https://www.faz.net/-gpf-whs9

Australien entschuldigt sich bei Aborigines : „Beflecktes Kapitel in der Geschichte unseres Landes“

  • Aktualisiert am

Bild: reuters

In einer historischen Sitzung stimmte die Fraktionen in Canberra mit einer Resolution der Rede von Premierminister Kevin Rudd zu. „Für die Schmerzen, das Leid und die Pein der 'Gestohlenen Generationen', ihrer Nachfahren und ihrer Familien bitten wir um Entschuldigung“, erklärte Rudd.

          2 Min.

          Mit einhelliger Zustimmung und großer Erleichterung haben die australischen Ureinwohner am Mittwoch auf die Entschuldigung des Parlaments für die langjährige unwürdige und erniedrigende Behandlung der Aborigines reagiert. Viele von ihnen verfolgten auch noch in den entlegensten Siedlungen im sogenannten Outback vor dem Fernseher gespannt die als historisch gewertete Sitzung des Parlaments.

          In einer gefühlsbetonten Rede appellierte Ministerpräsident Kevin Rudd vor der Abstimmung an die Abgeordneten, der Entschließung zuzustimmen. Zugleich entschuldigte er sich im Namen der Regierung gesondert bei den Ureinwohnern. „Es tut mir leid“, sagte er an die Aborigines gerichtet. Die Abgeordneten und Vertreter der Aborigines applaudierten dem Ministerpräsidenten nach der Rede stehend. Die Abgeordneten nahmen die entsprechende Resolution einmütig an.

          „Ein stolzes Volk erniedrigt“

          „Wir entschuldigen uns für die Gesetze und die Politik der Parlamente und Regierungen, die unseren australischen Mitbürgern großen Schmerz, Leid und Schaden zugefügt haben“, heißt es in der Erklärung an die Aborigines, in der das jahrzehntelange staatliche Unrecht gegen die Ureinwohner anerkannt wird. „Und für die Erniedrigung und Herabsetzung, die einem stolzen Volk und einer stolzen Kultur zugefügt wurden, sagen wir Entschuldigung.“

          Die Entschuldigung richtet sich auch an die tausenden Aborigines-Kinder, die jahrzehntelang zwangsweise der staatlichen Fürsorge unterstellt wurden, um ihre Assimilierung in die von den Weißen dominierte australische Gesellschaft zu erreichen. „Für den Schmerz und das Leid dieser Gestohlenen Generation, ihrer Nachfahren und ihrer zurückgelassenen Familien sagen wir Entschuldigung“, heißt es in dem Text.

          Statistiken zufolge wurden zwischen 1910 und den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts etwa 100.000 Kinder ihren Eltern weggenommen. „Das ist ein historischer Tag“, sagte Tom Calma, die die offizielle Erwiderung für die Gestohlene Generation gab. „Heute haben sich unsere politischen Führer quer durch das politische Spektrum für Würde, Hoffnung und Respekt als die Leitprinzipien in den Beziehungen zu den Ersten Menschen unterer Nation entschieden.“ „Die Entschuldigung heilt das Herz und geht sehr tief“, sagte die Aborigine Rhonda Dixon-Grovenor in Sydney. „Das bedeutet uns sehr viel. Ein Last wurde genommen, nun kann die Heilung beginnen.“

          450.000 Aborigines in Australien

          Mit der Entschuldigung endete auch eine langjährige Debatte in der australischen Politik, in der die früheren konservativen Regierungen eine solche Entschuldigung abgelehnt hatten. Zur Verabschiedung der Erklärung am Mittwoch wurden gut hundert Führungspersönlichkeiten der Aborigines offiziell eingeladen.

          Am Dienstag waren sie auch erstmals zur feierlichen Eröffnung der neuen Sitzungsperiode des Parlaments nach Canberra eingeladen worden. Dies gilt als Eingeständnis, dass die Hauptstadt auf Grund und Boden steht, der den Aborigines von den europäischen Siedlern schlicht weggenommen wurde. Derzeit leben rund 450.000 Aborigines in Australien. Sie gehörten zu den Ärmsten unter den 21 Millionen Australiern. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung ist um 17 Jahre niedriger als die ihrer Landsleute.

          Dokumentation - Auszüge der Resolution:

          „Heute ehren wir die Ureinwohner dieses Landes, die ältesten ununterbrochenen Kulturen in der Geschichte der Menschheit. Wir denken nach über ihre Misshandlung in der Vergangenheit. Wir denken vor allem nach über die Misshandlung derer, die zu den 'Stolen Generations' gehören - dieses befleckte Kapitel in der Geschichte unseres Landes. Jetzt ist die Zeit gekommen, dass das Volk eine neue Seite in der Geschichte Australiens aufschlägt, indem es die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit in Ordnung bringt und damit voller Vertrauen in die Zukunft vorwärts geht. Wir entschuldigen uns für die Gesetze und die Politik der aufeinanderfolgenden Parlamente und Regierungen, die unseren australischen Mitbürgern großen Schmerz, Leid und Schaden zugefügt haben. Wir entschuldigen uns vor allem dafür, dass Kinder von Aborigines und Einwohner der Torres-Strait-Inseln ihren Familien, ihren Gemeinden und ihrem Land weggenommen wurden. Für den Schmerz, das Leid und die Verletzungen dieser 'Stolen Generations', ihrer Nachkommen und ihrer zurückgelassenen Familien sagen wir Entschuldigung. Den Müttern und Vätern, den Brüdern und Schwestern sagen wir Entschuldigung dafür, dass wir Familien und Gemeinschaften auseinandergerissen haben. Und wir sagen Entschuldigung für die Demütigung und Erniedrigung, die einem stolzen Volk und einer stolzen Kultur angetan wurden. Wir, das Parlament von Australien, wünschen ehrerbietig, dass diese Entschuldigung angenommen wird in dem Geist, in dem sie angeboten wird, als Teil der Heilung des Landes.“

          Weitere Themen

          Kriegsgefahr in Osteuropa wächst Video-Seite öffnen

          Konflikt um die Ukraine : Kriegsgefahr in Osteuropa wächst

          Die Nato ist besorgt über angebliche russische Truppenbewegungen im Grenzgebiet zur Ukraine. Moskau wirft dem Bündnis seinerseits vor, die Ukraine zu bewaffen, damit Kiew Russland angreifen kann. Eine Entspannung der Lage ist nicht in Sicht.

          Topmeldungen

          „Querdenker“-Demo in Frankfurt Ende November.

          Neue Studie zu Corona : Politische Propaganda für Verschwörungsgläubige

          Die AfD in Deutschland oder Pis in Polen: Eine Studie zeigt, wie europäische Rechtspopulisten Corona nutzen, um gegen den Staat zu agitieren und sich neue Wähler zu erschließen. Doch die Mobilisierung hat Grenzen.