https://www.faz.net/-gpf-14wsd

Ausschreitungen in Italien : Berlusconi schweigt zur Lage von Erntearbeitern

  • -Aktualisiert am

„Avoid shooting Blacks”: Rosarno am Wochenende Bild: AFP

Nach den Unruhen in Süditalien will die Regierung in Rom schnell zur Tagesordnung zurückkehren. Während Ministerpräsident Berlusconi zur Lage der Erntearbeiter schweigt, lobt Innenminister Maroni das Vorgehen der Behörden.

          Nun haben Bulldozer begonnen, die Lager von Erntearbeitern zu zerstören. Sie reißen die Zelte ab, schleifen die Hütten und bringen die Flüssigcontainer weg, in denen schwarze Migranten bis Freitag nach der Ernte der Zitusfrüchte auf hartem Metall geschlafen hatten. Sie zermalmen liegen gebliebene Fahrräder, die offenen Duschen hinter aufgetürmten LKW-Reifen und die Kochtöpfe auf Regalen unter freiem Himmel.

          Nach ihrem Aufstand am Wochenende hatte die Polizei die afrikanischen Migranten in Autobussen in Lager in Crotone, Brindisi und Bari gebracht, wo sie nun für das Fernsehen über ihr Los berichten. Ganz Italien sieht heute, „was man seit Jahren hätte sehen können, wenn sich nur jemand dafür interessiert hätte“, sagt ein Beobachter von „Ärzte ohne Grenzen“.

          Italiens Innenminister lobt Vorgehen der Polizei

          Doch es scheint, als wolle die Politik schnell zur Tagesordnung zurückkehren. Überall im Lande gibt es solche Lager; und wenn jetzt auch von den etwa 1200 abtransportierten Migranten 500 als Illegale oder Straftäter in ihre Heimat zurückgebracht werden sollen - das Los der anderen 500 Schwarzen soll offenbar genauso wenig interessieren wie das Tausender anderswo im Land.

          Am Montag kehrte Ministerpräsident Silvio Berlusconi nach etwa einem Monat der Erholung - nach dem Anschlag auf ihn in Mailand - nach Rom zurück. Doch er schwieg zum „Krieg von Rosarno“ und lenkte die Aufmerksamkeit auf seinen alten Plan der Kürzung der Einkommensteuer noch in diesem Jahr. Auch für Innenminister Roberto Maroni scheint das Thema erledigt. Während er Ende der Woche noch Sympathie für die Arbeiter geäußert hatte, die allerdings durch eine „unselige Einwanderungspolitik“ in ihre miserable Lage gebracht worden seien, kritisierte er nun frühere Regierungen für ihre „falsche Toleranz“ und lobte das Vorgehen der Behörden als beispielhaft.

          Bildungsministerin Mariastella Gelmini zeigte auch Sympathie für das Los der Schwarzen, aber fügte hinzu, dass nur etwa 30 Prozent der Kinder in den Schulklassen Ausländer sein dürften. Man solle versuchen, die übrigen Kinder aus Ausländerfamilien mit Bussen auf verschiedene Schulen in den Städten zu verteilen. Der zur „Lega Nord“ gehörende Landwirtschaftsminister Luca Zaia wies auf die niedrigen Preise für Zitrusfrüchte aus Kalabrien hin und damit auf die Notwendigkeit, billig zu produzieren. Im norditalienischen Südtirol gebe es dieses Problem nicht. Bei der Apfelernte dort würden als Pflücker auch Migranten eingesetzt. Der Apfel werde aber als ein Markenprodukt teurer verkauft. Darum bekämen dort auch die Pflücker mehr Geld.

          Hinweise auf Verwicklung der 'ndrangheta

          Die Unruhen in Rosarno hatten am Donnerstag begonnen, als unbekannte Jugendliche aus einem Auto heraus mit Schrotgewehren auf eine Gruppe Arbeiter feuerten. Dabei wurden mehrere Menschen verletzt. Daraufhin setzten einige hundert Afrikaner Autos in Brand und zertrümmerten Schaufenster. Auch ein Kleinkind in einem fahrenden Wagen wurde von einem Stein getroffen. Bei den dreitägigen Unruhen wurden mindestens 53 Menschen verletzt, darunter 18 Polizisten. Die Arbeiter nutzten die Provokation, um gegen ihr Los zu demonstrieren. Sie arbeiten von 7 Uhr in der Früh bis zur Dunkelheit und erhalten dafür etwa 25 Euro am Tag, von denen sie in der Regel fünf als „Schutzgeld“ an denjenigen abgeben müssen, der sie aus dem Heer der Arbeiter aussucht und auf die Plantage fährt. Die Bevölkerung reagierte auf den Aufstand mit neuer Gewalt. Wieder fielen Schüsse aus Schrotflinten auf Schwarze. „Weg mit Negern“, stand auf Plakaten. Rom schickte 200 Mann Verstärkung.

          Die Planierraupen mögen dafür sorgen, dass von diesem Dienstag an nichts mehr an die Schwarzen erinnert, aber die Menschen von Rosarno lässt deren Los bisher nicht kalt. „Wir wollen nicht als Rassisten dastehen“, sagte am Montag der Pastor des Ortes und rief mit anderen Bürgern zu einer Demonstration auf. Der Priester zeigt auf das Altarbild seiner Kirche, das seit jeher eine schwarze Madonna mit ihrem schwarzen Christkind zeigt. „Toleranz ist unsere Tradition.“

          Die Demonstration sei auch ein Protest gegen das organisierte Verbrechen, sagen die Einwohner und füttern dem Vernehmen nach die Polizei mit Verdachtsmomenten gegen zwei örtliche Clans, denen vorgeworfen wird, einen Teil der Migranten illegal gebracht und als Sklaven verdingt zu haben. Wie Rosarno wurde vier weiteren Orten in der Nachbarschaft die Selbstverwaltung entzogen; sie werden von Rom direkt „betreut“, weil die Bürgermeisterei durch die Mafia zersetzt sei, schieb am Montag „Repubblica“. Die Justiz untersucht nun die Verstrickung der kalabresischen 'ndrangheta in die Ereignisse. Bisher gibt es nur Verdächtigungen aber keine Fakten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wollen beide die Nachfolge von Theresa May als britischer Premierminister antreten: der amtierende Außenminister Jeremy Hunt (rechts) und sein Vorgänger Boris Johnson

          Warnung an Trump : Johnson würde Krieg gegen Iran nicht unterstützen

          Militärische Aktionen gegen Teheran seien keine „sinnvolle Option”, sagt der Favorit auf die Nachfolge von Theresa May. Obwohl er damit Trumps Politik untergräbt, glaubt Boris Johnson an einen schnellen Handelsdeal mit Amerika nach dem Brexit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.