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Azhar-Universität in Kairo : Islam? Welcher Islam?

  • -Aktualisiert am

Studenten der Azhar-Universität nach einer Koran-Vorlesung in Kairo. Bild: © Stefano De Luigi/VII/Corbis

Auf den Siegeszug des „Islamischen Staats“ reagiert die Azhar-Universität in Kairo, der „Vatikan des Islam“, mit schrillen Tönen. Für einige westliche Gelehrte haben die Lehrenden nur Hohn und Spott übrig.

          Osama al Azharis Waffe sind seine Bücher. Eines nach dem anderen hält der sunnitische Scheich mit dem weißen Turban in die Höhe und fordert die Zuhörer im prall gefüllten Hörsaal auf, sie zu lesen. Und übersetzt werden sollten sie selbstverständlich auch: ins Englische und Französische, ins Spanische, Urdu, Farsi und Russische, um dann in die ganze Welt verschickt zu werden.

          Strengen Blickes hört der in schwarzem Gewand gekleidete al Azhari mit dem akkurat gestutzten Backenbart gar nicht mehr auf, für seine Mission zu werben: Erst wenn die Toleranz und Mäßigung lehrenden Schriften der Azhar ihren festen Platz in den Bibliotheken des Westens gefunden hätten, würden die Ungläubigen endlich aufwachen und nicht mehr dem Atheismus anheimfallen, ruft Azhari seinen Zuhörern zu, während sich die Ventilatoren an der hohen Decke langsam drehen. Inschallah, so Gott will!

          Eigentlich sollte das Mitglied des Präsidialrats für Sozialdienste der altehrwürdigen Al-Azhar-Universität an diesem Mittag über „Motive und Ziele von Diffamierungskampagnen gegen die Azhar“ sprechen. Doch der junge Professor dreht den Spieß einfach um - und teilt kräftig aus. Für Stephen Hawking, den Astrophysiker, hat er nur Spott und Verachtung übrig; eine stets willkommene Zielscheibe ist außerdem der britische Autor Christopher Hitchens, der Bücher wie „Der Herr ist kein Hirte: Wie Religion die Welt vergiftet“ geschrieben hat und kritische Essays über einen rückwärtsgewandten „Islamofaschismus“.

          Auch der Kolumnist Ayman al Sayad, der am anderen Ende des Podiums sitzt, bleibt nicht verschont. Der Journalist hatte die im Jahr 972 von den Fatimiden gegründete älteste Hochschule der Welt gerade in den höchsten Tönen gelobt. Einen Blick von außen sollte er in seinem Vortrag „Al Azhar und die Medien“ auf eine Einrichtung werfen, die einerseits Universität, andererseits religiöses Zentrum für Millionen Muslime auf der ganzen Welt ist. Doch das reicht dem strengen Scheich Azhari nicht. „Leider war er hier nicht Student“, kanzelt er seinen Vorredner ab und steckt damit zugleich die engen Grenzen des Azhar-Universums ab. „Jeder, der einen großen Namen trägt, sollte die Azhar besucht haben.“

          Beifall brandet auf, vor allem junge Männer haben sich im großen Hörsaal der Fakultät für Massenkommunikation zusammengefunden, aber auch eine Handvoll Frauen. Die Azhariten sind die Lebensversicherung ihrer Familien, denn trotz überfüllter Räume und hoffnungslos veralteter Curricula bringt der Besuch der „Blühenden“, wie Azhar auf Arabisch heißt, noch immer Renommee und Respekt ein. Mehr als 450.000 Studenten besuchen die Universität, die in 18 ägyptischen Provinzhauptstädten und überall auf der Welt ihre Ableger hat, in den Vereinigten Staaten und Großbritannien, in Indonesien und Indien, Sudan und Somalia. Gelehrt wird an 62 natur- und geisteswissenschaftlichen Fakultäten. Frauen und Männer getrennt.

          Gottes Wille kommt per App

          Von wissenschaftlicher Freiheit freilich lässt sich spätestens seit 1961 nicht mehr sprechen: Der nach dem Sturz der Monarchie 1952 an die Macht gelangte Offizier Gamal Abd al Nasser nahm die Gelehrten an die kurze Leine und bestimmte den Großscheich der Universität fortan selbst. Im Gegenzug sicherte der Staat die Finanzierung zu. An dieser Ordnung wurde über Jahrzehnte nicht gerüttelt, ehe nach der Revolution gegen Husni Mubarak ein sanfter Hauch des Wandels auch die Azhar erfasste: In Zukunft dürfen die Scheichs selbst über ihren obersten Sprecher entscheiden - freilich erst, wenn der amtierende Großimam Ahmad al Tayyeb verstirbt oder sich entscheidet, freiwillig abzutreten.

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