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Serbiens Präsident Vučić : „Schreckliche Lügen, um meine Familie zu kriminalisieren“

Einige Diplomaten und andere Fachleute in Berlin, Brüssel oder anderen Hauptstädten, die Serbien berufsbedingt genauer betrachten, hegen jedoch wachsende Zweifel daran, ob Serbiens derzeitige Politik wirklich mit dem Ziel geführt wird, das Land näher an die EU zu bringen. Während Serbien wirtschaftspolitisch tatsächlich einem Reformkurs folgt und nicht nur aufgrund seines Freihandelsabkommens mit Russland für eine wachsende Zahl gerade auch deutscher Investoren trotz fehlender EU-Mitgliedschaft attraktiv ist, werden die Innenpolitik und der Zustand der serbischen Demokratie nicht nur in Berlin zusehends mit Skepsis verfolgt. Vučić verneint seit Jahren vehement, dass die wichtigsten Massenmedien des Landes, etwa das auflagenstarke Boulevardblatt „Informer“ oder der Krawallsender „Pink“, seiner Kontrolle oder der seiner Gewährsleute unterstehen. Nicht verneinen kann er, dass diese Medien ihn zu 100 Prozent unterstützen. Vučić wird darin ausnahmslos gelobt, seine Gegner werden täglich und in zum Teil hetzerischer Weise niedergemacht.

Abwertende Bezeichnungen für Albaner

Auffällig ist auch der Ton gegenüber den Kosovo-Albanern: Immer wieder bezeichnen die genannten Medien (und auch einige serbische Kabinettsmitglieder wie etwa Serbiens Verteidigungsminister Vulin) die Albaner als „Šiptari“. Dieser Begriff hat, wenn er nicht von Albanern selbst verwandt wird, eine abwertende Bedeutung, etwa wie „Nigger“ für schwarze Amerikaner. Ständig berichtet der „Informer“, der von dem für seine besonders primitiven Denunziationen bekannten Geschäftsmann Dragan Vučićević geführt wird, jedoch über „Šiptari“, die angeblich Serbien überfallen und zerstören wollen, was aber zum Glück von Putin verhindert werde. Ist es nicht seltsam, dass ausgerechnet die Medien, die Sie vollauf unterstützen, ihren Konsumenten die Welt Tag für Tag auf eine Art erklären, die Ihren außenpolitischen Zielen diametral entgegensteht, Herr Präsident?

„Einer von fünf Millionen – mit diesem Slogan protestieren Vucic’ Gegner in Serbien
„Einer von fünf Millionen – mit diesem Slogan protestieren Vucic’ Gegner in Serbien : Bild: AP

„Dragan Vučićević ist seit 25 Jahren ein persönlicher Freund von mir. Aber er ist offen pro-russisch. Das ist seine Haltung. Er unterstützt mich, aber nicht meine Partei, die er oft kritisiert“, sagt Vučić. Doch ist es hilfreich für eine Aussöhnung mit dem Kosovo, die wiederum Bedingung für einen EU-Beitritt darstellt, wenn die Zeitung, deren Chef ein persönlicher Freund des Präsidenten ist, alle paar Tage abfällige Artikel über die „Šiptari“ und die EU veröffentlicht? „Ich bin nicht Chefredakteur einer Zeitung und habe auch nicht die Absicht, es zu werden. Aber ich setze mich täglich dafür ein, die Erwartungen des serbischen Volkes, was die Lösung für den Kosovo-Konflikt betrifft, zu mäßigen. Deswegen werde ich fast täglich in Serbien als Verräter bezeichnet“, sagt Vučić darauf. Folgt man der Darstellung des mächtigsten Mannes in Serbien, dann ist die Lage in Belgrad offenbar so: Weder ein persönlicher Freund des Präsidenten, noch der Besitzer des regierungsnahen „Pink TV“ oder die Bosse anderer Medien, die gut mit der serbischen Regierung kooperieren und stets voll des Lobes für den Staatschef sind, nehmen auch nur die geringste Rücksicht auf dessen außenpolitische Kernanliegen. Sie schreiben und senden im Gegenteil täglich dagegen an. „Sie haben ihre eigenen Meinungen, und die respektiere ich“, sagt Vučić über die Chefs der ihm ergebenen Medien.

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