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Balkankrieg : Zehntausende gedenken der Opfer von Srebrenica

Die Überreste von 775 weiteren Opfern aus der Endphase des Krieges wurden in Potocari beigesetzt Bild: AFP

Heute vor 15 Jahren geschah das Massaker von Srebrenica. Mehrere zehntausend Menschen gedachten in Bosnien-Hercegovina der Opfer. Außenminister Westerwelle kritisierte, dass der bosnisch-serbische General Ratko Mladić als mutmaßlicher Hauptverantwortlicher des Verbrechens noch nicht gefasst sei.

          Mehrere zehntausend Menschen haben am Sonntag auf dem Friedhof und Mahnmalsgelände von Potocari in Bosnien-Hercegovina der Opfer des Massakers von Srebrenica gedacht, das sich vor 15 Jahren ereignete. Dabei wurden die jüngst identifizierten Überreste von 775 weiteren Opfern aus der Endphase des Krieges in Bosnien-Hercegovina beigesetzt. An der Zeremonie nahmen außer bosnischen Politikern auch Serbiens Staatspräsident Tadić und der französische Außenminister Kouchner teil.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Aus der Türkei kam nicht nur Außenminister Davutoglu, sondern auch Ministerpräsident Erdogan, der immer wieder an das an Muslimen begangene Massaker in der sogenannten UN-Schutzzone erinnert. Außenminister Westerwelle kritisierte in einer Stellungnahme, dass der bosnisch-serbische General Ratko Mladić als mutmaßlicher Hauptverantwortlicher des Verbrechens sich auch fünfzehn Jahre nach der Tat noch auf freiem Fuß befinde: „Die Anstrengungen zu seiner Festnahme müssen weiter intensiviert werden“, sagte Westerwelle.

          Die „UN-Schutzzone“ Srebrenica, gelegen etwa 120 Kilometer südwestlich von Belgrad und 80 Kilometer nordöstlich von Sarajevo, war am 11. Juli 1995 von serbischen Truppen unter Befehl Mladićs eingenommen worden. Die Bewohner der muslimischen Enklave versuchten daraufhin, auf das Gelände des niederländischen UN-Bataillons in Potocari außerhalb von Srebrenica zu flüchten. Die den Serben militärisch unterlegenen Niederländer unter Befehl von Oberst Karremans verweigerten ihnen jedoch den Schutz. Karremans bat um Verschonung für sich und seine Einheit, während die Serben die muslimischen Männer im kampffähigen Alter von den Frauen und Kindern trennten. Frauen und Kinder überlebten, während bis zu 8000 Männer aus Srebrenica in den folgenden Tagen in der Umgebung des Ortes erschossen und in Massengräbern verscharrt wurden.

          Der frühere bosnische Serbenführer Ratko Mladic ist noch immer nicht gefasst

          Die Folgen des Massakers bestimmen bis heute die Politik

          In Serbien bestimmen die Folgen des Massakers von Srebrenica bis heute die Politik. Die EU, besonders die Niederlande, will Serbien eine weitere Annäherung an das Fernziel der Mitgliedschaft erst gestatten, wenn Mladić verhaftet und an das UN-Kriegsverbrechertribunal überstellt wird. Regierung und Behörden in Belgrad behaupten aber, Mladić sei untergetaucht und womöglich nicht einmal im Lande. Die EU mache Serbien durch ihr Mladić-Junktim damit zur Geisel eines einzigen Mannes, so Belgrad.

          In Brüssel und anderswo wird dem entgegengehalten, dass Serbien nicht ein Opfer Mladićs, sondern der serbischen Geheimdienste sei, die eigentlich mit der Suche nach dem Flüchtigen beauftragt sind und durchaus wüssten, wo er sich aufhalte. Die Dienste gäben sein Versteck jedoch nicht preis, da sie noch stark von Anhängern des früheren serbischen Präsidenten Slobodan Milošević durchsetzt seien und kein Interesse an einer EU-Annäherung Serbiens hätten.

          Eine neue Wendung hat der Fall Mladić vor wenigen Wochen durch einen Vorstoß des Anwalts der Familie des Gesuchten genommen: Mladićs Sohn Darko will seinen Vater für tot erklären lassen, da er schließlich schon seit etwa sieben Jahren von niemandem mehr gesehen worden sei. Die serbische Regierung hat sich von dem noch inoffiziellen Vorstoß der Familie Mladić distanziert und angekündigt, die Suche nach dem General werde auch dann fortgesetzt, wenn ein serbisches Gericht ihn für tot erklären sollte. Das Problem der Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal lasse sich nicht lösen, indem man den Gesuchten einfach für tot erkläre, hieß es aus dem Innenministerium in Belgrad.

          Die UN warnen Serbien vor einem Fahndungsstopp

          Erst wenn eine Leiche gefunden und per DNA-Analyse als die sterbliche Hülle Mladićs identifiziert werde, könne man die Suche einstellen. Ein gerichtlich für tot erklärter Mladić werde dessen Angehörigen vielleicht helfen, ihre Eigentumsfragen zu regeln – Serbiens Schwierigkeiten löse das nicht. Rasim Ljaji, ein serbischer Minister mit muslimischem Hintergrund, ging noch weiter: „Mladićs Familie hat den Antrag gestellt, weil sie weiß, dass er lebt. Wir werden uns um diese Verhöhnung der staatlichen Institutionen Serbiens nicht kümmern und unsere Fahndung mit der gleichen Intensität fortsetzen.“

          Auch der Chefankläger des UN-Tribunals, Serge Brammertz, hat Serbien abermals vor einer Einstellung der Fahndung gewarnt. Als der Belgier unlängst dem UN-Sicherheitsrat Bericht erstattete, sagte er: „Es ist üblich, dass die Hauptverdächtigen vorgeben, tot zu sein. Wir sind sicher, dass er noch lebt und dass er sich in der Region versteckt.“ Laut Brammertz, der nach eigener Darstellung in täglichem Kontakt mit den serbischen Geheimdiensten steht, gibt es keinen Grund zu der Annahme, Mladić sei tot.

          Im übrigen solle niemand glauben, Mladić müsse nur bis zum Jahr 2014 oder 2015, wenn das UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien seine Arbeit beenden wird, in seinem Versteck ausharren, um straflos davonzukommen: Sollte der General erst nach Schließung des Tribunals gefasst werden, werde man das Gericht eigens für ihn noch einmal einberufen, sagte Brammertz. An einem „residualen Mechanismus“ für die Zeit nach der Schließung des Tribunals wird derzeit gearbeitet.

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