https://www.faz.net/-gpf-z36c

Balkan : Serbiens dunkelgraue Eminenzen

Entzog sich dem Haftbefehl durch Flucht: Bogoljub Karic Bild:

Bogoljub Karic, der einst reichste Oligarch Serbiens, soll in Russland Asyl erhalten haben. Doch die serbische Wirtschaft ist weiterhin fest im Griff jener Männer, die vielsagend als „umstrittene Geschäftsleute“ bezeichnet werden.

          6 Min.

          Immer ist von dem General die Rede. Wenn Serbien sich der EU annähern und ihr eines Tages sogar beitreten wolle, müsse Belgrad den flüchtigen ehemaligen Militärführer der bosnischen Serben, Ratko Mladic, aufspüren, festnehmen und an das UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien überstellen, heißt es allenthalben. Erst durch einen solchen Schritt, verbunden mit einer pragmatischeren Beziehung zu der in die staatliche Unabhängigkeit entglittenen ehemaligen Provinz Kosovo, könne Serbien beweisen, dass es den radikalen Nationalismus der jüngsten Vergangenheit hinter sich gelassen habe - so ungefähr lautet seit Jahren die Losung der europäischen Serbien-Politik.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Doch die Fixiertheit auf das Kosovo und den Fall Mladic, so wichtig diese Fragen sind, hat in den vergangenen Jahren den Blick versperrt auf weitaus höhere Hürden, die Serbien auf dem Weg zur EU noch überwinden muss. Denn der vielgescholtene serbische Nationalismus ist abgeflaut und eher ein Oberflächenphänomen. Darunter liegt ein Staat, dessen Wirtschaft in vielen Branchen von Oligarchen kontrolliert wird. Die meisten dieser „umstrittenen Geschäftsmänner“, wie die euphemistische Bezeichnung für die dunkelgrauen Eminenzen Serbiens lautet, haben den Grundstein zu ihrem Reichtum während der Herrschaftszeit von Slobodan Milosevic gelegt. Im Schatten von Krieg und Gewalt wurden sie reich, und im Schatten der Politik sind sie auch nach dem Sturz Milosevics im Oktober 2000 erfolgreich geblieben.

          Russland würde gerne noch immer die alte Garde an der Macht sehen

          Als der erfolgreichste serbische Tycoon galt lange der aus dem Kosovo gebürtige Bogoljub Karic, dessen unrühmliche Karriere nun ein ebenso unrühmliches Ende in Russland zu nehmen scheint. Am Montag meldeten serbische Medien, der in Serbien seit Jahren von der Justiz gesuchte Karic habe in Russland politisches Asyl erhalten. Die Belgrader Zeitung „Blic“ und andere Blätter berichteten, die russischen Behörden hätten das serbische Justizministerium bereits von ihrer Entscheidung unterrichtet. In den von offiziellen Stellen zunächst weder bestätigten noch dementierten Berichten hieß es, eine Auslieferung Karics, der beschuldigt wird, den serbischen Staat um bis zu vierzig Millionen Euro betrogen zu haben, sei damit unrealistisch geworden.

          Dragoljub Micunovic: „Jeder weiß, dass unsere Tycoone ihre Monopole und ihre Reichtümer politischen Privilegien verdanken”

          Sollte sich die Nachricht bestätigen, passt das ins Bild der vergangenen Jahre. Moskau geriert sich zwar als größter Freund Serbiens auf der Bühne des Völkerrechts und der Energiepolitik, doch allzu herzlich sind die Beziehungen des Kremls zu der von Staatspräsident Boris Tadic dominierten serbischen Regierung nicht. Als Oppositioneller war Tadic schließlich ein Mistreiter von Zoran Djindjic in dessen Kampf gegen Milosevic - und mit der serbischen Opposition gegen den Belgrader Gewaltherrscher hat sich Moskau stets schwergetan. Wenn es nach Moskau ginge, wäre in Belgrad noch immer die alte Garde an der Macht, deren Vertretern man in den vergangenen Jahren großzügig Asyl geboten hat. Unter anderen leben Milosevics Witwe Mirjana Markovic und sein Sohn Marko seit Jahren unbehelligt in Russland, obwohl auch sie von der serbischen Justiz gesucht werden.

          Westliche Investoren haben es schwer in Serbien

          Weitere Themen

          Türkei fordert Beistand der Nato Video-Seite öffnen

          Eskalation im Syrien-Konflikt : Türkei fordert Beistand der Nato

          Im sich zuspitzenden Konflikt um die umkämpfte syrische Provinz Idlib hat die Türkei internationale Hilfe angefordert - und mit einer Öffnung der Grenzen zur EU für Flüchtlinge gedroht. Bei syrischen Luftangriffen waren 33 türkische Soldaten getötet worden.

          Topmeldungen

          Syrienkonflikt : Drohungen nach allen Seiten

          Der Angriff auf türkische Soldaten mit 33 Toten verschärft drastisch die Spannungen zwischen der Türkei und Russland in Syrien. Bevor es zu einer direkten militärischen Konfrontation zwischen beiden Ländern kommt, stehen ihnen aber noch andere Instrumente zur Verfügung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.