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Autonome Republik Krim : Moskaus wehrhafter Hafen

  • -Aktualisiert am

Unter russischer Flagge: Proteste in Sewastopol gegen die neue Führung Bild: AFP

Auf der Krim will die russische Minderheit nichts mit der neuen Führung in Kiew zu schaffen haben. Auch wenn sie Janukowitsch nicht mögen, bilden die Leute Bürgerwehren.

          Vor dem Betonklotz der Stadtverwaltung in Sewastopol sammelt sich an diesem Montagnachmittag eine aufgebrachte Menschenmenge. Männer und Frauen mit russischen Flaggen kommen aus beiden Richtungen der Leninstraße und drängen auf die Eingangstür zu. „Schalyj!, Schalyj!“, rufen die Leute. Gemeint ist Aleksej Schalyj, der in russischen Medien auch Schalow genannt wird, ein stadtbekannter Unternehmer. Am Sonntag haben ihn mehrere tausend Demonstranten durch das Heben ihrer Hand zum Bürgermeister erklärt. Nun gibt es Gerüchte, nach denen die Staatsanwaltschaft gegen Schalow, der sich im Gebäude aufhält, vorgehen soll.

          Am Sonntag war bekanntgeworden, dass der alte Bürgermeister Wladimir Jazuba sein Amt niedergelegt hat, aus der Partei der Regionen von Viktor Janukowitsch ausgetreten ist – und sich in seine Heimatstadt Dnipropetrowsk in der Zentralukraine zurückgezogen hat. Die Demonstranten wollen, dass der Stadtrat Schalyj offiziell wählt, doch die Abgeordneten weigern sich zunächst. Deshalb kommt es zu Tumulten. Die Milizsondereinheit „Berkut“ zieht auf – und es ist nicht so recht klar, auf wessen Seite sie steht. Schließlich setzen sich die Demonstranten doch noch durch und Schalyj wird gewählt.

          „Janukowitsch ist ein Dieb“

          Eigentlich werden die Bürgermeister von Sewastopol, dem Stützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte, wegen des besonderen Status der größten Stadt der autonomen Republik Krim vom ukrainischen Präsidenten ernannt. Doch Oleksandr Turtschinow, den das Parlament in Kiew zum Übergangspräsidenten bestimmt hat, wird von den Russen auf der Krim nicht anerkannt – wie sie überhaupt alle Entscheidungen des Parlaments seit der Absetzung von Präsident Viktor Janukowitsch ablehnen.

          „Ich bin weiß Gott kein Freund von Janukowitsch, der Mann ist ein Dieb“, sagt Nikolai Makejew, ein Elektroingenieur um die fünfzig, am Rande der Demonstration. Aber was da in Kiew gerade geschehe, sei einfach ungesetzlich. Nun wolle ihnen das Parlament sogar ihre russische Sprache verbieten. Die Rada in Kiew hatte am Sonntag ein Gesetz von 2012 abgeschafft, das der russischen Sprache einen offiziellen Status überall dort einräumte, wo mindestens zehn Prozent der Bevölkerung russische Muttersprachler sind. Makejew und seine Freunde fürchten nun nicht nur um die russischsprachigen Zeitungen und Fernsehsender. „Wahrscheinlich müssen wir bald Strafe zahlen, dafür, dass wir miteinander sprechen“, sagt Makejew.

          Sie setzen auf Putins Hilfe

          Aleksej Schalyj, der vom Volk ernannte Bürgermeister, ist russischer Staatsbürger. Sein international agierendes Elektrotechnikunternehmen Tavrida hat seinen Sitz in Moskau. Bei einem kurzen Auftritt vor Journalisten im blaugestreiften Pullover will Schalyj sich am Montag nicht zu der Frage äußern, ob er nun Hilfe aus Moskau erwarte. Aber die Männer auf dem Platz sind sich sicher, dass der russische Präsident Wladimir Putin ihnen, nun wo die Olympischen Spiele in Sotschi beendet sind, zu Hilfe eilen wird.

          Im russischen Parlament war am Montag von den Rechtspopulisten der nur dem Namen nach Liberal-Demokratischen Partei ein Gesetzentwurf eingebracht worden, der es möglich machen soll, ethnischen Russen und ihren Familienangehörigen, die in der Ukraine leben, unbürokratisch russische Pässe auszustellen.

          „Notfalls können wir uns aber auch selbst verteidigen“, sagen die Männer vor der Stadtverwaltung in Sewastopol. Sie organisieren seit dem Wochenende eine Bürgerwehr, 5000 Männer haben sich bereits registrieren lassen, wie Anton Tutskyj, ein örtlicher Unternehmer und Vertreter der Partei „Russische Einheit“, berichtet. Er steht im feinen Mantel auf der Straße und tippt geduldig die Telefonnummern von Freiwilligen in sein Mobiltelefon. Die meisten, die an ihn herantreten, sind alte Männer, die Lederkappen auf dem Kopf tragen und abgenutzte Plastikeinkaufstüten mit sich herumtragen. „Wie sind Marine- und Armeestadt“, sagt Tutskyj. In Sewastopol sei es überhaupt kein Problem, auf die Schnelle eine größere Menge von Männern mit Kampferfahrung zu versammeln.

          Faschistische Provokateure

          Dass es nötig werden könnte, die Heimatstadt mit Gewalt gegen die neue Macht in Kiew zu sichern, fürchten viele. Im Osten des Landes seien schon an mehreren Stellen die brutalen, faschistischen Provokateure vom Majdan der Hauptstadt aufgetaucht, erzählt man sich hier. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis sie auf die Krim kommen. Von den Ereignissen auf dem Majdan in der vergangenen Woche haben sich die Menschen hier eine eigene Vorstellung gemacht. „Nein, Heckenschützen haben nicht auf die Protestierenden geschossen“, sagt Makejew. „Die Banditen haben selbst geschossen.“ Andere schimpfen, dass noch viel mehr von denen hätten erschossen werden müssen. Auf einer prorussischen Versammlung in Simferopol, der Hauptstadt der Halbinsel Krim, hatten die Wortführer am Wochenende von Theaterschminke und gefälschten Fernsehbildern gesprochen. Das Blutbad vom Majdan hat es in ihren Augen gar nicht gegeben.

          Über das Schicksal des geflohenen Präsidenten, der in Sewastopol, wo er in der zweiten Runde vergangenen Präsidentenwahlen mehr als 80 Prozent Zustimmung erhielt, nur noch wenige Anhänger hat, wird an diesem Nachmittag viel spekuliert. Zuletzt soll er sich am Sonntag in Balaklawa nahe Sewastopol aufgehalten haben, wie Interimsinnenminister Arsen Awakow am Montag durch eine Botschaft im Netzwerk Facebook mitteilte. Dort soll er seine Sicherheitsleute nach Hause geschickt haben. Gerüchten zufolge versuche Janukowitsch auf dem Seeweg nach Russland zu fliehen. Nikolai Makejew, der Demonstrant vor der Stadtverwaltung, schüttelt seinen Kopf. Gesehen habe Janukowitsch niemand. „Aber wenn wir ihn sehen, dann werden wir ihm viele unangenehme Fragen stellen.“

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