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Interview mit Tichanowskaja : „Lukaschenka hat die Leute wie Tiere behandelt“

Bundeskanzlerin Angle Merkel (CDU) traf die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja (r) im Bundeskanzleramt. Bild: dpa

Die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja wirbt in Berlin um Hilfe. Mit uns spricht sie über ihre Hoffnung, die sie in Merkel setzt, über die Rolle der Frau in der Demokratiebewegung und ihre eigenen Ambitionen.

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          In Belarus demonstrieren die Leute fast 60 Tage gegen den Diktator Alexandr Lukaschenka. Doch er ist nicht bereit, die Macht abzugeben. Befindet sich die Demokratiebewegung, an deren Spitze Sie stehen, in einer Sackgasse?

          Markus Wehner
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Nein, diese Sackgasse sehe ich nicht. Wenn Sie damit meinen, dass die Bewegung radikale Schritte unternehmen sollte, dann kann ich nur sagen: Wir bleiben dabei, dass wir ausschließlich mit friedlichen Mitteln protestieren. Und die Proteste werden weitergehen. Vielleicht in anderen Formen als bisher. Aber die Leute haben die Entscheidung getroffen, dass sie anders leben wollen. Und früher oder später wird es einen Dialog mit der Regierung geben. Natürlich hoffen wir, dass die Diktatur schnell zu Ende gehen wird. Und gäbe es nicht Hilfe von außen, wäre das wohl schon der Fall. Aber wir müssen mit der Lage leben, die wir jetzt haben.

          26 Jahre lang haben die Leute in Belarus mit scheinbar ewiger Geduld die Diktatur Lukaschenkas ertragen. Was hat sich nun geändert, dass ein ganzes Volk auf die Straße geht?

          Lukaschenka ist an die Macht gekommen, als es dem Land sehr schlecht ging. Und er hat manches gemacht, was die Lage verbessert hat, das muss man anerkennen. Aber er hat die Leute irgendwann verachtet, sie wie Tiere behandelt. Und die Bevölkerung hat sich verändert. Die jungen Leute können heute reisen, sie sehen, wie gut es woanders ist und wie schlecht zuhause. Sie können sich im Internet informieren. So ist die Unzufriedenheit immer mehr gewachsen. Dann kam die Corona-Krise. Und die Leute haben verstanden, dass sie Lukaschenka egal sind, dass er sich nicht kümmert um sie, dass er noch Witze macht über die Toten. Dann ließ er die Wahl fälschen, das hat viele empört. Vor allem aber hat er dann den größten Fehler gemacht, den er machen konnte: Er griff zur Gewalt, er lässt friedliche Demonstranten verprügeln. Erst das hat die Leute richtig auf die Straße gebracht. Jetzt ist unsere Bewegung vor allem eine Bewegung gegen die Gewalt des Regimes.

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          Lukaschenka trägt Verantwortung für viele Verbrechen, darunter auch Morde an Oppositionspolitikern. Sollte er dafür vor einem Gericht zur Verantwortung gezogen werden?

          Ich kann darauf nicht eindeutig antworten. Als Mensch würde ich Ja sagen. Mein Mann sitzt unschuldig in Haft in Belarus, nur, weil er bei der Präsidentenwahl kandidieren wollte. Natürlich soll Lukaschenka für all das zur Verantwortung gezogen werden. Das wollen alle, deren Kinder, deren Männer getötet oder gequält wurden. Aber zugleich wollen wir ja, dass das ganze Land von diesem Regime befreit wird. Und deshalb sage ich als Politikerin: Seine Zukunft kann ein Teil von Verhandlungen sein. Und für die Mehrheit im Land ist es am wichtigsten, dass er endlich geht.

          Was kann Bundeskanzlerin Merkel, was kann die deutsche Regierung und die EU tun, um die Demokratiebewegung in Belarus zu unterstützen?

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