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Belgien : Das gebrochene Herz

Für die Einheit Belgiens gehen immer wieder Menschen auf die Straße Bild: AFP

Wallonien war einmal der reiche Teil Belgiens. Heute ist Flandern obenauf. Eine Staatsreform soll einen Ausgleich schaffen. Doch das bringt viel Missmut in die Bevölkerung. Bleibt das Land auf der Strecke?

          6 Min.

          Jean Huysmans schämt sich erst seit kurzem. Die längste Zeit seines Lebens fand es der 72 Jahre alte Brüsseler mit den hohen Geheimratsecken völlig in Ordnung, dass er kein Niederländisch sprach, sondern nur Französisch. Jetzt aber ist der Küster von Saint-Michel so verlegen, dass er sich in seiner Wohnung hinter der Kathedrale umständlich einen Whiskey nachschenkt, um Zeit zu gewinnen.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der schmale Mann im grauen Strickpulli schraubt die Flasche wieder zu, füllt das Glas mit Perrier-Wasser auf, lässt einen Eiswürfel hineinplumpsen. Schließlich sagt Huysmans: „Früher habe ich mich nicht geniert, weil wir uns den Flamen so überlegen fühlten.“

          Das hat sich gründlich geändert. Das französischsprachige Wallonien, die Südhälfte Belgiens, war einst ein wohlhabendes Zentrum für Kohle und Stahl. Nach dem Niedergang dieser Industriezweige verarmte die Gegend, viele Menschen verloren ihre Arbeit. Das frankophone Selbstbewusstsein wirkte noch für ein paar Jahrzehnte fort - bei manchen bis heute. Im früher strukturschwachen Flandern im Norden haben sich unterdessen internationale Unternehmen angesiedelt, zum Beispiel Chemiekonzerne.

          Belgier demonstrieren für die Einheit ihres Landes

          Huysmans nimmt noch einen Käsekräcker und sagt: „Ich kann die Flamen verstehen, die Veränderungen wollen.“ Der Küster meint jene Politiker, die eine Staatsreform in Belgien fordern, weil zu viel Geld aus Flandern nach Wallonien fließe. Manche sprechen von Finanztransfers in Höhe von zehn Milliarden Euro im Jahr. Daher fordern flämische Politiker, die drei belgischen Regionen - Flandern, Wallonien und die zweisprachige Hauptstadt Brüssel - müssten mehr Autonomie bekommen.

          „Eines Tages wird es eine Teilung geben“

          Weil sich die im Juni ins Parlament gewählten Parteien aber nicht einig sind über das Ausmaß dieser Staatsreform, die vor allem eine Reform des Arbeitsmarktes und der Sozialsysteme wäre, hat Belgien seit mehr als einem halben Jahr keine Regierung. Denn auch die flämischen und französischsprachigen Schwesterparteien der Christlichen Demokraten und Liberalen, die zu viert eigentlich eine Mehrheit hätten, streiten sich.

          Am Montag hat König Albert II. deshalb den im Juni abgewählten Ministerpräsidenten Guy Verhofstadt beauftragt, eine Übergangsregierung zu bilden. Der flämische Liberale nahm die Bitte an, sagte aber, spätestens am 23. März 2008 solle der Wahlsieger, der flämische Christliche Demokrat Yves Leterme, den Auftrag erhalten, eine endgültige Regierung zu bilden. Am Wochenende demonstrierten Zehntausende Brüsseler gegen steigende Kraftstoff- und Lebensmittelpreise, die sie auf die Staatskrise zurückführen. Manche Belgier, vor allem Wallonen, fürchten sogar, das Land könnte auseinanderbrechen.

          Einer von ihnen ist Marc Sirlereau. Der Politikjournalist mit den graublonden Löckchen und dem dicken Schal arbeitet in der Redaktion des frankophonen Staatssenders RTBF. „Eines Tages wird es eine Teilung geben“, verkündet er in dem Gebäudekomplex im Brüsseler Osten, in dem RTBF untergebracht ist. „Eines Tages wird Belgien nicht mehr existieren, und dafür sind beide Seiten verantwortlich.“ Die Wallonen spielten seit Jahren auf Zeit, statt endlich ihr Schicksal in die Hand zu nehmen.

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