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Deutscher Interpol-Chef : Im Maschinenraum der Weltpolizei

Die Routen der Menschenschmuggler: Innenminister Thomas de Maizière bei Interpol in Lyon Bild: Interpol

Früher ließ sich Interpol von großen Konzernen finanzieren. Damit soll nun Schluss sein. Ein Deutscher will der Organisation eine neue Richtung geben. Wie schwierig das wird, zeigte jüngst der Fall Mansour.

          5 Min.

          In Syrien und im Irak blinken Flammen auf. Ansonsten ist auf der großen Weltkarte, vor der Bundesinnenminister Thomas de Maizière steht, gerade wenig los. Hinter ihm, im „Kommando- und Koordinationszentrum“ von Interpol im französischen Lyon, sitzen ein paar Männer an Computerbildschirmen. Drei solcher Räume gibt es weltweit, in Lyon, Buenos Aires und Singapur halten rund um die Uhr die Mitarbeiter der internationalen Polizeiorganisation Kontakt zu den Büros in Mitgliedstaaten und beobachten die Lage. Die Flammen auf der Karte vor ihnen stehen für Explosionen. Die Daten speisen sich nicht etwa aus Polizeiinformationen, sondern aus sozialen Netzwerken und Online-Medien. Das scheint den Minister etwas zu verwundern.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          De Maizière hört sich die Ausführungen kurz an, dann geht es weiter. Gespräche zur vertieften Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus. Der Generalsekretär Interpols hat eingeladen. Jürgen Stock, ein Deutscher, hat den Posten seit November inne. Es ist ein Freundschaftsbesuch, regelrecht heiter die Stimmung in der deutschen Delegation, auch schon im kleinen Regierungsflugzeug, mit dem der Bundesinnenminister, der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, sowie die Spitzen des Bereichs „Internationale Kooperation“ von Ministerium und BKA anreisen. Teil einer „Sommerreise“, nennt de Maizière den Flug. Interpol habe er schon lange einmal anschauen wollen. Aber ganz uneigennützig ist die Reise nicht.

          Stock soll Interpol auf Vordermann bringen

          Stock empfängt auf der Treppe vor dem verspiegelten Gebäude im Norden der Innenstadt Lyons. Händedruck mit dem Innenminister, herzliche Begrüßung mit dem BKA-Präsidenten. Stock, 55 Jahre alt, ein hagerer, weißhaariger Mann, begann seine Polizeilaufbahn im Einbruchsdezernat im hessischen Friedberg und stieg später beim BKA bis zum Amt des Vizepräsidenten auf, das er zehn Jahre lang ausfüllte. Nun hofft man in Wiesbaden und Berlin, dass Stock als Kenner der Polizeiarbeit Interpol wieder auf die Beine stellt. Finanziell, aber auch strategisch.

          Später beim Mittagessen sitzt die deutsche Delegation der Interpol-Spitze rund um Stock gegenüber. Die Chefs plaudern und essen, die anderen essen nur. Fisch von Tellern mit Interpol-Logo: Weltkugel, Waage, Schwert und Lorbeer. Große Einigkeit darüber, gegen die Strukturen der Menschenschmuggler in den nordafrikanischen Anrainerstaaten des Mittelmeers vorgehen zu müssen. Tenor: Wir brauchen eine Präsenz in diesen Ländern, aber nicht unter diesen Umständen. Und irgendwann die Frage: Was macht eigentlich Ihr Vorgänger?

          Unter Stocks Vorgänger Ronald Noble, Generalsekretär von 2000 an, war Interpol schnell gewachsen. Vielen zu schnell. Zudem hatte Noble Interpol von Unternehmen sponsern lassen: 20 Millionen Euro vom skandalträchtigen Weltfußballverband Fifa verteilt auf zehn Jahre, dazu knapp 20 Millionen Euro von der Pharmaindustrie und einem Tabakkonzern. Und das bei einem Budget von knapp 80 Millionen Euro. In der deutschen Delegation herrscht darüber Empörung. So etwas verändere eine Organisation. „Wir möchten, dass die Finanzierung von Interpol auf ein solides Fundament gestellt wird“, sagt BKA-Präsident Münch. Die Kooperation mit der Fifa wurde kürzlich aufgekündigt, verbliebene Mittel wurden zurückgegeben. Auch das im vergangenen Jahr angehäufte Defizit von 1,5 Millionen Euro geht Stock mit Sparmaßnahmen an. Das Budget, sagt er, sei „gemessen an den Aufgaben bescheiden“. Mehr Geld jedoch erhält er nicht aus Berlin. Die Bundesrepublik ist mit 4,4 Millionen Euro Interpols drittgrößter Beitragszahler. Angemessen, nennt de Maizière den deutschen Beitrag – und bietet Stock zugleich mehr Stellen in Lyon an.

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