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Zentralafrikanische Republik : „Die Anwesenheit von Russen leugne ich nicht“

Ein MINUSCA-Soldat am 23. Januar 2021 auf dem Weg ins zentralafrikanische Damara. Bild: AFP

Im F.A.Z-Interview spricht die Außenministerin der Zentralafrikanischen Republik Sylvie Baïpo Temon über fragwürdige Aktivitäten der UN-Mission MINUSCA, Moskaus Einfluss in ihrem Land und Berichte über „Wagner“-Söldner.

          2 Min.

          Frau Ministerin, seit 2012 schwelt in der Zentralafrikanischen Republik ein Bürgerkrieg zwischen verschiedenen Milizen und der Regierung. Gelingt es der UN-Mission MINUSCA, das Land zu stabilisieren?

          Franca Wittenbrink
          Redakteurin in der Politik.

          Leider sehen wir davon bislang nur wenig. Die bewaffneten Rebellengruppen, die gegen die Regierung kämpfen, rüsten immer weiter auf und begehen Verbrechen. Darüber hinaus gibt es offenbar Verbindungen zwischen den bewaffneten Gruppen und bestimmten MINUSCA-Kontingenten. Immer wieder gibt es Abweichungen von den Routen und Regeln für die Versorgung dieser Kontingente, vor allem in Milizgebieten wie Bossangoa. In Orten wie Bambari und Alindao hat der Abzug von 450 gabunischen UN-Soldaten, die das Gebiet sicherten, dazu geführt, dass die Rebellen nun wieder Anschläge verüben. Da kommt bei der Bevölkerung schon die Frage auf, welche Strategie dahintersteht.

          Heißt das, Sie werfen MINUSCA vor, mit den Rebellengruppen zusammenzuarbeiten?

          Wir wollen verstehen, was da vor sich geht. Nach mehr als acht Einsatzjahren brauchen wir ein objektives Gutachten, um sicherzustellen, dass die Ziele der Mission auch erfüllt werden. Es gibt Informationen und Bilder, die den Verdacht nahelegen, dass Teile der UN-Truppen mit bewaffneten Gruppen zusammenarbeiten. Dazu sind wir der Bevölkerung Antworten schuldig.

          Die Vereinten Nationen haben wiederum mehrfach Berichte veröffentlicht, die schwere Menschenrechtsverletzungen durch Söldner der russischen „Gruppe Wagner“ anprangern, die mit Ihrer Regierung zusammenarbeitet und häufig als „Schattenarmee Putins“ bezeichnet wird.

          Dabei handelt es sich um eine Desinformationskampagne, um unserer Regierung zu schaden. Es existiert keine Verbindung zwischen der Zentralafrikanischen Republik und einer privaten Gruppierung namens Wagner. Es stimmt zwar, dass Fälle von Menschenrechtsverletzungen gemeldet wurden, und in Anbetracht der Bedeutung des Themas haben wir bereits eine nationale Untersuchungskommission eingesetzt. Aber das geht alle etwas an: die Rebellengruppen, die Soldaten der Regierung, die UN-Truppen und andere ausländische Kräfte. Egal von welcher Seite: Diejenigen, die Menschenrechtsverletzungen begangen haben, müssen zur Verantwortung gezogen werden.

          Sylvie Baipo-Temon ist Außenministerin der Republik Zentralafrika.
          Sylvie Baipo-Temon ist Außenministerin der Republik Zentralafrika. : Bild: ddp/abaca press

          Sie bestreiten aber nicht, dass Ihr Land militärisch von Russland unterstützt wird?

          Die Anwesenheit von Russen in meinem Land leugne ich nicht. Es gibt russische Ausbilder bei uns, die mit Zustimmung des Sicherheitsrates in die Zentralafrikanische Republik gekommen sind. Außerdem gibt es seit 1967 eine russische Botschaft in Bangui, die nie geschlossen wurde. Das Waffenembargo der Vereinten Nationen führt dazu, dass unsere Armee nicht in der Lage ist, die eigene Bevölkerung zu schützen. Wir haben die europäischen Länder vergeblich angefleht, uns zu helfen, aber außer Beratungs- und Ausbildungsmissionen gab es keine Rückmeldung. Durch ein Abkommen zur Sicherheitskooperation zwischen dem zentralafrikanischen und dem russischen Verteidigungsministerium haben wir dann unsere Zusammenarbeit mit Russland verstärkt. Aber noch einmal: Mit einer Gruppe Wagner hat das nichts zu tun.

          Ihr französischer Amtskollege Jean-Yves Le Drian sieht das anders. In der vergangenen Woche hat er die Sorge geäußert, die Gruppe Wagner sei dabei, die Staatsmacht in der Zentralafrikanischen Republik zu „ersetzen“.

          Diese Aussage zielt darauf ab, mein Land zu infantilisieren und in ein schlechtes Licht zu rücken. Le Drian sagte im Grunde, wir seien nicht in der Lage, die Zentralafrikanische Republik zu führen. Das hat mich entrüstet, denn natürlich können wir das. Er wollte wohl sagen, dass es in meinem Land nur ungebildete Menschen gibt. Aber er sollte wissen, dass wir nicht nur herumsitzen und tun oder unterschreiben, was andere uns sagen. Seitdem wir versuchen, die verfassungsmäßige Ordnung und die Staatsgewalt in unserem Land wiederherzustellen, haben solche Desinformationskampagnen enorm zugenommen. Ich kann das nicht nachvollziehen. Um für Sicherheit in der Zentralafrikanischen Republik zu sorgen, brauchen wir Unterstützung – und zwar in Form von kooperativer Zusammenarbeit ohne Verachtung. Wer den anderen verachtet, der kann keine Menschlichkeit behaupten. Die heilsame Hilfe eines befreundeten Landes hingegen nimmt man gerne an, wenn man am Untergehen ist und versucht zu überleben. Warum also sollten wir die Unterstützung Russlands ablehnen?

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