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Pariser Banlieue : Attacke auf Polizei schockiert Frankreich

Zerbrochene Scheiben vor der Polizeistation in Champigny-sur-Marne Bild: AFP

In Paris haben Vermummte mit Feuerwerkskörpern und Eisenstangen ein Polizeikommissariat angegriffen. Die Polizei fühlt sich im Stich gelassen. Nützt die Lage Rechtspopulisten wie Marine Le Pen?

          3 Min.

          Ein nächtlicher Angriff auf ein Polizeikommissariat mit Eisenstangen, Pétanque-Kugeln und Feuerwerkskörpern in der Banlieue von Paris, in Champigny-sur-Marne, schockiert Frankreich. Premierminister Jean Castex kündigte am Montag eine „unerbittliche“ Reaktion an. Präsident Emmanuel Macron will am Donnerstag die Vertreter der Polizeigewerkschaften im Elysée-Palast empfangen, die seit langem mehr Unterstützung in der Banlieue fordern.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Etwa 40 Personen haben sich in der Nacht zu Sonntag vor dem Kommissariat zusammengerottet, das mitten in einer Sozialbausiedlung liegt. Das Viertel in Champigny steht regelmäßig in den Schlagzeilen, weil Rauschgiftbanden dort ihr Unwesen treiben. Zwei diensthabende Polizisten, die kurz vor Mitternacht zu einer Zigarettenpause vor die Tür getreten waren, konnten sich in letzter Minute ins Innere des Polizeikommissariats retten. Die vermummten Täter zerschlugen mit Eisenstangen die Eingangstür. Sie gelangten nicht in das Polizeigebäude, weil eine zweite Hochsicherheitstür ihnen den Zugang versperrte. Daraufhin belagerten sie annähernd eine Stunde das Gebäude und bewarfen es mit Pétanque-Kugeln und Feuerwerkskörpern.

          Videos von der nächtlichen Belagerung wurden in den sozialen Netzwerken geteilt. Die Täter beschädigten mehrere vor dem Kommissariat parkende Polizeifahrzeuge und legten Feuer in Mülltonnen. Erst als Verstärkung aus anderen Polizeirevieren anrückte, flohen sie. Es konnte bislang kein Verdächtiger festgenommen werden.

          Gewerkschaft ist aufgebracht

          Innenminister Gérald Darmanin sprach während eines Ortsbesuchs von einem „Territorialkrieg auf dem Boden der Republik“. Die Täter hätten zum Ziel gehabt, Symbole der Republik wie die Polizei zu beschädigen. Sie wollten ihre Vorherrschaft verteidigen, sagte der Innenminister. „Die kleinen Bandenchefs beeindrucken niemanden und werden uns bei unserer Arbeit im Kampf gegen Rauschgifthandel nicht entmutigen“, twitterte Darmanin. Er benutzte dabei den arabischen Begriff „caid“ für Bandenchefs.

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          Die Regierung hat vor zwei Jahren ein Pilotprogramm zur „republikanischen Wiedereroberung“ rechtsloser Räume in der Banlieue aufgenommen, das auch im Sozialbauviertel in Champigny-sur-Marne angelaufen ist. Die Polizeipräsenz wurde auf 150 Beamte verstärkt, aber viele von ihnen fühlen sich von der Regierung allein gelassen und haben ihre Versetzung beantragt. Darmanin kündigte am Montag an, den Verkauf von Feuerwerkskörpern verbieten zu wollen. Den Polizeigewerkschaften reicht das nicht. Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft Alliance, Fred Lagache, beklagte ein „politisches Ritual“ nach jedem Angriff auf die Polizei. „Jedes Mal ist man empört und entrüstet und jedes Mal ist es das Gleiche: Nichts passiert, niemand unternimmt etwas“, sagte Lagache. Die Polizisten seien erbittert über den mangelnden politischen Handlungswillen.

          Nach Angaben der Polizeigewerkschaft Alliance sind im Schnitt jeden Tag achtzehn Polizisten Opfer von Übergriffen. Auch die Gewerkschaft der Polizeikommissare forderte „eine Strategie, Taten und Entscheidungen“. Ihr Generalsekretär, David Le Bars, verwies im Radiosender France Info darauf, dass das Verkaufsverbot für gefährliche Feuerwerkskörper bereits 2017 verhängt wurde, aber durch Käufe im Internet umgangen werde. Le Bars verlangte, dass die Regierung sich der widrigen Arbeitsbedingungen der Polizei endlich annehmen müsse.

          Le Pen liegt in den Umfragen vor Macron

          Das Verhältnis der Polizeigewerkschaften zur Staatsführung ist angespannt, seit der damalige Innenminister Christophe Castaner im Zuge der „Black Lives Matter“-Bewegung Rassismus und Gewalt gegen Minderheiten auch in der französischen Polizei beklagt hatte. Die Polizeigewerkschaft „Unité SGP police“ rief nach dem Angriff in Champigny-sur-Marne zu stillem Protest vor den Polizeirevieren auf. Der rechtsbürgerliche Bürgermeister der 76.000-Einwohner-Kommune, Laurent Jeanne (Libres), sprach im Fernsehsender BFM-TV von einem „organisierten Angriff“. „Seit einigen Tagen ist die Lage angespannt“, sagte er. Die Täter hätten sich ausgerüstet und die Attacke gründlich vorbereitet. „Sie wollten mit den Polizisten abrechnen. Wir waren nicht weit von einer Katastrophe entfernt“, sagte er.

          Erst vergangene Woche waren in einem anderen Vorort in der Nähe von Paris, in Herblay-sur-Seine, zwei Polizisten brutal überfallen, ihrer Dienstwaffen beraubt und unter Beschuss genommen worden. Einer der Beamten schwebt noch immer in Lebensgefahr.

          „Es ist inakzeptabel, dass Kriminelle sich in dem Sozialbauviertel vogelfrei fühlen“, sagte die rechtsbürgerliche Regionalratsvorsitzende der Hauptstadtregion, Valérie Pécresse. Sie forderte, die Polizeipräsenz zu verstärken, um das Kommissariat zu schützen. Der Fraktionsvorsitzende der Republikaner (LR) im Senat, Bruno Retailleau, forderte ein juristisches Ausnahmeregime für „unkontrollierbare Viertel“. Die Rechtspopulistin Marine Le Pen verlangte längere Haftstrafen für Kriminelle. Ausländische Täter müssten in ihre Heimat auswiesen werden, sagte sie.

          Laut einer jüngsten Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Ifop kann Le Pen bei den Präsidentenwahlen in 18 Monaten mit 24 bis 27 Prozent der Stimmen rechnen. Sie würde damit vor Macron (23 bis 26 Prozent) abschneiden und sich für den zweiten Wahlgang qualifizieren.

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