https://www.faz.net/-gpf-9an80

Anschlag in Belgien : Hat sich der Lüttich-Attentäter radikalisiert?

Spurensicherung am Tatort in Lüttich Bild: dpa

Der Täter von Lüttich soll seine Opfer mit einer Polizeiwaffe getötet haben. Die Behörden gehen dem Verdacht nach, dass der vorbestrafte Mann sich im Gefängnis radikalisiert haben könnte.

          Die Schüsse in der Lütticher Innenstadt fielen gegen 10.30 Uhr. In dem belebten Viertel brach Panik aus. Polizisten riefen Passanten zu, sich in Sicherheit zu bringen. Kurz darauf war von Toten und Verletzten die Rede. Gegen Mittag bestätigte sich, dass der mutmaßliche Täter, der am Montag vorübergehend für einige Stunden auf freien Fuß gesetzte, 36 Jahre alte Benjamin H., zwei Polizistinnen und einen 22 Jahre alten Passagier eines Auto umgebracht hatte, ehe er von Polizisten einer Spezialeinheit erschossen wurde.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Obwohl der aus dem südlich der wallonischen Hauptstadt Namur gelegenen Ort Rochefort stammende Mann nicht wegen terroristischer Straftaten verurteilt worden war, sehen die Ermittler offenbar Anzeichen dafür, dass er sich im Gefängnis radikalisiert haben könnte. In diese Richtung schien auch die Tatsache zu weisen, dass sich die für terroristische Straftaten zuständige belgische Bundesanwaltschaft des Falls federführend angenommen hat. „Es gibt Gründe, die daran denken lassen, dass es sich um einen Terroranschlag handeln könnte“, sagte ihr Sprecher Eric Van der Sijpt.

          Mit dem Messer auf Polizistinnen eingestochen

          Über den Tathergang gab es zunächst widersprüchliche Darstellungen. Der Lütticher Staatsanwalt Philippe Dellieu und eine Sprecherin der örtlichen Polizei berichteten später auf einer Pressekonferenz, der mutmaßliche Täter habe zunächst die beiden Polizistinnen offenbar gezielt verfolgt. Daraufhin habe er auf sie von hinten mit dem Messer eingestochen, ihnen die Dienstwaffen abgenommen und sie mit Schüssen danach regelrecht hingerichtet. Augenzeugen sagten, der Mann habe anschließend versucht, ein Auto zu stehlen, und dabei den 22 Jahren alten Beifahrer getötet.

          Bei der anschließenden Flucht, so berichteten die Ermittler weiter, habe er in einer nahegelegenen Schule eine weibliche Geisel genommen. Kurz darauf sei er, um sich schießend, aus dem Gebäude herausgekommen. Mehrere Polizisten seien dabei verletzt worden, ehe Mitglieder einer Spezialeinheit den Mann erschossen hätten. Wie der Lütticher Bürgermeister Willy Demeyer berichtete, konnten alle 800 Schüler und Lehrer in Sicherheit gebracht werden.

          Eine Vertreterin der örtlichen Polizei sagte, dass gegen den Täter wegen eines möglichen „terroristischen Vergehens“ ermittelt werde. Über den Lebenslauf des Mannes wurde zunächst wenig bekannt. Es hieß, er sei 1982 geboren worden, mehrmals wegen kleinerer Delikte zu Haftstrafen verurteilt worden, aber niemals im Zusammenhang mit islamistisch-fundamentalistischen Radikalisierungstendenzen aufgefallen.

          Dennoch wird es für denkbar gehalten, dass er während seines Aufenthalts im Gefängnis unter entsprechenden Einfluss geraten sein könnte. Medienberichte, wonach der Täter „Allahu Akbar“ (Arabisch für: Gott ist groß) gerufen habe, wurden von den Behörden bislang jedoch nicht bestätigt. Nach Berichten belgischer Medien sollen die Sicherheitsbehörden des Landes seit 2017 Erkenntnisse über dessen Radikalisierung im Gefängnis gehabt haben. Ein ehemaliger Mithäftling bestätigte dem belgischen Sender RTBF, dass der Täter zum Islam übergetreten sei. „Ich habe gesehen, wie er sich radikalisiert hat. Im Übrigen hat er mir gesagt, er sei wirklich Muslim“, sagte der Mann.

          Zu Berichten, wonach der mutmaßliche Täter an einem in der Nacht zum Dienstag in seinem Heimatort Rochefort verübten bewaffneten Überfall auf ein Juweliergeschäft beteiligt gewesen sein könnte, wollten sich die Ermittler nicht äußern. In belgischen Medien hieß es, H. könnte einen 30 Jahre alten möglicherweise an dem Überfall beteiligten Bekannten in dem südöstlich von Rochefort gelegenen Städtchen Marche-en-Famenne ermordet haben.

          In Lüttich sollen am Mittwoch die Flaggen auf öffentlichen Gebäuden auf Halbmast gesetzt werden. In der Stadt an der Maas wurden am Dienstag schmerzhafte Erinnerungen an den 13. Dezember 2011 wach. Damals hatte ein Amokläufer auf dem Weihnachtmarkt sechs Menschen erschossen und viele weitere verletzt, ehe er sich selbst richtete.

          Weitere Themen

          Baerbock oder Habeck?

          Grüne Kanzlerkandidatur : Baerbock oder Habeck?

          Die grüne Spitze kommt gut an. Doch Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen nicht darüber reden, wer Kanzlerkandidat wird und mit wem sie im Bund koalieren wollen.

          Italiens Parlament soll kleiner werden

          Wahlrechtsreform : Italiens Parlament soll kleiner werden

          Zu Beginn der Gespräche über eine künftige Regierungsbildung in Italien hat Fünf-Sterne-Chef Luigi Di Maio die von der vorherigen Koalition in Angriff genommene Reform des Wahlrechts für nicht verhandelbar erklärt.

          Topmeldungen

          Wer macht’s? Annalena Baerbock und Robert Habeck

          Grüne Kanzlerkandidatur : Baerbock oder Habeck?

          Die grüne Spitze kommt gut an. Doch Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen nicht darüber reden, wer Kanzlerkandidat wird und mit wem sie im Bund koalieren wollen.
          Empfindet Schäubles Äußerungen als „wohltuend“: der frühere Präsident des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen

          Streit über Maaßen : Nach der Attacke ist vor der Attacke

          Mit einer gezielt gesetzten Äußerung heizt Wolfgang Schäuble den Streit um einen möglichen Parteiausschluss von Hans-Georg Maaßen weiter an. Wieso macht er das?
          Wahlkampf aus dem Gefängnis: Selahattin Demirtas von der pro-kurdischen Partei HDP wirbt auf einem Plakat neben dem des Amtsinhabers Erdogan um Stimmen bei der Präsidentenwahl im Juni 2018.

          Brief aus Istanbul : Stiefkinder der türkischen Demokratie

          Speziell vor den Präsidentenwahlen 2023 soll die Macht der Kurden an den Urnen geschwächt werden: Warum Erdogan im Konflikt mit geschätzt knapp einem Fünftel der türkischen Bevölkerung nationalistische Töne anschlägt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.