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Benedikt bei den Palästinensern : „Viva al Baba, viva Gaza!“

Mit Sicherheit: Bethlehem am Mittwoch Bild: AFP

Jubel für den Papst in Bethlehem: Bei seinem einzigen Auftritt in den Palästinensergebieten spricht Benedikt XVI. den Flüchtlingen im Gazastreifen seine Solidarität aus. Auf der Messe singen die Gläubigen Weihnachtslieder - bei sommerlichen Temperaturen.

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          Die Musik und das Wetter wollen nicht recht zusammen passen. Während der Chor „Hört der Engel helle Lieder“ und „Adeste fideles“ anstimmt, fangen die ersten Menschen an, sich nach ein einem Schattenplatz umzusehen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Schon am Morgen zeigt die Sonne in Bethlehem, dass bald der Sommer kommt. Doch in der Geburtstadt Jesu, wo Papst Benedikt auf dem vollbesetzten Krippenplatz am Morgen seine einzige Messe in den Palästinensergebieten feiert, werden auch Weihnachtslieder im Mai gesungen.

          Herzlichkeit für Gaza

          Der Jubel, der aufbrandet, als Benedikt im Papamobil vorfährt, zeigt jedoch, dass die meisten in Gedanken an diesem Morgen woanders sind: „Viva al Baba, viva Gaza!“, rufen sie dem Papst zu, dem es offenbar ähnlich geht. Gleich zu Beginn seiner Predigt begrüßt er die kleine Pilgergruppe aus Gaza.

          Jubel für den Papst in Bethlehem

          Unter spontanem Applaus bittet der Papst sie, seine „herzliche Umarmung“ für alle diejenigen mit nach Hause zu nehmen, die nicht ausreisen durften. Eine ähnliche Herzlichkeit des meist eher zurückhaltend auftretenden Kirchenoberhaupts hatten Israelis während seiner zwei Tage in Jerusalem vermisst.

          Nur 48 Christen aus dem Gazastreifen hatten die israelischen Behörden in letzter Minute erlaubt, zur Messe nach Bethlehem zu reisen. „Mehr als 200 Genehmigungen hatten wir erbeten“, sagt traurig, aber mit leuchtenden Augen Jorge Hernandez; er ist der Priester der einzigen römisch-katholischen Gemeinde in Gaza-Stadt. An der Seite des Papstes zelebrierte er die Messe auf dem Krippenplatz mit. „Benedikt hat die Menschen in Gaza in seinem Herzen“, ist er nach dem Gottesdienst überzeugt.

          Scharfschützen rund um die Geburtskirche

          Der Papst predigte zwar ausführlich über die „freudige Botschaft“, die für Christen von Bethlehem ausgehe. Aber die Menschen in der durch die israelische Sperranlage weitgehend von der Außenwelt abgeschnittenen Stadt erwarten mehr von ihm und hoffen auf unmissverständliche politische Aussagen.

          „Es ist gut, dass der Papst endlich selbst sieht, dass wir hier in einem großen Gefängnis leben. Meine Familie hat 76 Mitglieder, aber nur zwei von uns dürfen über die Grenze ins nahe Jerusalem reisen“, klagt zum Beispiel Joseph Giacaman.

          Von seinem Laden für Olivenholzschnitzereien aus kann er die Messe auf dem Krippenplatz verfolgen. Während der Papst dort gerade das Abendmahl feiert, hat sein Geschäft genauso geöffnet wie die Cafés nebenan: Eine fröhliche Stimmung herrscht auf dem Platz vor der Geburtskirche, auch wenn auf den Dächern rundherum Scharfschützen postiert sind und in den Straßen der Stadt 3000 Polizisten auf den Papst aufpassen.

          Umzug von Sperrmauer in UN-Schule

          „Es war richtig, dass er an die Menschen in Gaza erinnert hat. Aber wir haben hier schon so viele Reden gehört. Dann sind sie abgereist und nichts passiert“, erinnert sich eine junge Palästinenserin mit einem Strauß weiß-gelber Blumen im Arm.

          Nur ein roter Teppich verschönert die Bühne, auf der der Papst am Nachmittag Platz nimmt. Wichtiger ist den Menschen im Flüchtlingslager im Bethlehemer Stadtteil Aida, dass die graue Betonmauer und der Wachturm mit den Schießscharten zu sehen geblieben sind.

          Ursprünglich hatten sie für den Gast aus Rom eine neue Bühne unmittelbar neben der israelischen Sperranlage errichtet. Nach Protesten aus Jerusalem und auf Bitten des Vatikans hin wich man aber in den Hof einer benachbarten UN-Schule aus.

          Besuch in Flüchtlingslager

          Der Papst musste jedoch gar nicht direkt neben der Mauer stehen, um kritische Worte für das Bauwerk zu finden. Für ihn verkörpert sie den „Stillstand“, den die Beziehungen zwischen Israelis und Palästinenser erreicht haben: In einer Welt, in der immer mehr Grenzen fallen, sei „es tragisch zu sehen, wie immer noch Mauern errichtet werden“, sagt er in seiner Rede, in der er auch die Flüchtlinge nicht vergisst. Benedikt erwähnt dabei sogar den Jahrestag der „Nakba“: Am Freitag begehen die Palästinenser wieder den Jahrestag der „Katastrophe“, die für die meisten von ihnen der 15. Mai 1948 bedeutet, als Israel gegründet wurde und für viele später Flucht und Vertreibung mit sich brachte.

          Er sei auch nach Aida gekommen, um seine „Solidarität mit all den heimatlosen Palästinensern auszudrücken, die sich danach sehnen, an ihren Geburtsort zurückzukehren oder dauerhaft in einem Heimatland zu leben, das ihnen gehört“, versichert er.

          Benedikt ist sich bewusst, dass man seine Worte auch auf der anderen Seite der Mauer in Israel genau verfolgt. In seinem politischen Balanceakt, der seine ganze Reise prägt, versucht der Papst auch in Aida, weder Israelis noch Palästinensern erkennbar den Vorzug zu geben: Im Flüchtlingslager traf er die Kinder eines christlichen und eines muslimischen Palästinensers, die in Israel inhaftiert sind. Einer von ihnen ist zu mehreren hundert Jahren Haft verurteilt. In Jerusalem hatte Benedikt am Montag die Eltern des von der Hamas im Gazastreifen entführten Soldaten Gilad Schalit getroffen.

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