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Benedikt XVI. in Israel : Enttäuschung nach Rede in Yad Vashem

Nach jüdischem Brauch: Benedikt steckt einen Zettel mit einem Gebetstext in die Klagemauer Bild: dpa

Der Beginn des Papst-Besuchs ist in Israel auf deutliche Kritik gestoßen. Drei der großen Tageszeitungen erschienen am Dienstag mit der Überschrift „Ohne Vergebung“. Parlamentspräsident Rivlin sagte: „Er kam und sprach zu uns, als ob er ein Historiker wäre, jemand, der von der Seitenlinie zuschaut.“

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          Der Besuch Papst Benedikts XVI. in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ist in Israel, aber auch in Deutschland zum Teil mit Enttäuschung, zum Teil mit deutlicher Kritik aufgenommen worden. Zudem überschattete ein kleiner Eklat die Bemühungen Benedikts, den Dialog zwischen den verschiedenen Religionsgruppen voranzubringen. Einhellig enttäuschte Reaktionen rief seine Rede in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hervor. Drei der großen Tageszeitungen erschienen am Dienstag mit der fast gleichlautenden Überschrift „Ohne Vergebung“.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Viele Israelis hatten von dem deutschen Kirchenoberhaupt persönlichere Worte erwartet, empfanden aber auch einige seiner Formulierungen als zu allgemein und unverbindlich. Er sei nicht nach Yad Vashem gekommen, um über den Holocaust zu hören, was schon bekannt sei, sagte etwa der Knesset-Sprecher Reuven Rivlin, der am Montag neben dem Papst saß. Vergeblich habe er als Jude darauf gewartet, „eine Entschuldigung und eine Bitte um Vergebung von denjenigen zu hören, die unsere Tragödie verursacht haben. Zu ihnen gehören auch die Deutschen und die Kirche.“

          „Er sprach zu uns wie ein Historiker“

          Rivlin fuhr fort: „Er kam und sprach zu uns, als ob er ein Historiker wäre, jemand, der von der Seitenlinie zuschaut. Und was soll man da machen? Er gehörte zu ihnen. Mit allem Respekt für den Heiligen Stuhl, wir können nicht die Bürde ignorieren, die er trägt als ein junger Deutscher, der der Hitlerjugend beitrat und als Person, die in Hitlers Armee eintrat.“

          Der heiligste Gebetsort der Juden: die Klagemauer in Jerusalem

          Der Leiter der Holocaust-Gedenkstätte, Avner Shalev, bezeichnete den Auftritt des Papstes als eine „verpasste Gelegenheit“. Er habe keine Entschuldigung erwartet, aber mehr als das, was er zu hören bekommen habe. Meir Lau, der Chef-Rabbiner von Tel Aviv ist und zugleich dem Beirat von Yad Vashem vorsitzt, vermisste, dass Benedikt die Deutschen und Nazis nicht erwähnte, die an dem Morden beteiligt waren. Nur vage habe der Papst zudem von „Millionen“ getöteter Juden gesprochen, statt zu sagen, dass es sechs Millionen waren. Auch er habe sich wenigstens ein Wort des Bedauerns gewünscht, sagte Meir Lau, der selbst den Holocaust überlebt hatte.

          „Worte wie Aspirin“

          Mit noch härteren Worten setzte sich der israelische Historiker und auch in Deutschland bekannte Buchautor Tom Segev mit dem Auftritt des Papstes in der Zeitung „Haaretz“ auseinander: „Was er über den Holocaust sagte, klang zu kalkuliert, zu diplomatisch und zu professionell. Er riet dazu, ,Mitgefühl' zu zeigen. Dieses Heilmittel ist für Priester, was für Allgemeinärzte Aspirin ist.“ Wie der Rabbiner Meir Lau bemängelte Segev, dass Benedikt nur davon sprach, dass Juden „getötet“ worden seien - wie „durch einen unglücklichen Unfall“, statt auszusprechen, dass man sie ermordet oder vernichtet habe. Selbst die für alle gültigen Lehren aus dem Holocaust, wie den Einsatz für Menschenrechte, habe der Papst mit abstrakten Formulierungen bedacht: „Sie mögen im Vorlesungssaal eines deutschen Theologieprofessors noch ihren Platz haben. Im Internet-Zeitalter sind sie jedoch wenig mehr als leere Banalitäten“, sagte Segev.

          Zustimmung zu Verhalten während Scheich-Provokationen

          Zustimmung fand dagegen Benedikts Verhalten am Montagabend während einer interreligiösen Veranstaltung. Dort hatte Vorsitzende des Scharia-Gerichts der palästinensischen Autonomiebehörde, Scheich Taysir Al-Tamimi, das Wort ergriffen und mehr als fünf Minuten lang Israel beschimpft und dessen Sicherheitskräften vorgeworfen, „Frauen und Kinder zu schlachten“. Der Papst verließ nach dieser nicht geplanten Wortmeldung das Konferenzzentrum in Notre Dame, wo im Anschluss ursprünglich noch ein kleiner Empfang für ihn vorgesehen war.

