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Interview mit Tichanowskaja : „Lukaschenka hat die Leute wie Tiere behandelt“

Bundeskanzlerin Angle Merkel (CDU) traf die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja (r) im Bundeskanzleramt. Bild: dpa

Die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja wirbt in Berlin um Hilfe. Mit uns spricht sie über ihre Hoffnung, die sie in Merkel setzt, über die Rolle der Frau in der Demokratiebewegung und ihre eigenen Ambitionen.

          4 Min.

          In Belarus demonstrieren die Leute fast 60 Tage gegen den Diktator Alexandr Lukaschenka. Doch er ist nicht bereit, die Macht abzugeben. Befindet sich die Demokratiebewegung, an deren Spitze Sie stehen, in einer Sackgasse?

          Markus Wehner
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Nein, diese Sackgasse sehe ich nicht. Wenn Sie damit meinen, dass die Bewegung radikale Schritte unternehmen sollte, dann kann ich nur sagen: Wir bleiben dabei, dass wir ausschließlich mit friedlichen Mitteln protestieren. Und die Proteste werden weitergehen. Vielleicht in anderen Formen als bisher. Aber die Leute haben die Entscheidung getroffen, dass sie anders leben wollen. Und früher oder später wird es einen Dialog mit der Regierung geben. Natürlich hoffen wir, dass die Diktatur schnell zu Ende gehen wird. Und gäbe es nicht Hilfe von außen, wäre das wohl schon der Fall. Aber wir müssen mit der Lage leben, die wir jetzt haben.

          26 Jahre lang haben die Leute in Belarus mit scheinbar ewiger Geduld die Diktatur Lukaschenkas ertragen. Was hat sich nun geändert, dass ein ganzes Volk auf die Straße geht?

          Lukaschenka ist an die Macht gekommen, als es dem Land sehr schlecht ging. Und er hat manches gemacht, was die Lage verbessert hat, das muss man anerkennen. Aber er hat die Leute irgendwann verachtet, sie wie Tiere behandelt. Und die Bevölkerung hat sich verändert. Die jungen Leute können heute reisen, sie sehen, wie gut es woanders ist und wie schlecht zuhause. Sie können sich im Internet informieren. So ist die Unzufriedenheit immer mehr gewachsen. Dann kam die Corona-Krise. Und die Leute haben verstanden, dass sie Lukaschenka egal sind, dass er sich nicht kümmert um sie, dass er noch Witze macht über die Toten. Dann ließ er die Wahl fälschen, das hat viele empört. Vor allem aber hat er dann den größten Fehler gemacht, den er machen konnte: Er griff zur Gewalt, er lässt friedliche Demonstranten verprügeln. Erst das hat die Leute richtig auf die Straße gebracht. Jetzt ist unsere Bewegung vor allem eine Bewegung gegen die Gewalt des Regimes.

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          Lukaschenka trägt Verantwortung für viele Verbrechen, darunter auch Morde an Oppositionspolitikern. Sollte er dafür vor einem Gericht zur Verantwortung gezogen werden?

          Ich kann darauf nicht eindeutig antworten. Als Mensch würde ich Ja sagen. Mein Mann sitzt unschuldig in Haft in Belarus, nur, weil er bei der Präsidentenwahl kandidieren wollte. Natürlich soll Lukaschenka für all das zur Verantwortung gezogen werden. Das wollen alle, deren Kinder, deren Männer getötet oder gequält wurden. Aber zugleich wollen wir ja, dass das ganze Land von diesem Regime befreit wird. Und deshalb sage ich als Politikerin: Seine Zukunft kann ein Teil von Verhandlungen sein. Und für die Mehrheit im Land ist es am wichtigsten, dass er endlich geht.

          Was kann Bundeskanzlerin Merkel, was kann die deutsche Regierung und die EU tun, um die Demokratiebewegung in Belarus zu unterstützen?

