https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/bennett-trifft-ueberraschend-putin-in-moskau-und-will-vermitteln-17856746.html

Israelische Vermittlung : Kann Bennett eine Deeskalation des Krieges erreichen?

Premierminister Bennett am Sonntag im Hubschrauber nach seinen Besuchen in Moskau und Berlin Bild: AFP

Israels Ministerpräsident trifft überraschend Putin in Moskau. Auch mit Selenskyj steht er in regem Austausch. Seine bisher erfolglosen Bemühungen bezeichnet er als moralische Verpflichtung.

          4 Min.

          Dass ein israelischer Regierungschef aktiv und öffentlich als Vermittler tätig wird, ist ausgesprochen selten. In den Konflikten im Nahen Osten ist es meist andersherum: Israel befindet sich in der Rolle derjenigen Partei, der Vermittlung angedient wird. Mit entsprechend großer Aufmerksamkeit wurde Naftali Bennetts Reise nach Moskau und anschließend nach Berlin am Wochenende begleitet.

          Helene Bubrowski
          Politische Korrespondentin in Berlin.
          Christian Meier
          Politischer Korrespondent für den Nahen Osten und Nordostafrika.

          Ob der überraschende Besuch bei Russlands Präsident Wladimir Putin Bewegung in die diplomatischen Bemühungen bringen wird, den russischen Angriff auf die Ukraine zum Stillstand zu bringen, war am Sonntagnachmittag ungewiss. In Berlin wurde die Einschätzung verbreitet, dass Gespräche in dieser Lage ein Wert an sich seien. Das klingt nicht so, als ob sich eine Lösung abzeichnet. Immerhin soll die Stimmung nicht ganz so unangenehm gewesen sein wie im Gespräch zwischen Putin und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron am Donnerstag. Und am Sonntag setzten Bennett und Putin ihren „ausführlichen Meinungsaustausch“, wie es in einer Kreml-Mitteilung am Abend hieß, telefonisch fort. Auch ein Sprecher Bennetts bestätigte das Telefonat.

          Bennett selbst sagte zum Auftakt der wöchentlichen Kabinettssitzung in Jerusalem, er könne „naturgemäß“ keine Details der Reise ausbreiten. Er wies aber darauf hin, dass Israel Zugang zu allen Seiten habe – gemeint waren vor allem die Kriegsparteien Russland und Ukraine. Und selbst wenn die Chance auf einen Erfolg nicht groß sei, sehe er es als „moralische Verpflichtung, jede Anstrengung zu unternehmen“. Israel stehe bei Bedarf weiter bereit, unterstützend tätig zu werden.

          Drei Gespräche mit Selenskyj

          Wenige Stunden zuvor war der israelische Ministerpräsident von seinem bis zuletzt geheim gehaltenen Kurzbesuch zurückgekehrt. Im Kreml sprach er am Samstagabend etwa drei Stunden lang mit dem russischen Präsidenten. Als Dolmetscher fungierte Ze’ev Elkin, der israelische Minister für Wohnungsbau und Jerusalem-Angelegenheiten. Der russischsprachige Elkin hatte diese Rolle schon in der Regierungszeit Benjamin Netanjahus mehrmals eingenommen. Er ist in Charkiw geboren – der zweitgrößten Stadt der Ukraine im Osten des Landes, die seit Tagen unter russischem Beschuss liegt.

          Nach dem Gespräch mit Putin telefonierte Bennett mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selen­skyj; beide sprachen bis Sonntagnachmittag dreimal miteinander. Auch Macron informierte Bennett, bevor er nach Berlin flog. Eigentlich war er dort gegen 19 Uhr erwartet worden, es wurde 23 Uhr. Gut anderthalb Stunden lang tauschte Bennett sich dort mit Olaf Scholz aus. Der Bundeskanzler selbst hatte mit Putin zuletzt am Freitag gesprochen.

          Und die Bemühungen des Israelis gingen auch am Sonntag weiter. Wieder hat er mit dem russischen Präsidenten gesprochen, dieses Mal am Telefon. „Der ausführliche Meinungsaustausch über die Situation im Zusammenhang mit der militärischen Spezial-Operation Russlands zum Schutz des Donbass wurde (...) fortgesetzt“, hieß es dazu aus dem Kreml. Auch mit Macron und Scholz solle er wieder gesprochen haben.

          Bennett und Scholz hatten sich erst am Mittwoch gesehen, als der Kanzler zum Antrittsbesuch nach Israel geflogen war. Wie nun zu hören ist, sprachen beide nicht nur über den Krieg in der Ukraine, sondern auch schon konkret über Bennetts Vermittlerrolle. Scholz soll ihn ermuntert haben. Aus Berliner Sicht bietet sich Bennett aus verschiedenen Gründen an. Er ist nicht Partei in dem Konflikt, soll aber einen Draht zu Putin haben. Die Begeisterung für das Militärische verbinde, so heißt es. In Israel lebt außerdem eine große russische Minderheit.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kanzler Olaf Scholz am Dienstag bei einer Pressekonferenz mit Mahmud Abbas

          Holocaust-Äußerung von Abbas : Der Kanzler muss Flagge zeigen

          Deutschland hat gute Gründe für seine Sicht auf den Holocaust und dessen Einzigartigkeit. Diese Haltung gilt es zu verfechten. Doch Bundeskanzler Scholz steht wie ein begossener Pudel da, anstatt Farbe zu bekennen.
          Straßenverkäufer Fernando Lopes macht derzeit ein gutes Geschäft mit Badetüchern.

          Präsidentenwahl in Brasilien : Populist gegen Populist

          In Brasilien tritt Präsident Jair Bolsonaro gegen seinen Vorgänger Lula da Silva an. Wenn der Amtsinhaber verliert, könnte es zu Ausschreitungen kommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.