          Später bestätigte der Sprecher des Papstes, dass ein Beitrag Tamimis nicht auf dem Programm gestanden habe - „das war eine direkte Verneinung dessen, was ein Dialog sein sollte“. In Jerusalem wurde befürchtet, dass die Tiraden Tamimis, der sich schon während des Besuchs von Johannes Paul II. im Jahr 2000 ähnlich geäußert hatte, den Eindruck verfestigen könnte, mit Muslimen sei einfach kein Gespräch über Glaubensfragen möglich.

          Knobloch: „Habe deutliche Worte im Fall Williamson erwartet“

          Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, sagte am Montagabend in der ARD, sie sei enttäuscht darüber, dass sich der Papst in Yad Vashem weder von den Anhängern der traditionalistischen Piusbruderschaft, „die uns immer noch als Gottesmörder bezeichnen“, noch von der umstrittenen Karfreitagsfürbitte für die Erleuchtung der Juden distanziert habe. „Das wäre der Ort gewesen, zu diesen Themen Stellung zu nehmen“, sagte Frau Knobloch.

          Sie bezeichnete es zwar als „absolut lobenswert“, dass Benedikt XVI. zum gemeinsamen Kampf gegen den Antisemitismus aufgerufen habe, sagte Frau Knobloch weiter. Sie sehe aber einen „Graben zwischen den Juden und dem Vatikan“. Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. habe sich für die Verfolgung der Juden durch die Kirche entschuldigt, der Zentralrat erwarte „jetzt sehr intensiv“ vom derzeitigen Papst, „dass auch dieses Thema von ihm angesprochen wird“. Der Aufruf des Papstes zum Kampf gegen Antisemitismus erscheine halbherzig, weil eine klare Distanzierung des Vatikan von der antisemitischen Pius-Bruderschaft fehle. Sie habe sich in Yad Vashem „deutliche Worte“ im Fall Williamson erwartet, sagte sie am Dienstag der „Bild“-Zeitung.

          Kramer: „Papst unglaubwürdig“

          Auch der Generalsekretär des Zentralrates, Stephan Kramer, kritisierte, dass Benedikt XVI. nicht schärfer gegen Williamson vorgehe. „Was soll man von einem öffentlichen Aufruf zum Kampf gegen Antisemitismus halten, wenn er selbst nicht handelt und keine Konsequenzen zieht?“, sagte Kramer den Dortmunder „Ruhr Nachrichten“ . In einem ddp-Interview hatte er dem Papst am Montagabend überdies „Unglaubwürdigkeit“ vorgeworfen. „Es klafft eine riesige Lücke zwischen dem, was er sagt, und wie er sich tatsächlich verhält.“

          Dagegen sagte der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, die Kirche in Deutschland sei dem Papst für seine klaren Worte gegen jede Form des Antisemitismus sehr dankbar. Benedikt XVI. habe deutlich gemacht, dass jede Generation die Verpflichtung habe, an das Geschehene zu erinnern und alles dafür zu tun, dass sich der Holocaust nie wiederhole, sagte Zollitsch ebenfalls in der „Bild“-Zeitung.

          Der für die Beziehungen zum Judentum zuständige Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff sagte am Dienstag in Bonn: „Antisemitismus hat in der katholischen Kirche ebenso wenig Platz wie die Leugnung des Holocaust.“ Benedikt XVI. habe die Verpflichtung der Kirche zum Ausdruck gebracht, immer an der Seite der Opfer zu stehen. Es sei ein Anliegen des Papstes, „für Versöhnung und Verständigung, für Erinnerung und Verantwortung einzutreten“, sagte Mussinghoff. In Yad Vashem sei es ihm vor allem um Erinnerung in Stille gegangen, weil es keine Worte für das Grauen des Holocaust gebe.

          Papst an der Klagemauer

          Am Dienstag, dem zweiten Tag seines Aufenthalts in Israel, pilgerte der Papst zur Klagemauer. Dort hinterließ er ein Zettel mit einem Gebet für Frieden im Nahen Osten. Zuvor hatte er den Felsendom auf dem Tempelberg besucht und den Großmufti von Jerusalem, Muhammad Ahmad Hussein, getroffen. Bei einer Begegnung mit Vertretern des israelischen Großrabbinats äußerte Benedikt den Wunsch, „das gegenseitige Verständnis und die Achtung voreinander zu vertiefen“. Er würdigte Fortschritte im Dialog zwischen dem Großrabbinat und dem Vatikan.

          Bei seinem Besuch im Felsendom sagte das Kirchenoberhaupt, diese heilige Stätte der Muslime sei ein „Ansporn, Missverständnisse und Konflikte der Vergangenheit zu überwinden“ und in einen „ehrlichen Dialog zum Aufbau einer Welt der Gerechtigkeit und des Friedens“ einzutreten. Muslime und Christen sollten sich für die Einheit der gesamten Menschenfamilie einsetzen.

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