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Ausschreitungen in Tripoli : Not und Wut treiben die Libanesen auf die Straße

Ein Demonstrant schützt sich während eines Protests in der libanesischen Stadt Tripoli am 28. Januar vor den Flammen. Bild: AP

Hunderte Menschen sind bei den seit Montag währenden Unruhen in Tripoli schon verletzt worden. Der harte Lockdown im Libanon hat die Proteste ausgelöst – er trifft die Bewohner der armen Hafenstadt besonders schwer.

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          Tripoli kommt nicht zu Ruhe. Auch in der vergangenen Nacht gab es wieder Krawalle. Am Donnerstag wurde der erste Tote der Unruhen in der Hafenstadt im Norden des Libanon beerdigt – ein 29 Jahre alter Mann, der nach Krankenhausangaben an einer Schussverletzung starb. Am Abend wurde gemeldet, ein weiterer Demonstrant sei seinen Verletzungen erlegen. Wenige Stunden später meldete das Libanesische Rote Kreuz mehr als 100 weitere Verletze.  Ein Gebäude der Stadtverwaltung stand in Flammen.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Damit sind mehr als 400 Menschen verletzt worden, seit am Montag die Proteste in der Stadt ausbrachen. Vier Tage in Folge hat es nun heftige Zusammenstöße gegeben. Augenzeugen berichten, die Sicherheitskräfte setzten nicht nur Tränengas, Wasserwerfer und Gummigeschosse ein, sondern auch scharfe Munition. Die Polizeikräfte erklärten, neun ihre Leute seien durch eine Handgranate verletzt worden. Es würden „legitime Mittel“ eingesetzt. 

          Ganztägige Ausgangssperre

          Ein strenger Lockdown hat in Tripoli das Fass zum Überlaufen gebracht. Es herrscht eine ganztägige Ausganssperre, die Geschäfte müssen schließen, selbst Supermärkte dürfen nur ausliefern. Auch wenn diese Vorschriften in Tripoli nicht voll und ganz durchgesetzt werden, sind sie für viele Einwohner der Stadt nicht bloß lästig, sondern eine ernsthafte Bedrohung. Tripoli ist eine arme Stadt. Zwar kommen ein paar der reichsten unter den korrupten Politikern des Landes von hier. Aber ein großer Teil der Bevölkerung ringt ums wirtschaftliche Überleben. 

          Beerdigung eines getöteten Demonstranten in der libanesischen Stadt Tripoli am 28. Januar
          Beerdigung eines getöteten Demonstranten in der libanesischen Stadt Tripoli am 28. Januar : Bild: dpa

          Viele leiden Hunger, seit der Libanon vor mehr als einem Jahr von einer ungekannten Wirtschaftskrise erfasst wurde und die Kaufkraft oder das Ersparte der Leute mit dem Wert der Landeswährung zerbröselt. Die Armen haben längst keine Reserven mehr – und die Ausgangssperre nimmt ihnen jetzt auch die Möglichkeit, wenigstens von der Hand in den Mund zu leben. Bilder eines Soldaten gehen um, der ein kleines Mädchen auf dem Arm hält. Ein Demonstrant hatte das Mädchen bei dem Uniformierten zurückgelassen und ihm erklärt, er könne die Kleine nicht mehr ernähren. 

          Es sind aber nicht nur Lockdown und wirtschaftliche Not, die in der Hafenstadt die Leute auf die Straße treiben. Es ist langgehegte Wut auf eine korrupte politische Klasse, die den Libanon über Jahrzehnten ausgeplündert und heruntergewirtschaftet hat. Tripoli war eine Hochburg der Massenproteste, die im Oktober 2019 begannen und zwar den Libanon erschütterten – nicht aber das Kartell aus Oligarchen und früheren Warlords, gegen das sie gerichtet waren. Selbst der Bankrott und der Zusammenbruch des Staates scheint sie nicht zu beeindrucken. Trotz fortschreitenden Niedergangs schachern die Mächtigen um Einfluss und Pfründe, blockieren einander, statt überlebenswichtige Reformen auf den Weg zu bringen.

          Arroganz und Gleichgültigkeit der Politiker

          Seit August ist die Regierung nur geschäftsführend im Amt, sie war zurückgetreten, nachdem eine monströse Explosion im Hafen von Beirut mehr als 200 Menschen getötet und mehrere Stadtviertel verwüstet hatte. Für viele Libanesen stand die Katastrophe sinnbildlich für die Arroganz und Gleichgültigkeit der politischen Führer. Schließlich lagen Hunderte Tonnen hochexplosiven Ammoniumnitrats über Jahre ungesichert auf dem Hafengelände herum.

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          Saad Hariri, der im Zuge der Massenproteste zurückgetretene Regierungschef, der sich jetzt wieder daran versucht, ein Kabinett aufzustellen, dürfte in Tripoli nicht beliebter geworden sein, als er nun über Twitter unkte, hinter den Unruhen in der Stadt könnten Kräfte stecken, die damit politische Botschaften aussenden wollten. Er warnte vor jenen, die den „Schmerz“ der Leute für ihre Zwecke ausnutzten. Tripoli ist zwar ein Ort, an dem Unruhen immer wieder auch eine organisierte Komponente hatten und wo Konkurrenten des sunnitischen Ministerpräsidentenkandidaten Hariri ihre Machtspielchen spielen. 

          Woher der Unmut aber vor allem rührt, wird an der Tirade eines Mannes deutlich, der Hariri ebenso zum Teufel wünscht wie Präsident Michel Aoun. „Ihr fragt mich, warum ich Steine werfe, wenn ihr Beirut in die Luft gejagt habt“, brüllt ein aufgebrachter Mann in die Kamera und den Mächtigen zu, die ihre Landsleute wie Vieh behandelten und ihnen nicht einmal grundlegende Dinge böten. Die Leute wollten nicht Waffen bekommen und kämpfen, sie wollten essen und sie wollten Bildung. „In zehn Jahren“, ruft der Mann, „werfen wir euch alle raus.“ 

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