https://www.faz.net/-gpf-11eig

Ausschreitungen in Griechenland : Ausweitung der Kampfzone

Wer sind diese Leute, die sich selbst gern als Anarchisten bezeichnen? Bild: dpa

Im Athener Stadtviertel Exarchia zieht sich immer wieder die bürgerliche Normalität für einige Stunden vollkommen zurück und der Staat steht den Anarchisten machtlos gegenüber. In der Parteienlandschaft fehlen bürgerliche und konservative Kräfte, die den Gegenpol zu linken Strömungen bilden.

          5 Min.

          Eigentlich ist der Ausnahmezustand längst keine Ausnahme mehr. Im Gegenteil, er stellt sich so häufig ein, dass davon oft nur noch in den vermischten Meldungen im Lokalteil der Athener Zeitungen berichtet wird. Mitunter spiegelt sich allerdings in diesen wenigen Zeilen der Zustand der griechischen Gesellschaft.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Es sind Meldungen wie die folgende, veröffentlicht von der Tageszeitung „Kathimerini“ am 12. November dieses Jahres: „Eine Gruppe von ungefähr 15 selbsternannten Anarchisten ging gestern um die Mittagszeit in Exarchia auf eine Zerstörungstour. Das teilte die Polizei mit, der es nicht gelang, die Unruhestifter zu verhaften. Die verhüllten Jugendlichen schleuderten zunächst Steine und Farbbeutel gegen die neuen Büros der Oppositionspartei Pasok und dann gegen das Büro des früheren Ministers Giorgos Voulgarakis, das sich gegenüber den neuen Räumlichkeiten der Pasok befindet. Sie zerstörten auch drei geparkte Autos.

          Die Polizei vermutet, dass dieselben Verdächtigen danach die Filiale einer Bank in der Solonos-Straße und einen Buchladen angriffen, der dem rechten Parlamentsabgeordneten Adonis Georgiadis gehört. Später am Nachmittag schleuderten unerkannt gebliebene Angreifer einen Molotowcocktail auf Büros des Ministeriums für Presse und Massenmedien in Kallithea, gegenüber von der Panteion-Universität.“

          Demonstranten liefern sich im Zentrum Athens Straßenschlachten mit der Polizei

          „Wie ein rotes Tuch auf einen Stier“

          Exarchia ist das bunteste Stadtviertel Athens, ein schillernder, kantiger und unsterblich selbstverliebter Teil der griechischen Hauptstadt. Es liegt zwischen der Schnickschnackzone von Kolonaki, in dem hauptsächlich mit unfassbar teuren Handtaschen oder nicht minder kostspieligen, aber viel zu großen Sonnenbrillen gehandelt wird, und dem Ausländerviertel in den Straßen um den Omonia-Platz. Exarchia ist gleichsam die Synthese seiner beiden Nachbarstadtteile. Auch hier gibt es, wie in Kolonaki, eine Schickeria. Es ist allerdings eine Schickeria des Nonkonformismus, der freilich nur akzeptiert wird, sofern er sich links gebärdet. Und wie in den schmutzigen und arbeitsgrauen Straßen um den Omonia-Platz, die von Bulgaren, Rumänen, Albanern, Nigerianern und Ukrainern dominiert werden, ist auch in Exarchia ständig die Polizei unterwegs - wenn sie sich traut.

          Das freilich ist nicht immer der Fall. Mehr als einmal beschwerten sich Bürger der Gegend in den vergangenen Jahren, der Staat lasse ihr Viertel zum rechtsfreien Raum verkommen. Autofahrer, die das Pech hatten, nachts in einen Verkehrsunfall zu geraten, mussten die Erfahrung machen, dass Polizei den Vorfall nicht aufnehmen wollte. Zu oft waren sie durch fingierte Hilferufe in einen Hinterhalt gelockt worden. Daher patrouilliert die Polizei nun oft in Zivil durch die Straßen von Exarchia. Ein Polizeiwagen, heißt es bei den Ordnungshütern, wirke auf einen bestimmten Teil der Anwohner schließlich „wie ein rotes Tuch auf einen Stier“.

          Ordnung nach ihrer Vorstellung

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Gefeiert wie ein Popstar: Heinz-Christian Strache am Donnerstagabend in Wien.

          Strache-Auftritt in Wien : „Hier steht das Original“

          Heinz-Christian Strache will in Österreich mit einer neuen „Bürgerbewegung“ in die Politik zurückkehren und seiner früheren Partei FPÖ das Leben schwer machen. Doch noch lässt er seine Anhänger zappeln – und vermeidet Festlegungen.

          Überfüllte Kliniken in China : Ein Patient alle drei Minuten

          Überfüllte Kliniken, gewalttätige Angehörige, Arztkosten als Existenzbedrohung, Menschen, die sich selbst ein Bein amputieren – und nun auch noch ein unbekannter Virus: In China sollte man besser nicht krank werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.