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Ben Ali : Der Tyrann und der Gemüsehändler

  • -Aktualisiert am

Hoffnungsträger: Zine al Abidine Ben Ali im Jahr 1987 Bild: AFP

Tunesien galt dem Westen als Musterland des Maghreb. Das Volk sah das anders - und hat seinen Präsidenten Ben Ali in die Flucht geschlagen. War die Zeit des einstigen Hoffnungsträgers einfach abgelaufen?

          6 Min.

          Und dann war er plötzlich weg, gestürzt von einem toten Gemüsehändler. Nach 23 Jahren autokratischer Herrschaft verließ der tunesische Präsident Zine al Abidine Ben Ali am Freitag sein Land wie ein Dieb in der Nacht. Seine zweite Frau, die schöne Friseuse Leila, die in seinem Schatten als größte Unternehmerin des Landes mit ihrem Familienclan sagenhafte Reichtümer zusammengerafft haben soll, nahm er mit. So endete der 74 Jahre alte, einst Hoffnung spendende Reformer, in einem saudi-arabischen Exil für Tyrannen, wo es ihm zumindest an Geld wohl nicht fehlen wird.

          Er hinterlässt ein zunächst kopfloses Tunesien ohne „natürlichen“ Nachfolger, mit einer diskreditierten Übergangsregierung, bis dato gegängelten kleinen Oppositionsparteien und dem Versprechen, in sechs Monaten Parlamentswahlen abzuhalten. Sein Ministerpräsident Mohamed Ghannouchi, dem er die Macht übertrug, agiert als Interimspräsident. Viele Augen richten sich auf die Armee, die sich nun auch mit Plünderern und marodierenden Banden auseinandersetzen muss. Ihre Zurückhaltung während der Unruhen hat zu ihrem Ansehen bei der Bevölkerung beigetragen. Jetzt ist sie der vielleicht wichtigste Stabilitätsfaktor. Bleibt zu wünschen, dass den fleißigen, tüchtigen, „verwestlichten“ Tunesiern nicht als rasch reagierender Störfaktor „Al Qaida im islamischen Maghreb“ in die Quere kommt und zu allem entschlossene „Bärtige“ versuchen, das Machtvakuum zu nutzen.

          Krieg im Internet und auf der Straße

          Was in dem Monat seit der Selbstverbrennung jenes jungen Akademikers geschah, dem am 17. Dezember Ben Alis Staatsorgane den Gemüsestand mangels Lizenz wegnahmen, war auch eine Art Facebook-Revolte. Denn von den zehn Millionen Tunesiern, die die an die alte „Prawda“ erinnernden Parteizeitungen seit langem nur noch mit gelangweilten Blicken streiften, hat fast die Hälfte Internetzugang. Und das Fünftel, das angeblich schon bei Facebook und verwandten Netzen registriert war, nutzte diese Quellen, um zu beobachten, wie die einst eiserne Faust eines nordafrikanischen Staatschefs rasant oxydierte. Während in Tunis zu Beginn der Unruhen noch kräftige Männer in Zivil durch die Cafés eilten, um den Besitzern das Einschalten des arabischen Fernsehsenders Al Dschazira zu verbieten, liefen die Nachrichten über den Ernst der Lage längst auf anderen Kanälen.

          Game over - Aber die neue Runde beginnt
          Game over - Aber die neue Runde beginnt : Bild: AFP

          Die tunesische Stasi wirkte hilflos, als ausländische „Anonymus“- Hacker diverse Webseiten der Regierung lahmlegten und diese mehrere Wochen brauchte, um sich mit einem fünfstündigen Blackout bei Facebook zu revanchieren. Doch während der Krieg im Cyberspace ohne physische Opfer abging, wurde auf den Straßen scharf geschossen. Seit dem Tag, an dem der 26 Jahre alte arbeitslose Informatiker Mohamed Bouazizi sich in der Stadt Sidi Bouzid mit Benzin übergoss, waren nach offizieller Version etwa zwei Dutzend Tote und nach inoffizieller mehr als doppelt so viel zu beklagen.

          Ben Ali galt dem Westen stets als Garant der Stabilität

          Und das alles in dem friedlichen, relativ prosperierenden, ordentlichen, von extremistischen Islamisten bislang kaum infizierten Tunesien, wo Deutsche und andere Europäer – von dem Terroranschlag auf eine Synagoge auf Djerba im Jahr 2002 einmal abgesehen – sorgenfreien Sonnen- und Strandurlaub zu machen pflegen? Genau in diesem Tunesien, dem wohlhabendsten Land Afrikas, der Gesellschaft mit den meisten Alphabeten und dem breitesten Mittelstand des Maghrebs, der erfolgreichen Trennung von Kirche und Staat, sowie seiner gut ausgebildeten, selbstbewussten und unverschleierten Frauen als Stütze der Schulen, Universitäten, der öffentlichen Verwaltung, der Polizei und sogar des Militärs (freiwillig), geht es drunter und drüber.

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