https://www.faz.net/-gpf-10zr0

Autokrise : Die Deutschen preschen vor

Symbol der Macht: Teilansicht der Fiat-Konzernzentrale in Turin Bild: Michael Hauri

Außenminister Steinmeier würde die Rettung der Automobilindustrie gern zur Angelegenheit der EU machen – schon um Konflikte mit der Kommission zu vermeiden. Doch Frankreich und Italien zeigen sich zurückhaltend: Bislang scheinen ihre Hersteller ohne finanzielle Hilfen auszukommen.

          6 Min.

          Frank-Walter Steinmeier, Außenminister und Sozialdemokrat, wünscht sich eine „europäische Marschrichtung“ bei der Rettung der Autoindustrie. Der luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker, ein Christlicher Demokrat, pflichtet ihm bei und warnt davor, die europäischen Hersteller alleinzulassen, während in Amerika der Staat die „Großen Drei“ zu retten versucht: General Motors, Chrysler und Ford.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Werner Mussler

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Doch einen gesamteuropäischen Notruf hat die Automobilindustrie bisher nicht abgesetzt. „Es gibt nicht die gleiche Dringlichkeit in Frankreich wie in Deutschland“, sagt ein Sprecher des französischen Finanzministeriums lapidar. In Italien wiederum musste nicht erst eine weltweite Rezession festgestellt werden, damit staatliche Hilfe für den Fiat-Konzern zur Staatsräson wurde. Deshalb kann sich Fiat nun in vornehmer Zurückhaltung üben, während die Deutschen von Opel nach der Regierung rufen.

          Ein Reflex; „Fiat darf nicht untergehen“

          Zwar beschäftigt Fiat längst nicht mehr die Hunderttausende Arbeiter, die in früheren Jahrzehnten Turin zum Inbegriff einer Industriestadt machten. Doch den Reflex haben sich die meisten Politiker erhalten: Fiat darf nicht untergehen.

          Die Kritiker dieser Politik finden immer wieder neue Belege für solche staatliche Unterstützung: sei es der Verkauf des einst staatlich geführten Konkurrenten Alfa Romeo nicht an den amerikanischen Ford-Konzern, sondern an den ohnehin dominierenden Marktführer, sei es die Verzögerung der Einführung einer Katalysator-Pflicht in Europa, seien es staatliche Subventionen für neue Fabriken in Süditalien, seien es immer wieder neue Verschrottungsprämien, sei es die Bewilligung staatlicher Forschungszuschüsse für die Entwicklungsabteilung, sei es die Vernachlässigung des Eisenbahnnetzes und des öffentlichen Nahverkehrs. Die Identifikation des italienischen Volkswohls mit Fiat geht so weit, dass sogar die Chefs der Importgesellschaften ausländischer Autohersteller im Gleichklang verkünden: „Wenn es Fiat gut geht, dann haben wir auch immer gute Zahlen vorzuweisen.“

          Opel könnte zum Präzedenzfall für Fiat werden

          Schon seit dem Sommer hatte sich die Autosparte des Fiat-Konzerns mit der Absatzkrise auseinandersetzen müssen und mehrere Wochen Kurzarbeit verordnet. Auf diese Weise sollten Großparkplätze voller unverkaufter Autos gar nicht erst entstehen. Die Einhaltung der anspruchsvollen Ertragsziele für 2008 versprach Fiat-Chef Sergio Marchionne trotz der schon da nachlassenden Konjunktur. Doch von der Kurzarbeit bei Fiat wurde wenig berichtet. Man hütete sich davor, sich zum Krisenfall stempeln zu lassen. Nun sind selbst ministerielle Stimmen verstummt, die im Oktober noch neue Verschrottungsprämien nicht nur für Autos, sondern auch für Haushaltsgeräte angekündigt hatten.

          Fiat kann darauf vertrauen, bei Regierung und Opposition viele Freunde zu haben. Die Konzernführung verzichtet deshalb lieber darauf, der populistischen Lega Nord eine Angriffsfläche zu bieten. Die Bündnispartner Berlusconis wettern allzu gerne mit den Kleinunternehmern dagegen, dass staatliche Hilfen immer nur den Großen zugute kämen. Berlusconi hat zwar in den vergangenen Tagen immer wieder ein Konjunkturpaket von 80 Milliarden Euro versprochen, was fünf Prozent des gesamten italienischen Volkseinkommens entspräche. Doch der Inhalt des Programms ist noch geheim, offenbar auch wegen interner Machtkämpfe. Dass Fiat beizeiten eine staatliche Rettung von Opel in Brüssel als Präzedenzfall werten kann, wenn es selbst Hilfe braucht, ist damit nicht ausgeschlossen. Denn dass die Politik nicht ganz tatenlos zusehen dürfe, hat Fiat-Chef Marchionne durchaus schon klargemacht: Wenn die amerikanischen Autobauer von ihrer Regierung 40 Milliarden Dollar erhielten – der Kongress in Washington diskutiert derzeit tatsächlich über ein 25-Milliarden-Dollar-Programm –, dann sei in Europa ein Betrag von 60 Milliarden Euro angemessen.

          Weitere Themen

          95 Gramm

          FAZ Plus Artikel: Das Grenzwert-Drama : 95 Gramm

          Von 2020 an dürfen Neufahrzeuge in Europa im Schnitt nur noch vier Liter Benzin oder dreieinhalb Liter Diesel verbrauchen. Wie es zu einem Grenzwert kam, der die Grenzen der Physik sprengt.

          Das ändert sich für Steuerzahler Video-Seite öffnen

          Abschaffung des Solis : Das ändert sich für Steuerzahler

          Der Bundestag hat die weitgehende Abschaffung des Solidaritätszuschlages beschlossen. Seit 1991 tragen die Steuerzahler mit dem Soli maßgeblich zur Finanzierung der deutschen Einheit bei - nach drei Jahrzehnten ist Schluss mit der Sonderabgabe. Sie fällt ab 2021 für 90 Prozent der Steuerzahler weg.

          Topmeldungen

          Notstand ausgerufen : In Venedig wächst die Wut

          Mehr als 80 Prozent der Stadt stehen zwischenzeitlich unter Wasser, die Bewohner sind entsetzt – und sauer auf die Politik: Diese gibt zwar jetzt Millionen Soforthilfe, habe beim Hochwasserschutz aber komplett versagt und stattdessen rücksichtslos den Tourismus gefördert.

          Altmunition im Meer : Sprengstoff im Fisch

          1,6 Millionen Tonnen Munitions- und Sprengstoffreste werden in der deutschen Nord- und Ostsee vermutet. Sie lösen sich langsam auf – und belasten schon jetzt stellenweise Tiere und Pflanzen.
          Der Stoff, aus dem sich viel mehr als eine leckere Suppe kochen lässt: Hokkaido-Kürbis

          Leckeres aus Kürbis kochen : Hitze tut ihm richtig gut

          Die Kürbissaison ist auf ihrem Höhepunkt angelangt. Aber was anstellen mit den Riesenbeeren? Köche sagen: in den Ofen schieben. Wir stellen ein Rezept von Johann Lafer vor und eines, das auf Paul Bocuse zurückgeht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.