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Benedikt in Yad Vashem : „Ihr Schrei hallt in unseren Herzen“

Benedikt: „Im Schweigen, um zu gedenken, im Schweigen, um zu hoffen” Bild: dpa

Es war wohl der schwerste Besuch für Benedikt XVI. im Programm seiner Israel-Reise: In der Gedenkstätte Yad Vashem hat der Papst der Schoa, des Völkermords an den Juden durch die Nazis während des Zweiten Weltkriegs, gedacht.

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          Die Abendsonne wirft ihr mildes Licht über die bewaldeten Hügel, der Wind trägt die Stimmen der Vögel herüber. Aber kein Sonnenstrahl dringt in den fensterlosen Raum. Nur der Kranz aus weißen und gelben Blumen in den Farben der Vatikan-Flagge, den Papst Benedikt in der „Halle der Erinnerung“ für die sechs Millionen Opfer des Holocaust niederlegt, leuchtet vor der Wand aus grauen Basaltquadern unter der drückend niedrigen Betondecke.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Für keinen Staatsgast, der nach Israel kommt, ist der Besuch in Yad Vashem leicht, für Papst Benedikt ist es wohl der schwerste auf seiner fünf Tage dauernden Reise ins Heilige Land. Herzlich hatte ihn Staatspräsident Peres empfangen, der ihn auch in die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem begleitete. Aber keine Zeitung und kein Fernsehkommentator hatten am Montagmorgen den Namen Benedikts genannt, ohne noch im selben Atemzug auch seine Mitgliedschaft in der Hitlerjugend und die Rehabilitierung von Bischof Williamson zu erwähnen, der den Holocaust geleugnet hatte.

          „Benedikt ein Teil des Krieges gegen das jüdische Volk“

          Von „zurückhaltendem Respekt“ schrieben Leitartikler, den man in Israel bereit sei, dem Oberhaupt der Katholiken zu zollen. Anerkennung fand, dass Benedikt während seines Aufenthalts in Jordanien von einem „undurchtrennbaren Band“ gesprochen hatte, das Christen und Juden verbinde. Mit angespannten Gesichtszügen hatte Benedikt gleich nach seiner Landung in Tel Aviv vor Antisemitismus gewarnt, den es mit aller Härte zu bekämpfen gelte. Auch an den Holocaust erinnerte er. Aber die eigentliche Bewährungsprobe blieben die 45 Minuten, die der Papst am Abend in Yad Vashem verbringen sollte.

          Erinnerungsstätte: Yad Vashem in Jerusalem

          Denn es fehlte in Israel nicht an Stimmen von Leuten, die Benedikt in der „Gedenkstätte für die Opfer und Helden des Holocaust“ nicht sehen wollten. Für sechs Uhr abends hatten Gegner seines Auftritts dazu aufgerufen, ihren Unmut mit einem Autohupkonzert kundzutun. Und schon die Vorbereitung der Zeremonie in der „Halle der Erinnerung“ war nicht einfach. So lehnten mehrere Holocaust-Überlebende die Einladung ab, den Papst zu treffen. „Als ein Überlebender kann ich an keiner Feier teilnehmen, die einen Mann ehrt, der Teil des Krieges gegen das jüdische Volk war“, begründete zum Beispiel der frühere Knesset-Abgeordnete Shmuel Halpert seine Absage. Der Papst „hätte gar nicht nach Israel eingeladen“ werden dürfen, setzte er hinzu.

          Erinnerung an Johannes Paul II.

          Am Montagabend schüttelte Benedikt dann aber doch sechs Überlebenden die Hände. In trockener Sprache und knappen Sätzen gab ein Sprecher die Stationen ihres Leidenswegs wieder. Aus ihrem eigenen Mund klang das dann ganz anders. Die 83 Jahre alte Gita Calderon verlor zum Beispiel ihre gesamte Familie. „Wenn ich könnte, würde ich dem Papst sagen, dass die Wunde des Holocausts bei mir nie heilte. Sie schmerzt und blutet immer noch“, sagte sie in einem Interview.

          Nur wenige Worte konnte Benedikt mit jedem einzelnen wechseln. Aber gerade diese kurzen Begegnungen zeigten, worin er sich von seinem Vorgänger Johannes Paul vielleicht am stärksten unterscheidet. Dieser war auf seiner Nahost-Reise im März 2000 ebenfalls in Yad Vashem gewesen. Sein Besuch in der „Halle der Erinnerung“ glich vom Ablauf her dem Benedikts. Aber der damals schon von Krankheit gezeichnete polnische Papst kam aus einem Land, das unter nationalsozialistischer Terrorherrschaft ähnlich zu leiden hatte - wie die Juden, in deren Erinnerung Yad Vashem gegründet wurde.

          Benedikt blieb nur die Rede

          So traf dort Johannes Paul Edith Zierer. Als junger Priesteramtskandidat hatte er ihr als Dreizehnjähriger das Leben gerettet. Völlig entkräftet war sie einem deutschen Arbeitslager entkommen und im Januar 1945 auf einer Straße zusammengebrochen, wo sie der junge Karol Woytila fand. Er gab ihr zu essen und trug sie mehrere Kilometer weit auf seinem Rücken bis zum nächsten Bahnhof. Die Bilder, wie er ihr im Jahr 2000 zärtlich den Arm streichelte, sagten mehr als viele Worte, die er fand.

          Benedikt blieb am Montag nur seine kurze Rede. Auf einen ausführlicheren Besuch der Ausstellungshallen hatte er verzichtet. Dort hängt auch ein Foto des Papstes Pius XII, dessen Heiligsprechung der Vatikan seit längerer Zeit erwägt. In Yad Vashem wirft die Bildunterschrift dem Papst während der Zeit der Judenverfolgung vor, geschwiegen und nicht genug getan zu haben, um Menschen vor dem Tod in den Konzentrationslagern zu retten. Mit keinem Wort ging jedoch Benedikt in seiner Rede auf Pius oder Bischof Williamson ein.

          Stattdessen setzte er sich als Theologe mit dem Namen der Gedenkstätte auseinander: „Shem“ ist das hebräische Wort für „Name“. Bei Gott sei kein einziger Name eines Holocaust-Opfers vergessen, sagte er. Und das „tiefe Mitgefühl“ der katholischen Kirche gelte den Menschen, an die Yad Vashem erinnere. „Wie meine Vorgänger verspreche ich, dass die Kirche rastlos dafür beten und arbeiten wird, dass Hass nie wieder die Herzen der Menschen regiert“, versprach er. Vor der flackernden „ewigen“ Flamme dankte Benedikt zum Schluss für die Stille, in der man dort beten und hoffen dürfe. Nur das Zwitschern der Vögel drang in diesem Augenblick durch die dicken Mauern. (Siehe auch: Benedikt verneigt sich vor den Opfern des Holocausts)

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