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Zimmermädchen auf den Balearen : Die den Rücken krumm machen

Eine Mitarbeiterin reinigt im Sommer 2020 die Terrasse eines Hotelzimmers in Palma de Mallorca. Bild: dpa

Ein neues Tourismusgesetz der Balearen will nicht nur ökologisch, sondern auch sozial nachhaltig sein. Die Arbeitsbedingungen der 20.000 Zimmermädchen sollen verbessert werden, die in den Hotels schuften.

          3 Min.

          Beim Thema Nachhaltigkeit denken die meisten an die Umwelt und die Schonung der knapper werdenden Ressourcen. Das neue Tourismusgesetz der Balearen begnügt sich nicht mit mehr Energieeffizienz, es geht auch um 300.000 Hotelbetten: Laut dem Gesetzentwurf der linken Regionalregierung sollen sie bald ausgetauscht werden, um die Zimmermädchen auf Mallorca und den Nachbarinseln zu schonen.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Innerhalb von sechs Jahren werden die Betten in den Vier- und Fünf-Sterne-Hotels elektrisch oder mechanisch höhenverstellbar sein, damit sich die gut 20.000 „Kellys“ bei ihrer schweren Arbeit nicht mehr den Rücken ruinieren. Vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie waren es in ganz Spanien während der Hauptsaison etwa 200.000 Frauen. 

          „Las Kellys“ heißt die Gewerkschaft der spanischen Zimmermädchen, die 2016 in Barcelona gegründet wurde. Der Name kommt von „Las que limpian los hoteles“, was sich mit „die, die die Hotels sauber machen“ übersetzen lässt. Es war der Titel eines Buchs über die unsichtbaren Frauen, die vor dem Zimmerwechsel das Chaos beseitigen, das viele Touristen hinterlassen.

          Bestärkt durch den Erfolg des Buches gründeten die Zimmermädchen im Internet erst eine Facebook-Gruppe, dann eine Gewerkschaft mit heute mehr als 4000 Mitgliedern. Die Kellys kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen und versuchen, Hoteliers und Urlauber daran zu erinnern, dass diese Frauen das Rückgrat der spanischen Hotelbranche sind, von deren Knochenarbeit das Wohl der spanischen Wirtschaft abhängt.

          Chronische Schmerzen und viele Arbeitsunfälle

          Manchmal mehr als dreißig Zimmer müssen sie jeden Tag in Ordnung bringen. Laut einer Gewerkschaftsstudie leiden 70 Prozent von ihnen unter chronischen Schmerzen, gegen die sie regelmäßig Medikamente nehmen. Arbeitsunfälle häufen sich.

          Die sozialistische Regionalpräsidentin Francina Armengol nutzte jetzt die große Tourismus-Messe Fitur in Madrid, um ihre Pläne vorzustellen. Nach Corona versuchen die Balearen, mit einem neuen Tourismusgesetz, das nicht nur ökologisch, sondern auch sozial nachhaltig ist, einen Neustart. Mit 55 Millionen Euro will die Regionalregierung die Hoteliers bei der Verwirklichung ihrer Pläne unterstützen.

          Das geht nur mit Hilfe der EU. Mit dem Fonds „Next Generation EU“ will Brüssel Europa nach Corona wieder auf die Beine helfen. Gleichzeitig fügt sich das balearische Projekt in die große Arbeitsmarktreform, die die linke Minderheitsregierung in Madrid gerade durchs Parlament bringt.

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          Für die Zimmermädchen ist das neue Gesetz ein wichtiger Etappensieg. Im Sommer 2019 hatten sie zum erste Mal auf Ibiza und in Benidorm gestreikt. Mit ihren Aktionen erreichten sie, dass ihre Schäden wegen körperlicher Überforderung als Berufskrankheiten anerkannt wurden.

          Im vergangenen Sommer starteten sie dann ein Crowdfunding-Projekt mit dem Namen „Ich reserviere bei den Kellys“: Mit den knapp 100.000 Euro, die dabei zusammenkamen, soll eine Online-Plattform entstehen, über die nur Hotels buchbar sind, die Mindeststandards für ihr Personal erfüllen, das sie fest und nicht über Subunternehmer anstellen, wie das in der Vergangenheit immer häufiger der Fall war.

          Dadurch würden die Frauen in Hotels den tariflichen Mindestlohn von 1200 Euro erhalten – statt eines Stundenlohns von vier Euro brutto bei vielen Subunternehmern. Auf der Schnäppchenjagd nach dem billigsten Last-Minute-Zimmer vergessen viele Touristen, wer am Ende den Preis dafür zahlt.

          Hoteliers fürchten höhere Ausgaben

          Die Regierung in Palma sieht sich als „Pionier“, mit der sie nicht nur in Spanien, sondern auch in Europa neue Standards setze: Wasser und Energie sollen gespart, mehr lokale Produkte konsumiert und Papier durch QR-Codes ersetzt werden. Besonders mit dem besseren Gesundheitsschutz der Hotelangestellten wollen die balearischen Inseln für sich werben, wenn das Gesetz noch in diesem Jahr in Kraft tritt. Regionalpräsidentin Armengol schwärmt schon von einem „historischen Wandel“, der soziale, wirtschaftliche und ökologische Belange gleichermaßen berücksichtige.

          Die Hoteliers zeigen sich kooperationsbereit, weisen aber auf die schwierige und ungewisse Situation angesichts der andauernden Corona-Pandemie hin. Sie seien für den vorgesehenen „kompletten Kulturwandel“ nicht zu höheren Ausgaben in der Lage, warnt die Präsidentin des mallorquinischen Hotelverbands FEHM, María Frontera. Bisher hätten sie nur einige Leitlinien des neuen Gesetzes, aber nicht das Kleingedruckte gesehen. 

          Bei den Kellys hält sich die Begeisterung in Grenzen. „Das ist eine gute Nachricht. Aber die Vier- und Fünf-Sterne-Hotels sind nur eine Minderheit und bei der Arbeitsbelastung für die Frauen in den anderen Hotels ändert sich nichts“, sagte die Sprecherin der Gewerkschaft auf Ibiza und Formentera, Milagros Carreño, dem Rundfunksender „Onda Zero“.

          Die Frauen müssten weiterhin von Zimmer zu Zimmer hetzen, oft ohne eine kleine Pause. Die Reform der Arbeitsbedingungen dürfe nicht bei den Betten aufhören, verlangt Milagros Carreño. Bis zum Rentenalter von bald 67 Jahren halte diese Belastung niemand aus.

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