          Natürlich sind wir froh, dass Lukaschenka als Präsident von Deutschland und vielen anderen Ländern nicht anerkannt wird. Und wir sind auch froh über die Sanktionen der EU gegen Leute, die für die Gewalt Verantwortung tragen. Sie sollten noch ausgeweitet werden. Genauso wie dafür, dass die Zivilgesellschaft unterstützt wird. Diese Hilfe brauchen wir dringend. Das Wichtigste für Belarus ist es jetzt aber, einen Dialog mit den Machthabern zu beginnen. Wir hoffen auf Bundeskanzlerin Merkel, dass sie ihren Einfluss in der Welt geltend macht, damit es zu diesem Dialog kommt. Sie kann andere Regierungschefs dazu bewegen, auf die Situation in Belarus zu reagieren. Wir wollen nicht mit Lukaschenka selbst reden, aber mit denen, die in der Regierung Verantwortung haben. Und wenn der Dialog, wenn Verhandlungen beginnen, dann ist das schon der erste Schritt zu unserem Sieg.

          Welche Rolle spielt Putin heute in Belarus?

          Ich bedaure es sehr, dass Putin Lukaschenka unterstützt. Natürlich ist Lukaschenka für Putin ein Präsident, mit dem er es leicht hat. Russland sollte aber den Belarussen nicht das Recht nehmen wollen, ihren eigenen Weg zu gehen. Leider erleben wir bisher eine sehr hässliche Einmischung durch Russland, etwa durch die Propaganda russischer Medien, deren Falschinformationen auch in Belarus verbreitet werden. Dennoch bin ich überzeugt, dass auch ein anderer, demokratisch gewählter Präsident weiter gute Beziehungen mit Russland suchen wird. Und noch etwas: Russland und der Kreml, das sind verschiedene Dinge. Die Menschen in Russland unterstützen uns in unserem Kampf, denn es gibt ja viele enge Beziehungen zwischen den Ländern, Verwandte, Freunde.

          Die Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja aus Belarus singt mit ihren Anhängern am Brandenburger Tor ein Lied.
          Die Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja aus Belarus singt mit ihren Anhängern am Brandenburger Tor ein Lied. : Bild: dpa

          Die Demokratiebewegung in Belarus wird von Frauen geführt, von Ihnen und ihren Mistreiterinnen. Auch auf den Straßen demonstrieren die Frauen. Woher kommt diese besondere Rolle der Frauen?

          Das Leben hat uns Frauen in diese Rolle gezwungen. Sehen Sie, ich wollte doch gar nicht für das Präsidentenamt kandidieren, aber ich habe es gemacht, als sie meinen Mann verhaftet haben. Unsere Frauen gehen auf die Straße, weil die Männer festgenommen und geschlagen werden. Sollen sie da tatenlos zuschauen? Nein, sie sind aufgestanden und jetzt kämpfen sie – mit den Männern, vor den Männern und auch als eine eigene Bewegung. Und ich bin sehr froh, dass diese starken Frauen zum Symbol unserer Revolution geworden sind. Sie stehen auch für Frieden und Liebe. Wir zeigen damit: Wir wollen keine Gewalt und keinen Krieg. Aber wir wollen unser Recht.

          Sie haben gesagt, Sie seien eigentlich nur eine Hausfrau, keine Politikerin. Mittlerweile sind Sie aber die Anführerin einer friedlichen Revolution. Die Leute rufen „Präsident Sweta“, sie haben sie ja gewählt. Können Sie die Politik einfach wieder verlassen?

          Politik gilt ja immer als eine schmutzige Sache. Aber wenn ein Mensch mit guten Absichten in die Politik geht, dann wird vielleicht auch die Politik besser. Ich werde aber nicht für das Amt der Präsidentin kandidieren, wenn es freie Wahlen gibt. Denn unter den Bedingungen, in denen wir leben, wäre das eine äußerst schwierige Aufgabe. Wenn es eine andere Politik geben wird, wenn klar ist, dass Politiker unter normalen Bedingungen etwas für die Menschen tun können, dann würde ich wohl anders darüber denken. Ob es dazu kommt und ich dann Politikerin sein will, das muss die Zukunft zeigen.

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