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Australien : Unbedecktes Fleisch

Demonstration für ein friedliches Zusammenleben in Sydney Bild: AP

Eine Predigt des muslimischen Scheichs Taj el-Din al-Hilali empört das freizügige Sydney. Unverschleierte Frauen, so insinuiert er, seien letztlich selbst schuld, wenn sie vergewaltigt würden. Es war nicht die erste Skandal-Predigt des Scheichs.

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          „Wenn ihr rohes Fleisch auspackt und offen auslegt, und die Katzen kommen und fressen es - wessen Fehler ist das?“ fragte Scheich Taj el-Din al-Hilali seine Zuhörer - und antwortete sich gleich selbst: „Das unbedeckte Fleisch ist das Problem.“ Solange Frauen in ihrem Zimmer bleiben und den Schleier tragen, argumentierte er weiter, seien sie keinen Gefahren ausgesetzt. Wer sich aber schminke und verführerisch mit den Hüften schwinge, fordere den Appetit geradezu heraus.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Es dauerte nicht lange, bis diese Worte Proteste hervorriefen, denn die Lakemba-Moschee, in der der Geistliche predigte, liegt nicht in paschtunischen Stammesgebieten oder in Hochburgen radikaler Araber, sondern mitten in Australien, genauer: im freizügigen Sydney, wo in den vergangenen Jahren wiederholt muslimische Männergangs wegen Vergewaltigungen verurteilt wurden. Nicht nur Frauenvereinigungen, unter ihnen islamische, verurteilten die Predigt am Donnerstag. Auch der konservative Premierminister John Howard nannte die Worte des Scheichs „erschreckend“ und bezeichnete es als „grotesk“, Frauen für Vergewaltigungen verantwortlich zu machen.

          Der 11. September ein „Werk Gottes“?

          Daß sich gleich die höchsten Stellen einschalteten, hat auch mit dem Rang des Klerikers zu tun: Scheich Hilali ist zwar umstritten, gilt aber unter den Muslimen Australiens als besonders angesehen. Zuletzt wurde ihm von Kritikern vorgeworfen, er habe lobende Worte für islamistische Selbstmordattentäter gefunden und die Anschläge vom 11. September 2001 als „Gottes Werk gegen Unterdrücker“ gerechtfertigt. Seinen Gegnern hat er nun auch den jüngsten Aufruhr zu verdanken: Unbekannte hatten eine Tonbandaufnahme der Predigt, die er im vergangenen Monat vor 500 Gläubigen gehalten hatte, der Tageszeitung „The Australian“ zugespielt.

          Rasch machte sich der Prediger am Donnerstag daran, den entstandenen Schaden einzudämmen, erst recht nachdem die größte islamische Organisation des Landes - die „Libanesische Muslimorganisation“ - damit gedroht hatte, ihn aus der (von ihr verwalteten) Moschee zu verbannen. Zunächst ließ Hilali einen Sprecher mitteilen, die zitierten Aussagen seien aus dem Zusammenhang gerissen worden und hätten sich nicht auf Vergewaltigungen bezogen, sondern auf körperliche Untreue.

          „Uneingeschränkte“ Entschuldigung

          Weil diese Korrektur den Unmut aber nur unzureichend abkühlte, änderte Hilali wenig später seine Verteidigungslinie und sprach am Nachmittag von einem Zitat, das er verwendet habe. „Uneingeschränkt“ entschuldigte er sich nun bei allen Frauen, die er verletzt habe, und versicherte, nur „die Ehre der Frau“ schützen zu wollen. „Frauen in unserer australischen Gesellschaft“, sagte der Scheich, „haben die Freiheit und das Recht, sich ihrer Wahl entsprechend anzuziehen. Ganz gleich, ob ein Mann eine bestimmte Kleidung billigt oder nicht - jede Form der Belästigung von Frauen ist unakzeptabel.“

          Zumindest Pru Goward, die australische Antidiskriminierungsbeauftragte, ließ sich von dieser Klarstellung nicht beeindrucken. Scheich Hilali solle abgeschoben werden, forderte sie - wegen „Anstiftung zur Vergewaltigung“.

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