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+++ Bagdad Briefing +++ : Kein Herz für Syrien

  • -Aktualisiert am

Alleingelassen in Aleppo: Kämpfer der Freien Syrischen Armee während Kämpfen gegen Truppen Assads Bild: Reuters

Obwohl der „Islamische Staat“ in Nordsyrien eine Großoffensive gegen kurdische Dörfer gestartet hat, führen Amerika und nun auch Frankreich weiter lediglich im Irak Luftangriffe durch. Politiker warnen vor einer „Säuberungsaktion“ wie gegen die Yeziden.

          Den von drei Seiten eingeschlossenen Menschen in Ain al Arab und Tall Abyad hilft die neue Allianz gegen den Terror des „Islamischen Staats“ bislang wenig. Seit Mittwoch sind sie den Angriffen der Kämpfer Abu Bakr al Bagdadis ausgesetzt, die aus ihrer syrischen Proto-Hauptstadt Raqqa vorrückten – ausgestattet mit schwerer Artillerie und Panzern, die sie im Juni und Juli im Irak erobert hatten. Doch auf Luftangriffe wie sie Amerikaner und nun auch Franzosen im Zweistromland durchführen, können die eingeschlossen Bewohner nicht hoffen.

          Selbst die Flucht in die Türkei ist ihnen versperrt: Hunderte Soldaten hat die Regierung in Ankara an der Grenze zum syrisch-kurdischen Bezirk Kobane aufmarschieren lassen, in dem nicht nur Kurden wohnen, sondern auch Zehntausende Flüchtlinge aus Aleppo und Raqqa, die zum Teil schon vor Jahren vor den Truppen des Diktators in Damaskus, Baschar al Assad, und islamistischen Milizen fliehen mussten.

          Wie Hohn wirkt es da, dass der amerikanische Präsident Barack Obama erst in drei Monaten mit der Ausbildung der Freien Syrischen Armee (FSA) beginnen will; die Ankündigung, diese innerhalb eines Jahres abzuschließen, ist an Zögerlichkeit nicht zu überbieten. Bereits jetzt übersteigt die Zahl der Toten im syrischen Bürgerkrieg 200.000. Die Vereinten Nationen kündigten gerade an, ab Oktober nur noch sechzig Prozent des Nahrungsmittelbedarfs von vier Millionen Flüchtlingen decken zu können. Es mangele an Geld, heißt es in New York.

          Zum Zweifrontenkrieg gezwungen

          Das Versagen der internationalen Gemeinschaft in Syrien ist nicht nur ein militärisches, sondern auch ein humanitäres. Kräfte wie die Freie Syrische Armee, die seit dem Erstarken des „Islamischen Staats“ zu einem Zweifrontenkrieg gezwungen wurden – gegen die Dschihadisten und die Einheiten Assads --, werden nun abermals im Stich gelassen. Obamas Giftwaffendeal mit Wladimir Putin vor einem Jahr war ihm wichtiger als der von zu vielen Unwägbarkeiten begleitete Sturz des Regimes in Damaskus.

          Dabei sprechen kurdische Politiker bereits von einer „Säuberungsaktion“ in Nordsyrien vom Ausmaßen wie sie der „Islamische Staat“ im August gegen die Yeziden im Sindschar-Gebirge durchführte. Auch da kam die Weltgemeinschaft zu spät, hatte alle Warnrufe ignoriert, die aus Arbil und Qamischli zuvor erklungen waren.

          Mit den alten Rezepten des Krieges gegen den Terror Usama Bin Ladins und Al Qaidas, die Amerikas Außenminister John Kerry nun wieder auspackt, lässt sich der Kampf gegen den transnationalen Terrorstaat al Bagdadis jedoch nicht gewinnen. Auch falsche Freunde wie Saudi-Arabien und Ägypten, den Brutstätten islamistischen Terrors in der Region, sind kaum geeignet, die Dschihadisten zurückzudrängen.

          In Kairo denunziert der Großimam den „Islamischen Staat“ als „zionistische Verschwörung“ – statt sich um die Hassprediger in seinem eigenen Land zu kümmern. Und in Riad praktiziert das Herrscherhaus auf der Grundlage der Scharia harte Körperstrafen und Hinrichtungen ganz gleich denen des Islamischen Staats in Raqqa und Mossul: Vierzig Menschen wurden allein seit Anfang August in Saudi-Arabien der Kopf abgeschlagen. Und zugleich lässt diese Allianz gegen den Terror in Syrien die Terroristen weiter wüten.

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