einer anderen Frau die Wohnung tauschen. Doch da ihre asbestbelastet sei und zuvor saniert werden müsse, verzögere sich der Tausch. Sie ist akut herz- und nierenkrank und häufig im Krankenhaus. Radziwill erklärt, in solchen Situationen fühlten sich viele wegen ihrer Herkunft diskriminiert. Ob sie überhaupt an der Abstimmung im türkischen Generalkonsulat teilnimmt, weiß sie nicht.

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