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Corona-Einschränkungen : Warum Belgien den deutschen Corona-Kurs kritisiert

Der belgische Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke bei einer Pressenkonferenz in Brüssel am 20. November Bild: dpa

Belgien hat kaum noch mehr Infektionen als Deutschland, hält aber an strengen Einschränkungen fest. Der Gesundheitsminister verteidigt das – er hält den deutschen Kurs für zu lax. Dabei war die Bewunderung noch vor kurzem groß.

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          Ein Monat kann viel ausmachen in Corona-Zeiten. Ende Oktober hatte Belgien bei den Ansteckungen einen traurigen Spitzenplatz in Europa erobert, jetzt gehört es zum unteren Drittel der Staaten. Damals war die Ansteckungsrate neunmal so hoch wie in Deutschland. Nun liegen beide Staaten beim Inzidenzwert fast gleichauf. Während er in Belgien von 1600 auf 350 Infektionen pro 100.000 Einwohner in zwei Wochen fiel, ist er in Deutschland auf 300 gestiegen. Am Freitag zog die belgische Regierung ihre versprochene  Zwischenbilanz – und kritisierte die aus ihrer Sicht zu laxen Einschränkungen bei den Nachbarn. 

          Thomas Gutschker

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Von Erleichterung über die stark gesunkenen Zahlen war wenig zu spüren. Die Lage sei immer noch „außergewöhnlich gravierend“, warnte Premierminister Alexander De Croo. Man müsse Woche für Woche daran arbeiten, die Zahlen weiter zu drücken. Deswegen müssten die im Oktober verhängten Maßnahmen weiter in Kraft bleiben. Mit einer Ausnahme: Von Dienstag an dürfen alle Geschäfte wieder öffnen.

          Ausnahmen zum Pralinenkaufen

          Zuletzt gab es nur für den „unbedingt notwendigen“ Bedarf eine Ausnahme – wozu in Belgien Pralinen gehören, nicht aber Bekleidung. Weiterhin geschlossen sind dagegen Restaurants, Bars und Cafés, die nächtliche Ausgangssperre bleibt, und auch an den Kontaktbeschränkungen ändert sich nichts. Frühestens Mitte Januar könne man über Lockerungen nachdenken, sagte De Croo, wenn man die Anstrengungen bis dahin fortsetze. Man müsse alles tun, um eine dritte Welle zu verhindern. „Denn eine dritte Welle wäre noch schwieriger zu bewältigen als die zweite“, warnte der flämische Liberale.

          Für jene, die auf Ausnahmen wenigstens zu den Feiertagen gehofft hatten, war das eine kalte Dusche. Erlaubt ist pro Haushalt lediglich ein enger Kontakt – „knuffelcontact“, wie es im Niederländischen so schön heißt. Größere Familienfeiern fallen damit flach. „Ich hätte auch gerne Weihnachten mit meiner Schwester und meinen Eltern gefeiert“, sagte De Croo, „aber es geht in diesem Jahr nicht.“

          Freilich gibt es eine Ausnahme: Man darf vier Gäste zu sich einladen, wenn die Abstandsregeln eingehalten oder Masken getragen werden. Das dürften viele Familien nutzen, zumal die Innenministerin schon klarstellte, dass anstelle des Weihnachtsmanns nicht plötzlich die Polizei vor der Tür stehen werde. Trotzdem blicken manche Belgier nun neidisch auf die Nachbarn. Im Vereinigten Königreich dürfen drei Haushalte gemeinsam Weihnachten feiern, in Deutschland zehn Personen.

          Die Bewunderung für Deutschland ist passé

          „Das ist nicht vorsichtig“, sagte Frank Vandenbroucke, der föderale Gesundheitsminister, am Freitag. „Wenn das Virus  eines mag, dann sind es Feiern, besonders solche mit wechselnden Gästen.“ Das müsse man unbedingt vermeiden, „deshalb finde ich, dass unsere Nachbarn nicht das Erforderliche tun“. Das zielte vor allem auf Deutschland. Eine solche Kritik wäre noch vor kurzem unvorstellbar gewesen. Belgische Politiker verfolgten mit Anerkennung und Bewunderung, wie der große Nachbar die Pandemie im Griff hatte, während sie ihnen selbst entglitt. Oft wurde darauf verwiesen, dass die Deutschen sich eben an Regeln hielten, während Belgier stets eine Hintertür suchten.

          Belgiens Ministerpräsident Alexander De Croo auf einer Pressekonferenz am 27. November in Brüssel
          Belgiens Ministerpräsident Alexander De Croo auf einer Pressekonferenz am 27. November in Brüssel : Bild: dpa

          Jetzt aber ändert sich das Bild. Er kriege „einen Schrecken“, wenn er auf die Ausnahmeregelung für Weihnachten in Deutschland sehe, sagte Steven Van Gucht, der die belgische Infektionsschutzbehörde leitet. „Die Ausnahmen können enorm sein.“ Auf dringenden Rat von Fachleuten hat die Regierung auch Feuerwerk an Silvester verboten. Knallkörper und Raketen dürfen nicht verkauft werden. Man will so Menschenansammlungen und eine zusätzliche Belastung der Krankenhäuser vermeiden.  

          Auch die Sperrstunde bleibt aller Voraussicht nach erhalten. Es gilt jetzt schon als besonderes Zugeständnis, wenn die Hauptstadtregion Brüssel und die Wallonie ihre Sperrstunde an den Feiertagen auf das Niveau von Flandern heben. Dann dürfen die Leute ausnahmsweise bis Mitternacht auf der Straße sein statt nur bis 22 Uhr.

          An der Triage vorbeigeschrammt

          Zu einer öffentlichen Debatte darüber, ob die Regierung damit über Gebühr in die Freiheitsrechte eingreift, hat das bisher nicht geführt. Auch die Niederlande haben die Silvesterknallerei untersagt. Und in Belgien sitzt der Schock darüber tief, dass regional Krankenhäuser schon jetzt überlastet waren und keine Patienten mehr aufnehmen konnten. Das Land ist um ein Haar an einer Triage vorbeigeschrammt, bei der die Ärzte entscheiden müssen, wer  beatmet wird.

          „Halten Sie sich an die Regeln“, mahnte Gesundheitsminister Vandenbroucke. Und fügte warnend hinzu, dass die Regierung von Reisen ins Ausland strengstens abrate. Das gilt besonders für Skiurlaube. Von der ersten Welle war Belgien besonders hart getroffen worden, weil viele Menschen die Karnevalsferien in den Alpen verbrachten – und das Virus von dort mitbrachten. „Wenn Sie trotzdem glauben, dass Sie verreisen müssen“, sagte Vandenbroucke jetzt, „dann müssen Sie sich in Quarantäne begeben, wenn Sie aus einer roten Zone zurückkommen. Und die Polizei wird kontrollieren, dass Sie das auch einhalten.“

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