https://www.faz.net/-gpf-abne1

Belgiens Öffnungsplan : Mega-Festivals im August?

Junge Belgier feiern am 8. Mai die Öffnungsschritte in Brüssel Bild: dpa

Die belgische Regierung will in den nächsten drei Monaten fast alle Corona-Beschränkungen aufheben. Unumstritten ist das nicht – der Gesundheitsminister und Wissenschaftler warnen vor allem vor dem letzten Schritt.

          3 Min.

          „Wir haben Riesenschritte nach vorne gemacht“, sagte Alexander De Croo, der liberale belgische Premierminister, als er diese Woche den ambitionierten Öffnungsplan seiner Regierung vorstellte. „Je mehr Menschen geimpft werden, desto schneller können wir unsere Freiheiten zurückbekommen.“ Zwar steht Belgien beim Impfen gut da, ähnlich wie Deutschland. Doch reicht das, um schon jetzt die nahezu vollständige Aufhebung aller Corona-Einschränkungen bis Mitte August zu planen und wieder Großveranstaltungen mit Tausenden Teilnehmern in Aussicht zu stellen? In der Regierung war das Vorhaben umstritten. Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke, ein flämischer Sozialdemokrat, kam gar nicht erst zur Pressekonferenz, bei der die Lockerungen verkündet wurden. Auch mehrere Fachleute warnen vor überzogenen Erwartungen.

          Thomas Gutschker
          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Dagegen atmen Gastwirte, Fitnesscenter, Kinobetreiber und Kulturschaffende hörbar auf. Sie alle dürfen ab 9. Juni wieder Gäste in Innenräumen empfangen. Es gibt dafür einige Auflagen: Ausreichende Belüftung muss nachgewiesen werden, die Zahl der Personen wird beschränkt. In Restaurants dürfen maximal vier Personen an einem Tisch sitzen oder ein gesamter Haushalt. In Theatern und Kinos sind bis zu 200 Personen zugelassen, oder 75 Prozent der maximalen Kapazität; es herrscht Maskenpflicht. Geknüpft ist das an zwei Bedingungen: Die Zahl der Covid-Patienten auf den Intensivstationen muss von derzeit 700 auf unter 500 sinken; das wäre ein Viertel der Kapazität. Und es müssen mindestens 80 Prozent der Risikogruppen geimpft sein, das sind Personen über 65 Jahren und solche mit Vorerkrankungen.

          Zwölf Prozent vollständig geimpft

          Dieses Ziel dürfte das Land erreichen. Momentan haben rund 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung (3,6 Millionen Menschen) ihre erste Impfung bekommen, mehr als zwölf Prozent (eine Million) wurde vollständig geimpft. Laut Premierminister De Croo sollen in den nächsten vier Wochen 2,2 Millionen weitere Dosen verimpft werden. Schon heute ist es so, dass jeder Erwachsene über 41 Jahren, der sich mit Astra-Zeneca impfen lassen will, dies sofort im örtlichen Impfzentrum tun kann. Die weiteren Öffnungsschritte sind an eine steigende Impfquote gekoppelt: mindestens 60 Prozent der Erwachsenen bis Anfang Juli, 70 Prozent bis Ende Juli.

          Wird das erreicht, dürfen vom 1. Juli an wieder bis zu 2000 Menschen an Indoor-Events teilnehmen, einen Monat später sogar bis zu 3000 Menschen. Unter freiem Himmel sind es 2500 beziehungsweise 5000 Personen. Für Familienfeste – ein wichtiger Übertragungsherd in den vorigen Wellen – gelten engere Beschränkungen, die aber ebenfalls schrittweise gelockert werden. In Kirchen sind maximal 200 Personen zugelassen. Im Juli entfallen auch alle Einschränkungen für Sportler und die Home-Office-Pflicht.

