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+++ Bagdad Briefing +++ : Seite an Seite mit Teheran

  • -Aktualisiert am

Iraks Ministerpräsident Haider al Abadi beim Treffen mit Irans geistlichem Führer, Ayatollah Ali Chamenei in Teheran: Klares Signal an Washington Bild: AFP

Bei seinem Antrittsbesuch in Iran bekräftigt Iraks Ministerpräsident Haider al Abadi das Bündnis mit der Islamischen Republik. Im Kampf gegen die Terrormiliz IS setzt Abadi auch auf Militärberater aus Teheran.

          Das Ziel hätte besser nicht gewählt sein können: In Teheran verbrachte Iraks Ministerpräsident Haider al Abadi den ersten Auslandsbesuch nach Besetzung der frei gebliebenen Ministerposten seines Kabinetts am Wochenende. Weil der Gesprächsbedarf mit der Führung der Islamischen Republik so groß ist, weilt er auch diesen Mittwoch noch in der iranischen Hauptstadt, obwohl die Reise eigentlich nur für einen Tag angesetzt war.

          Dem Lob aus Berlin und Washington für Abadis Ernennung eines sunnitischen Verteidigungsministers folgt die regionalpolitische Realität auf dem Boden: Während Frank-Walter Steinmeier sich beim Arbeitsessen in Berlin mit Amerikas Außenminister John Kerry unter anderem über die Zukunft ihrer Antiterrorallianz in Irak und Syrien den Kopf zerbrach, machte Abadi Nägel mit Köpfen. Bei Treffen mit Irans geistlichem Führer, Ayatollah Ali Chamenei, und Präsident Hassan Rohani versicherte er sich der Unterstützung der schiitischen Verbündeten.

          Kaum vorstellbar, dass die beiden Länder einst Erzfeinde gewesen sind. Von 1980 bis 1988 führten sie einen brutalen achtjährigen Krieg. Auf beiden Seiten starben in diesem Krieg eher vorsichtigen Schätzungen zufolge insgesamt mehr als eine halbe Millionen Menschen. Das damalige Baath Regime von Präsident Saddam Hussein im Irak setzte gegen Ende des Kriegs sogar Giftgas ein. Mehr als 100.000 frühere
          iranische Soldaten leiden bis heute an den Folgen der Giftgasangriffe.

          Gegen ausländischen Bodentruppen

          Nun stehen beide Länder vor einem neuen Krieg. Nur diesmal nicht gegeneinander, sondern gemeinsam Schulter an Schulter. Grund für
          diese neue Koalition ist die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Chamenei stellte klar, dass die Regierung in Bagdad in der Lage sei, den „IS“ zu bekämpfen ohne die Entsendung ausländischer Bodentruppen.

          Das ist ein deutliches Signal in Richtung Washington. Zwar ist Präsident Barack Obama alles andere als erpicht darauf, den Luftkrieg gegen die sunnitische Terrorgruppe auszuweiten. Doch die anhaltenden Erfolge des „Islamischen Staats“ könnten ihn zur Expansion seines militärischen Engagements zwingen – sei es im Irak, sei es in Syrien. Dort hatte der Oberbefehlshaber nach dem Giftgasangriff auf Oppositionsviertel vor Damaskus im August 2013 auf Luftschläge verzichtet, nur um ein Jahr später doch militärisch in dem Konflikt zu intervenieren.

          424 Millionen Dollar haben die zehn Wochen Luftkrieg gegen den „Islamischen Staat“ die amerikanischen Streitkräfte bislang gekostet, gab das Pentagon am Dienstag bekannt. Das macht rund 7,6 Millionen Dollar am Tag. Indirekt profitiert Iran doppelt von dem amerikanischen Vorgehen, schwächt es doch nicht nur den gemeinsamen sunnitischen Feind, sondern bindet auch die Luftwaffe der Vereinigten Staaten.

          Vor Abadis Abflug nach Teheran hatte der schiitische Regierungschef Bodentruppen ebenfalls ausgeschlossen – eine Forderung, die die vom Vormarsch des „Islamischen Staats“ am heftigsten betroffenen sunnitischen Stämme in der westirakischen Provinz Anbar vergangene Woche erhoben hatten. So wie Chamenei und Rohani verfolgt Abadi einen anderen Weg: Die Regionalmächte sollten die Regierungen in Damaskus und Bagdad politisch unterstützen. Nur so, nicht durch Luftangriffe oder eine Bodeninvasion, ließe sich dauerhaft Stabilität herstellen – und die Terrorgruppe Abu Bakr al Bagdadis schwächen.

          Dass Iran in Abadis Gleichung gleicher als dessen sunnitischer Rivale um die Hegemonie auf der arabischen Halbinsel und in der Levante, Saudi-Arabien, ist, sprach er freilich nicht aus. Mit Militärberatern ist Teheran seit Beginn des Konflikts mit dem IS im Irak präsent; erst Anfang Oktober zeigte das iranische Staatsfernsehen ein Bild des Kommandeurs der Quds-Brigaden, Qassim Suleimani, Seite an Seite mit irakisch-kurdischen Peschmera-Kämpfern. Abadis Satz, „keine Regionalmacht wird hier kämpfen“, kann sich nicht auf ihn bezogen haben.

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