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Balkankrieg : Säuberung auf serbisch

Gedenken in Sarajevo: In der bosnischen Hauptstadt erinnerten am 6. April 11.541 leere Stühle an die Opfer des Krieges Bild: dapd

Die ersten Monate des Kriegs in Bosnien vor genau zwanzig Jahren waren besonders blutig. Aber auch dort, wo es keine Massaker gab, wurden Bosniaken und Kroaten vertrieben.

          Nein, er bereut nicht, im Gegenteil. Als vergangene Woche vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag sein Prozess begann, verhöhnte Ratko Mladic seine Opfer und deren Hinterbliebene: Da fixierte der ehemalige Militärführer der bosnischen Serben eine der im Publikum anwesenden Frauen von Srebrenica, deren Männer und Söhne von seinen Truppen ermordet worden sind, und deutete dann mit der Hand einen Messerschnitt am Hals an. Sollte das heißen: Auch Dir hätten wir damals die Kehle durchschneiden sollen?

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Es ist zwanzig Jahre her, dass der Krieg in Bosnien begann - sein Krieg, die große Zeit des Generals Ratko Mladic. Die offizielle Gedenkfeier zum Kriegsbeginn fand schon am 6. April statt. Auf dem Marshall-Tito-Boulevard in der Innenstadt von Sarajevo wurde ein Schauspiel für 11.541 leere Stühle aufgeführt. Jeder Stuhl stand für einen bei der Belagerung Sarajevos zwischen 1992 und 1995 umgekommenen Einwohner der Stadt. Die Stadtverwaltung hatte die blutroten Stühle ausgerechnet bei einer Möbelfabrik in Serbien bestellt, weil sich kein einheimisches Unternehmen zu einer Lieferung imstande sah, was ein bezeichnendes Licht auf den Zustand der mit ausländischen Fördermilliarden gepäppelten bosnischen Wirtschaft warf.

          Zynische Sprache der Täter

          Dass ausgerechnet der 6. April 1992 als „offizieller“ Kriegsbeginn gilt, ist eine Konvention, der man sich anschließen kann, aber nicht muss. Es gibt keinen Stichtag, auf den sich der Ausbruch des Krieges gegen Bosnien datieren ließe, bei dem sich die bosnischen Serben auf die militärisch entscheidende Unterstützung des vom Gewaltherrscher Slobodan Milosevic geführten Serbien verlassen konnten. Schon im Februar und im März 1992 war es in Bosnien zu Gewalt gekommen. Das blutige Markenzeichen des bosnischen Krieges begann in großem Stil aber erst im Mai 1992: die Massaker, denen vor allem die (mehrheitlich muslimischen) Bosniaken zum Opfer fielen. In der zynischen Sprache der Täter, die von einigen westlichen Journalisten anfangs unbedacht übernommen wurde, hießen sie „ethnische Säuberungen“ - das Unwort des Jahres 1992.

          Allein in den Städtchen und Dörfern am bosnisch-serbischen Grenzfluss Drina wurden zwischen Mai und Juni 1992 mehr als 7000 Menschen getötet. Etwa 95 Prozent der zivilen Opfer in dieser Region waren bosnische Muslime. Nur im Juli 1995, als Mladics Truppen kurz vor Ende des Krieges das Massaker von Srebrenica verübten, produzierte der bosnische Krieg noch mehr Todesopfer innerhalb kurzer Zeit.

          Vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal: Ratko Mladic

          Im ersten Kriegsjahr gab es viele „kleine Srebrenicas“: Bijeljina - etwa 1000 Tote; Bratunac - 3600; Foca - 2800; Gorazde - 1600; Rogatica - 2000; Visegrad - 1700; Vlasenica - 2900; Zvornik - 4100. Als blutige Kette reihten sich diese Städte unweit der Grenze zu Serbien aneinander. Bis auf Gorazde gehören sie heute alle zur gründlich „gesäuberten“ und daher sehr serbischen Teilrepublik von Bosnien-Hercegovina. Die Serbenrepublik nimmt etwa die Hälfte des bosnischen Territoriums ein und grenzt im Osten an Serbien - ganz im Sinne der großserbischen Ingenieure des Vertreibungskriegs.

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