          Ab dem 13. August soll es dann sogar wieder große Festivals mit mehr als 5000 Teilnehmern geben. Die Regierung will dafür einen „Covsafe“-Nachweis entwickeln, den alle bekommen, die mindestens einmal geimpft wurden oder einen negativen PCR-Test vorlegen können. Dieser Nachweis ist unabhängig vom „digitalen grünen Nachweis“, über den auf EU-Ebene verhandelt wird. In Belgien finden einige der größten Musikfestivals statt, sie heißen Tomorrowland, Rock Werchter oder Pukkelpop. An diesem Punkt entzündete sich der politische Streit.

          „Wir sollten ambitionierter sein“

          Gesundheitsminister Vandenbroucke, der für einen harten Coronakurs steht, ging das alles zu weit. Insbesondere kritisierte er bei den Beratungen zwischen Regierung und Föderationen im sogenannten Konzertierungsausschuss, dass zwar die Zahl der Geimpften steigen soll, die Höchstzahl der Intensivpatienten aber konstant bei 500 bleibt. Von diesem Niveau aus könnten die Krankenhäuser schnell wieder überlastet sein.

          „Ich habe manchmal das Gefühl, ich bin der einzige, der das Gesundheitswesen im Konzertierungsausschuss noch verteidigt und auf den Tisch haut“, sagte der Sozialdemokrat dem flämischen Fernsehsender VRT. Gegen Vandenbroucke setzte sich der flämische Ministerpräsident Jam Jambon durch, der gerne „noch ambitioniertere“ Schritte gesehen hätte. Jambon hat ein leicht erkennbares Interesse: Die meisten Musikfestivals finden in Flandern statt und bringen beträchtliche Umsätze.

          Kritisch äußerten sich auch mehrere Fachleute. So verwies die Virologin Erika Vlieghe, die die Regierung berät, auf „eine der großen Unbekannten“, nämlich die indische Corona-Variante. „Die rückt außerhalb Indiens schnell vor, auch in Belgien“, warnte sie. Der Leiter der belgischen Infektionsschutzbehörde Steven Van Gucht sagte: „Ich bin froh, dass es wieder Perspektiven gibt und ich bin besorgt, weil alles ein bisschen zu schnell geht.“ Wie Vlieghe kritisierte er, dass der Schwellenwert für Intensivpatienten nicht an die Öffnungsschritte angepasst worden sei: „Das sind trotzdem noch sehr viele sehr kranke Patienten. Wir würden lieber sehen, dass die Zahl dann noch weiter zurückgeht. Wir sollten echt ambitionierter sein, wenn wir im September eine Normalisierung erreichen wollen.“ 

          Sogar Yves Van Laethem, der Sprecher der Föderalregierung für Covid-Fragen, äußerte wegen der Festivals Vorbehalte: „Wenn dann wieder Zehntausende Menschen aus ganz Europa kommen, vielleicht mit Varianten“, dann schaffe das „einige Beunruhigung bei nicht wenigen Fachleuten“, sagte Van Laethem.  

          F.A.Z. Frühdenker – Der Newsletter für Deutschland

          Werktags um 6.30 Uhr

          ANMELDEN

          Weitere Themen

          Zweite Amtszeit für Guterres Video-Seite öffnen

          UN-Generalsekretär : Zweite Amtszeit für Guterres

          Guterres wurde von der 193 Mitglieder zählenden UN-Generalversammlung für weitere fünf Jahre ernannt. Er ist ein großer Befürworter des Klimaschutzes, von COVID-19-Impfstoffen für alle sowie der digitalen Zusammenarbeit.

          Topmeldungen

          Kann Jens Spahn als von Corona genesen gelten?

          F.A.S. Exklusiv : Herr Spahn und die Genesenen

          Der Gesundheitsminister macht es Leuten schwer, die Corona schon überstanden haben. Wie viele Impfungen sie brauchen, ist umstritten. Hat Jens Spahn sich selbst vergessen?
          Was das alles kostet: Energieversorgung und Verkehr sind wegen der CO2-Bepreisung zuletzt teurer geworden.

          CO2-Preis : Beim Spritpreis hört der Spaß auf

          Klimaschutz ist ein Wahlkampfschlager, aber nur dann, wenn er möglichst wenig kostet. Wie lässt sich der CO2-Preis sozialverträglich erhöhen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.