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Nach Protassewitsch-Interview : Wenn nur noch die Flucht bleibt

Videostandbild des Interviews im belarussischen Fernsehen mit Roman Protassewitsch Bild: dpa

Nach der Zwangsvorführung des inhaftierten Journalisten Roman Protassewitsch in Belarus ist der renommierteste Politologe aus dem Land geflohen. Putin kokettiert unterdessen damit, selbst Flugzeuge zur Landung zu zwingen.

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          Der Zwangsvorführung des inhaftierten Journalisten Roman Protassewitsch im belarussischen Staatsfernsehen ist eine erste Flucht gefolgt: Der Politologe Artjom Schrajbman, trotz seiner erst 29 Jahre der wohl renommierteste Beobachter in Minsk, musste Belarus Hals über Kopf verlassen. Dem Newsportal Nascha Niwa sagte Schrajbman, er sei „auf krummen Pfaden“ in die Ukraine gelangt, wie, wolle er nicht sagen, falls noch jemand folgen müsse.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Geschunden, stockend und schluchzend hatte Protassewitsch „gestanden“, die Proteste gegen Diktator Alexandr Lukaschenko organisiert zu haben. In der Praxis sowjetischer Geheimdienste, Gefangene unter Folter zu Selbst- und Fremdbezichtigungen zu zwingen, musste Protassewitsch auch Leute benennen, welche die Proteste in einem Chat koordiniert hätten, unter ihnen Schrajbman.

          „Geiseln verurteilt man nicht“

          Der Politologe berichtete, er habe bald nach der Ausstrahlung eine Beschattung bemerkt, zudem gebe es Gerüchte, dass gegen ihn ein Strafverfahren vorbereitet werde. Er sei in dem Chat bis in den Herbst Mitglied gewesen, als Beobachter. „Aber im heutigen Belarus ist sogar die Nichtteilnahme daran, was die Macht für ein Verbrechen hält, keine hinreichende Versicherung mehr“, schrieb Schrajbman. Protassewitsch sei er nicht gram: „Geiseln verurteilt man nicht.“ Als Druckmittel nannte Schrajbman die mögliche Überstellung Protassewitschs an die (pro)russische „Volksrepublik“ von Luhansk, deren Folterkeller berüchtigt sind, und das Schicksal der ebenfalls inhaftierten Freundin des Journalisten, Sofija Sapega.

          Die Drohung, Protassewitsch der „Volksrepublik“ auszuliefern, ist Teil der Droh- und Ablenkungstaktik des Regimes und seiner russischen Schutzherren: Der Journalist wird als Teilnehmer an Kämpfen im Donbass für das ukrainische Neonazi-Bataillon „Asow“ 2014 und 2015 dargestellt. Die Luhansker „Volksrepublik“ hat dazu jetzt ein „Strafverfahren“ eingeleitet. Protassewitschs Familie und das Bataillon geben an, er sei als Journalist vor Ort gewesen.

          Ablenkung vom Kerngeschehen

          Der Gefangene wies eine Teilnahme an Kämpfen im Zwangsinterview zurück. Er sagte, er fürchte die Auslieferung und hoffe, dass Lukaschenko den „politischen Willen“ habe, das nicht zuzulassen. Aber für den Diktator ist Protassewitsch auch ein Werkzeug im Verhältnis zum russischen Präsidenten. So äußerte Lukaschenko, er habe Wladimir Putin gesagt, wenn Vertreter der „Volksrepubliken“ von Luhansk und Donezk Fragen an Protassewitsch hätten, könnten sie gern nach Belarus kommen; auch drohte er dem Gefangenen mit einer Hinrichtung in Luhansk.

          Bis zur Protestwelle 2020 war Lukaschenko bemüht, sich von Putin abzugrenzen, sah sich durch die Landnahme in der Ukraine selbst bedroht. Die Annexion der Krim erkannte er nicht an, mehrere Belarussen, die für die „Volksrepubliken“ kämpften, wurden in Belarus verurteilt. Jetzt sticht die Bedrohung von Lukaschenkos Macht durch die eigene Bevölkerung die durch Putin aus. So billigt er die Expansion: Lukaschenko bat Putin nach eigenen Angaben, dass die Staatsfluglinie Belavia, die nach der Umleitung des Fluges mit Protassewitsch aus dem Luftraum der EU-Staaten verbannt worden ist, die Krim anfliegen darf. Das läuft auf eine Anerkennung der Annexion hinaus. Die Zusammenarbeit mit den „Behörden“ der „Volksrepubliken“ wertet diese auf. Ein Medium der Separatisten meldete am Wochenende, „Vertreter der Staatsanwaltschaft“ der Luhansker „Volksrepublik“ seien nach Minsk gekommen, um Protassewitsch zu verhören.

          Auch Russland dient die Asow-Geschichte dazu, vom Kerngeschehen abzulenken, der Flugzeugumleitung am 23. Mai. So fragte der Staatsfernsehmann, der Putins Auftritt beim Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg am vergangenen Freitag moderierte, den per Videolink zugeschalteten österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz, was der davon halte, dass Protassewitsch für das Asow-Bataillon „gekämpft“ habe. Putin sagte über den Gefangenen, er kenne Protassewitsch nicht und wolle ihn nicht kennen; von der Russin Sapega, der offiziell nichts vorgeworfen wird, war keine Rede.

          Stattdessen kokettierte Putin damit, künftig selbst Flugzeuge zur Landung in Russland zu zwingen: Auf die Frage, ob der Präsident ein Flugzeug, das von London nach Thailand über russisches Gebiet flöge, landen lassen würde, wenn dort nach einem Passagier an Bord gefahndet werde, sagte Putin vielsagend: „Das werde ich nicht sagen.“ Da lachten die Wirtschaftsvertreter und Politiker im Saal.

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