https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/belarus-an-einem-tisch-mit-den-gegnern-16996860.html

Proteste in Belarus : An einem Tisch mit den Gegnern

Erstes Telefonat zwischen Sergej Tichanowskij und seiner Frau

Manche vermuteten, dass ein Teilnehmer der Häftlingsvorführung mit dunkler Kappe, dessen Gesicht die Aufnahmen nicht zeigten, ein weiterer verhinderter Präsidentschaftsanwärter war: Sergej Tichanowskij. Der regimekritische Videoblogger, dessen Youtube-Kanal „Land zum Leben“ Korruption und Misere unter Lukaschenka geißelte, hatte seine Frau ins Rennen geschickt und für sie Unterschriften gesammelt, bis er Ende Mai mit weiteren Mitstreitern inhaftiert wurde. Ihm erlaubte das Regime am Samstag ein erstes Telefongespräch mit seiner Frau „nach 134 Tagen“, wie Swetlana Tichanowskajas Team mitteilte. Es berichtete auch über Inhalte des Gesprächs. „Zurückweichen können wir nicht und werden wir nie, bis ihr nicht alle freigelassen werdet“, sagte Tichanowskaja demnach.

Tichanowskij fragte seine Frau nach deren Empfängen bei dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und bei Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Gute Leute“, sagte Tichanowskaja. „Sie unterstützen uns. Sie erkennen die Legitimität eines Menschen nicht an“, sagte sie über Lukaschenka. „Sie glauben an unseren Sieg, weil unsere Sache gerecht ist.“ Tichanowskij forderte seine Frau auf, „härter“ aufzutreten. „Härter? Ich mache mir einfach Sorgen um alle, die im Gefängnis sind, damit sich das alles nicht auf euch auswirkt“, antwortete Tichanowskaja. „Aber das heißt: Wir werden härter sein.“

Auch berichtete Tichanowskaja ihrem Mann, was er nicht aus dem in Haft zur Verfügung stehenden Staatsfernsehen erfahren kann: wie sich Menschen in anderen Ländern für den Protest „begeistern“. Am Samstag fanden in Dutzenden Städten mehrere Länder Solidaritätsveranstaltungen mit dem traditionellen Minsker „Frauen-Marsch“ statt. Tichanowskaja selbst war in Litauen dabei, wohin sie das Regime kurz nach Präsidentenwahl gezwungen hatte.

Die Oppositionsführerin kommentierte das Gespräch mit ihrem Mann sowie Lukaschenkas Treffen mit den Häftlingen als „Ergebnis unseres Drucks“. Lukaschenka habe die Existenz politischer Gefangener anerkannt, die er vorher als Kriminelle bezeichnet habe. Doch müssten die Gefangenen für echten Dialog freigelassen werden. Lukaschenka rede nur über eine Verfassungsreform, um „unseren Protest zu schwächen“. Man fordere weiter Neuwahlen, äußerte Tichanowskaja. Auch politische Beobachter werteten das Treffen und das ermöglichte Telefonat als Zeichen der Schwäche Lukaschenkas angesichts von dessen Abhängigkeit von Moskau und wirtschaftlichen Problemen.

Doch weiter setzt das Regime auf Härte. Anwälten, die politische Gefangene vertreten, droht der Entzug ihrer Zulassung. Und als am Sonntag in mehreren Städten neue Demonstrationen stattfanden, gab es neue Gewalt. In Minsk marschierten laut Augenzeugen Zehntausende Menschen, weniger als an den vergangenen Sonntagen. Sicherheitskräfte setzten Lärm- und Blendgranaten, Wasserwerfer und Schlagstöcke ein, mehrere Personen wurden verletzt. Dutzende Personen wurden festgenommen und rund 20 Journalisten stundenlang festgehalten, um diese daran zu hindern, über die von der Opposition als „Marsch des Stolzes“ angekündigte Aktion zu berichten.

Weitere Themen

Topmeldungen

André Ventura: gegen Subventionen, gegen „Zigeuner“, gegen Abtreibung, gegen Einwanderung und gegen Feministen

Portugal vor der Wahl : Nicht mehr immun gegen den Rechtspopulismus

Der Portugiese André Ventura setzt auf radikale Thesen und Konfrontation. Mit seiner Chega-Partei könnte er nun von einer vorgezogenen Neuwahl profitieren – und in Portugal eine populistische Rechte etablieren.