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Benedikt XVI. in Israel : Enttäuschung nach Rede in Yad Vashem

Knobloch: „Habe deutliche Worte im Fall Williamson erwartet“

Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, sagte am Montagabend in der ARD, sie sei enttäuscht darüber, dass sich der Papst in Yad Vashem weder von den Anhängern der traditionalistischen Piusbruderschaft, „die uns immer noch als Gottesmörder bezeichnen“, noch von der umstrittenen Karfreitagsfürbitte für die Erleuchtung der Juden distanziert habe. „Das wäre der Ort gewesen, zu diesen Themen Stellung zu nehmen“, sagte Frau Knobloch.

Sie bezeichnete es zwar als „absolut lobenswert“, dass Benedikt XVI. zum gemeinsamen Kampf gegen den Antisemitismus aufgerufen habe, sagte Frau Knobloch weiter. Sie sehe aber einen „Graben zwischen den Juden und dem Vatikan“. Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. habe sich für die Verfolgung der Juden durch die Kirche entschuldigt, der Zentralrat erwarte „jetzt sehr intensiv“ vom derzeitigen Papst, „dass auch dieses Thema von ihm angesprochen wird“. Der Aufruf des Papstes zum Kampf gegen Antisemitismus erscheine halbherzig, weil eine klare Distanzierung des Vatikan von der antisemitischen Pius-Bruderschaft fehle. Sie habe sich in Yad Vashem „deutliche Worte“ im Fall Williamson erwartet, sagte sie am Dienstag der „Bild“-Zeitung.

Kramer: „Papst unglaubwürdig“

Auch der Generalsekretär des Zentralrates, Stephan Kramer, kritisierte, dass Benedikt XVI. nicht schärfer gegen Williamson vorgehe. „Was soll man von einem öffentlichen Aufruf zum Kampf gegen Antisemitismus halten, wenn er selbst nicht handelt und keine Konsequenzen zieht?“, sagte Kramer den Dortmunder „Ruhr Nachrichten“ . In einem ddp-Interview hatte er dem Papst am Montagabend überdies „Unglaubwürdigkeit“ vorgeworfen. „Es klafft eine riesige Lücke zwischen dem, was er sagt, und wie er sich tatsächlich verhält.“

Dagegen sagte der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, die Kirche in Deutschland sei dem Papst für seine klaren Worte gegen jede Form des Antisemitismus sehr dankbar. Benedikt XVI. habe deutlich gemacht, dass jede Generation die Verpflichtung habe, an das Geschehene zu erinnern und alles dafür zu tun, dass sich der Holocaust nie wiederhole, sagte Zollitsch ebenfalls in der „Bild“-Zeitung.

Der für die Beziehungen zum Judentum zuständige Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff sagte am Dienstag in Bonn: „Antisemitismus hat in der katholischen Kirche ebenso wenig Platz wie die Leugnung des Holocaust.“ Benedikt XVI. habe die Verpflichtung der Kirche zum Ausdruck gebracht, immer an der Seite der Opfer zu stehen. Es sei ein Anliegen des Papstes, „für Versöhnung und Verständigung, für Erinnerung und Verantwortung einzutreten“, sagte Mussinghoff. In Yad Vashem sei es ihm vor allem um Erinnerung in Stille gegangen, weil es keine Worte für das Grauen des Holocaust gebe.

Papst an der Klagemauer

Am Dienstag, dem zweiten Tag seines Aufenthalts in Israel, pilgerte der Papst zur Klagemauer. Dort hinterließ er ein Zettel mit einem Gebet für Frieden im Nahen Osten. Zuvor hatte er den Felsendom auf dem Tempelberg besucht und den Großmufti von Jerusalem, Muhammad Ahmad Hussein, getroffen. Bei einer Begegnung mit Vertretern des israelischen Großrabbinats äußerte Benedikt den Wunsch, „das gegenseitige Verständnis und die Achtung voreinander zu vertiefen“. Er würdigte Fortschritte im Dialog zwischen dem Großrabbinat und dem Vatikan.

Bei seinem Besuch im Felsendom sagte das Kirchenoberhaupt, diese heilige Stätte der Muslime sei ein „Ansporn, Missverständnisse und Konflikte der Vergangenheit zu überwinden“ und in einen „ehrlichen Dialog zum Aufbau einer Welt der Gerechtigkeit und des Friedens“ einzutreten. Muslime und Christen sollten sich für die Einheit der gesamten Menschenfamilie einsetzen.

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