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Warschauer Aufstand : Berlin braucht ein Denkmal

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Willy Brandts Kniefall am 7. Dezember 1970 vor dem Mahnmal im einstigen jüdischen Ghetto in Warschau.
Willy Brandts Kniefall am 7. Dezember 1970 vor dem Mahnmal im einstigen jüdischen Ghetto in Warschau. : Bild: dpa

Willy Brandts Kniefall vor dem „Ehrenmal der Helden des Warschauer Gettos“ weckt 1970 die Erinnerung an den Aufstand gegen die Deportation in die deutschen Vernichtungslager vom April 1943. In dem 1940 errichteten Getto lebten eingepfercht hinter Mauern fast eine halbe Million Juden, zu Beginn des Aufstands noch 50.000. Die blutige Niederschlagung feierte der deutsche Befehlshaber mit der Sprengung der Großen Synagoge.

An diesem Donnerstag jährt sich zum 75. Mal der Warschauer Aufstand von 1944, die größte militärische Erhebung einer europäischen Widerstandsbewegung im Zweiten Weltkrieg. Unter Leitung der polnischen Exilregierung in London hatte sich ein geheimer militärischer und ziviler Untergrundstaat gebildet mit Polizei, Gerichten, Schulen und Universitäten. Die Heimatarmee, die Armia Krajowa, hatte 1944 nach einigen Schätzungen über 300.000 Mitglieder.

Das Gedenken eint alle Polen

Angesichts der vorrückenden Roten Armee und der Bildung des prosowjetischen Lubliner Komitees im Juli 1944 ist der Aufstand der 45.000 notdürftig bewaffneten Soldaten in Warschau der verzweifelte Versuch, Polens Unabhängigkeit zu retten. Beistand ist von der am östlichen Weichselufer stehenden Roten Armee nicht zu erwarten. Die erste Antwort der deutschen Besatzer ist auf Befehl Himmlers das Massaker von Wola: Vom 5. bis zum 7. August 1944 werden mehr als 30.000 Männer, Frauen, Kinder und Alte auf die Straße getrieben und erschossen. Als nach zwei Monaten der Aufstand zusammenbricht, befiehlt Himmler die Sprengung des Königsschlosses und die Zerstörung der polnischen Hauptstadt. 100.000 Warschauer werden zur Zwangsarbeit verschleppt, 60.000 in Konzentrationslager. Überlebende der Heimatarmee werden später von den Sowjets verfolgt, eingesperrt und hingerichtet.

Erst am 1. August 1989 kann in Warschau ein Denkmal für den Aufstand von 1944 errichtet werden. Jedes Jahr am 1. August um 17 Uhr, zur „Stunde W“, als der Aufstand ausbrach, gehen in Warschau die Sirenen an, Menschen und Autos stehen still, und die Stadt hält inne. Das Gedenken eint alle Polen. Auch auf „Polens Woodstock“ in Küstrin an der Oder schweigen heute um diese Zeit wie jedes Jahr Hunderttausende junger Festivalbesucher.

Bekannt in Deutschland ist der Widerstandskämpfer Wladyslaw Bartoszewski, Auschwitz-Häftling, Mitglied der Zegota und Teilnehmer des Warschauer Aufstands. Der spätere Botschafter und Außenminister gesteht 2009: „Wenn mir jemand, als ich geduckt auf dem Appellplatz des KZ Auschwitz stand, gesagt hätte, dass ich Deutsche, Bürger eines demokratischen und befreundeten Landes, als Freunde haben werde, hätte ich ihn für einen Narren gehalten.“ Als Schirmherr deutsch-polnischer Versöhnung hatte er ein Herzensanliegen: ein Denkmal in Berlin für die Opfer der deutschen Besatzung Polens.

Wladyslaw Bartoszewski
Wladyslaw Bartoszewski : Bild: Barbara Klemm

Am 15. November 2017 wandten sich prominente Unterzeichner mit einem Aufruf für ein Polen-Denkmal in der Mitte Berlins an Bundestag und Öffentlichkeit. Am 22. Mai 2019 erklärte die Bundesregierung ihre Unterstützung. Ein Denkmal ist ein bleibendes öffentliches Bekenntnis. Es wirkt durch Gestalt und Wort. Die Inschrift sollte in Deutsch und Polnisch lauten:

„Wir gedenken der Opfer der deutschen Besatzung Polens 1939–1945

Wir ehren die Heldinnen und Helden des polnischen Widerstands

Für ein gemeinsames Europa“

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