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Benedikt XVI. in Havanna : Der Papst und die legitimen Hoffnungen der Kubaner

  • -Aktualisiert am

Warten auf den Papst: Havanna am Montag Bild: dapd

Papst Benedikt ist in Kuba eingetroffen. Am Dienstag reist er nach Havanna weiter, wo die Kubaner mit ihm die Messe feiern sollen, wo sonst der Máximo Líder Reden schwingt. Doch das Regime hat sich der Kirche nur wenig geöffnet.

          „Die Botschaft des Evangeliums ist genau das Gegenteil von Macht und Arroganz“, ruft Don Pepe seiner Gemeinde in der Santa-Rita-Kirche zu, die in Havannas feinem Viertel Miramar steht. Die Bibel lehne es ab, „mit Gewalt an der Macht festzuhalten“. Niemand stört die Predigt des Paters, der eigentlich José Félix Pérez heißt; nur die Ventilatoren unter der Decke surren, und die Vögel singen vor den offenen Fenstern. Don Pepe ist ein charismatischer Prediger – und er ist stellvertretender Generalsekretär der kubanischen Bischofskonferenz.

          Das ist vor allem 35 weiß gekleideten Frauen wichtig, die sich auch heute wieder unter die etwa 400 Gläubigen gemischt haben. Denn der Pater hält seine schützende Hand über die „Damen in Weiß“, die seit Jahren sonntags still durch die Stadt marschieren, um gegen die Inhaftierung ihrer Ehemänner, Väter oder Brüder zu protestieren – oder gegen deren Verbannung ins Exil.

          Ein stärkeres Signal als jede Geste des Paters wäre für die Dissidentinnen ein Treffen mit dem Papst. Am Montag landete Benedikt XVI., aus Mexiko kommend, in der ehemaligen Hauptstadt Santiago de Cuba. An diesem Dienstag kommt er nach Havanna, und die „Damas de Blanco“ haben früh deutlich gemacht, dass sie auf ein Treffen hoffen. Versprochen wurde ihnen nichts, wenn es auch Stimmen im Vatikan gab, die darauf verwiesen, es gebe immer auch Begegnungen außerhalb des offiziellen Programms.

          „Der Wandel muss von innen kommen“

          Die kubanische Kirche will sich jedenfalls nicht vor den Karren der „Damas“ oder anderer Oppositioneller spannen lassen. Vor Tagen ließ der Erzbischof von Havanna, Kardinal Jaime Lucas Ortega, sogar die Polizei eine von Dissidenten besetzte Kirche räumen. Jetzt appelliert Don Pepe an seine Gemeinde: „Jeder spricht vom Wunsch nach Wandel. Aber es ist ein Fehler zu glauben, dass sich nur die anderen ändern müssen. Der Wandel muss alle erfassen und er muss von innen kommen.“ Dabei zeigt der Pater auf zwanzig erwachsene Männer und Frauen, die sich taufen lassen wollen und gerade vor dem Altar empfangen wurden. Es ist ungewiss, wie viele der knapp zwölf Millionen Kubaner Katholiken sind. Der Heilige Stuhl sagt, 60 Prozent. Andere Statistiken behaupten, nur jeder dritte Kubaner sei katholisch getauft. Sicher ist, dass viele Kubaner, die katholische Heilige verehren, zugleich dem afroamerikanischen Kult der Santeria anhängen. Der Nuntius auf Kuba, Erzbischof Bruno Musaro, hält sich denn auch mit Zahlen nicht auf. Er spricht von der „spirituellen Leere“ der Kubaner und ihrer „Sehnsucht, die Leere kommunistischer Revolutionsphrasen in Glaubenszuversicht einzutauschen“.

          Pilger der Barmherzigkeit: Havanna ist bereit für Papst Benedikt XVI.

          Mehr als 50 Jahre lang haben die Greise der Revolution Kuba fest im Griff: der 2006 faktisch abgetretene kranke „Maximo Líder“ Fidel Castro und sein 1931 geborener Bruder Raúl, der seit 2008 offiziell als Präsident amtiert. Das Land ist augenscheinlich am Ende, woran auch die vom jüngeren Castro verordneten kleinen Liberalisierungen nichts ändern. Wie sehr die Porträts und die Phrasen der vermeintlich ewig siegreichen Revolution an den Fassaden Havannas verblasst sind, zeigt sich dieser Tage besonders deutlich, weil daneben für den Papst neue Plakate aufgehängt wurden: „Herzlich willkommen, Pilger der Barmherzigkeit!“

          Längs der langen Calle Neptuno, vom Platz José Martí bis zur Universität bieten zwar viele Kleinunternehmen ihre Dienste an, private Taxis etwa oder Bäckereien, die noch nachts geöffnet sind; selbst ein Fitnessstudio hat aufgemacht. Aber die Straße ist am Abend kaum beleuchtet, es riecht nach Katzendreck und jederzeit können Steine, gar ganze Balkone auf die Straße herabfallen oder Dächer einstürzen. An der Uferpromenade, dem acht Kilometer langen „Malecón“, frisst der beißende Salzwind die Häuser geradezu auf.

          Raúl Castro erlaubte ein wenig Privatwirtschaft, weil das Regime ein Drittel der staatlichen Angestellten, es ist von 500.000 bis zu einer Million Menschen die Rede, entlassen musste. Die meisten wurden freilich nicht steuerzahlende Kleinunternehmer, sondern Arbeitslose. In dieser Lage hofft das Regime darauf, dass der Besuch von Benedikt XVI. dem Land Schwung verleiht – und dass sich der Papst die Begründung der Regierung für alle Missstände zueigen macht und das von den Vereinigten Staaten verhängte Wirtschaftsembargo kritisiert.

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