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Telegram-Kanal Nexta Live : „Gegen den Trash von Lukaschenka“

Demonstranten beim „Marsch für die Freiheit“ am Sonntag in Minsk. Bild: AFP

Ein Telegram-Kanal mit mehr als zwei Millionen Abonnenten ist zum wichtigsten Informationsmittel der Demonstranten in Belarus geworden. Der Gründer ist 22 Jahre alt. Er will die Stimme der Opposition sein.

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          Laut dem belarussischen Autokraten Aleksandr Lukaschenka werden die Proteste gegen ihn „aus dem Ausland“ organisiert. Wirklich arbeiten die jungen Leute hinter dem wichtigsten Kommunikationsmittel der Demonstranten im Nachbarland Polen – in Belarus wären sie längst verhaftet worden. Besonders in den ersten Tagen nach der Präsidentenwahl, in denen das Internet in Belarus stark eingeschränkt war, ging nichts ohne „Nexta Live“ im Messengerdienst Telegram.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Anfang August hatte der Kanal noch etwas mehr als 300.000 Abonnenten, die sich Fotos, Videos und Berichte auf ihre Smartphones schicken ließen. Am Sonntag waren es schon mehr als zwei Millionen Abonnenten, bei neuneinhalb Millionen Einwohnern in Belarus.

          Vorlagen für Flugblätter mit Streikaufrufen

          Das macht „Nexta Live“ hinter einem Kanal der indischen Regierung zur Corona-Pandemie mit zweieinhalb Millionen Abonnenten zum erfolgreichsten Telegram-Kanal der Rubrik „Nachrichten und Massenmedien“. Der Kanal übernimmt es selbst, zu Aktionen wie Märschen und Streiks aufzurufen und gegen Lukaschenka zu mobilisieren, informierte darüber, von wo Sicherheitskräfte anrückten, wo Demonstranten Unterstützung benötigten, sich verstecken oder Wasser trinken konnten, verbreitet Vorlagen für Flugblätter mit Streikaufrufen.

          Rundherum bildeten sich Hunderte Chats zur lokalen Koordination, zudem gibt es weitere „Nexta“-Angebote. Das Team sichtet in Stoßzeiten Tausende Nachrichten von Nutzern in der Stunde, verbreitet eine Auswahl weiter.

          Der 25 Jahre alte Roman Protassewitsch, ein früherer Journalist und Mitstreiter des 22 Jahre alten „Nexta“-Gründers Stepan Putilo, sagte in Interviews, es sei ihm schwergefallen, die Grenze von einem journalistischen Projekt zu einem „Volksprojekt“ zu überschreiten: Dafür habe man sich nach langer Beratung angesichts der Unterdrückung der Opposition entschieden.

          Denn politische Anführer des Protests gab es nicht: Swetlana Tichanowskaja, die sich zur Siegerin der Präsidentenwahlen erklärt hat, wollte und konnte sich nicht an die Spitze treten, schon, weil ihr Mann in der Gewalt des Regimes ist. „Wenn nicht wir, dann niemand“, sagte Protassewitsch in Anspielung auf die Bedeutung dieses Pseudonyms von Putilo: „Nechta“ ausgesprochen, bedeutet es auf Belarussisch „jemand“. So hieß ein Youtube-Blog, den Putilo 2015 als 17 Jahre alter Schüler begann, um nach eigener Aussage „allen Trash zu akkumulieren, der in Lukaschenkas Belarus geschieht“.

          „Das Regime würde den Kanal vernichten“

          Das bringt Probleme: Als Student im polnischen Katowice (Kattowitz) besuchte Putilo Anfang 2018 seine Familie in Minsk, wo seine Wohnung durchsucht wurde, angeblich nach der Anzeige einer Frau, die in einem Youtube-Film eine Beleidigung Lukaschenkas erkannte. Seither ist Putilo aus Sicherheitsgründen nicht nach Belarus zurückgekehrt.

          „Nexta Live“ entstand, wie Putilo berichtete, 2018 aus Mitteilungen unterschiedlicher Belarussen, die er zu „exklusiven Nachrichten“ machte. Als am Wahltag und dann am Montag und Dienstag das Internet nicht mehr funktionierte, avancierte „Nexta Live“ zum wichtigsten Informationsmittel der Demonstranten, was der Gründer von Telegram, der Russe Pawel Durow, mit „Antizensurmechanismen“ erklärte. Auch Protassewitsch ist in Polen, denn er erklärte, sollte das Regime eines der Telefone mit Administratorrechten erhalten, würde es den Kanal „vernichten“.

          Nach Eigenangaben finanziert sich „Nexta Live“ über Werbung und Putilos Universitätsstipendium, „dritte Organisationen oder Länder“ seien und würden daran nicht beteiligt. In Belarus und Russland ist Putilo zur Fahndung ausgeschrieben worden: Ihm wird in Minsk die „Organisation von Massenunruhen“ vorgeworfen, dafür drohen ihm bis zu 15 Jahre Haft.

          Den Aufruf verbreiteten auch „Nexta“-Kanäle, samt Foto des verantwortlichen Beamten: „Wenn ihr zufällig Oberst Swirid auf der Straße trefft, übergebt ihm von uns eine Antwort! Die Form des Grußes steht in eurem Ermessen.“

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