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Ausnahmezustand aufgehoben : Spaniens Rückkehr an die Strände

Einige tummeln sich am Stadtstrand von Barcelona. Bild: dpa

Spanien war besonders hart getroffen: Jetzt dürfen Touristen ohne Quarantäne ins Land und Bürger sich freier bewegen. Viele fürchten eine zweite Infektionswelle – und glauben, dass ihr Land nicht gut darauf vorbereitet ist.

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          In Spanien hat am Sonntag die „neue Normalität“ begonnen. Seit Mitte März galt einer der strengsten Ausnahmezustände in der westlichen Welt. Zum ersten Mal seit mehr als einem Vierteljahr können sich die Spanier jetzt wieder frei in ihrem eigenen Land bewegen und ins Ausland reisen. Die Grenzen sind nun auch für alle Europäer geöffnet, die aus dem Schengen-Raum einreisen. Nur die Übergänge nach Portugal bleiben noch bis zum 1. Juli geschlossen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Mit dem Ende des Alarmzustands, den die Regierung in Madrid sechs Mal verlängert hat, fällt auch die 14 Tage dauernde häusliche Quarantäne weg, die für alle Einreisenden galt; nur die deutschen Touristen, die seit Montag im Rahmen eines Pilotprojekts nach Mallorca kamen, waren davon befreit.

          „Wir sind wachsam, aber auch stolz auf das, was wir gemeinsam erreicht haben“, sagte Ministerpräsident Pedro Sánchez am Wochenende. Seine Regierung habe das öffentliche Leben stoppen müssen, um das Virus aufzuhalten. „Der Alarmzustand und die Ausgangsbeschränkungen haben in Spanien 450.000 und in Europa drei Millionen Menschenleben gerettet“, sagte der sozialistische Politiker, dessen Regierung sich jetzt auf den wirtschaftlichen Wiederaufbau konzentrieren will, während weitere Vorsichtsmaßnahmen in Kraft bleiben.

          In ganz Spanien gilt neben Hygienevorschriften zum Beispiel eine Maskenpflicht, im öffentlichen Nahverkehr sowie für den Fall, dass sich der Sicherheitsabstand von 1,5 Metern nicht einhalten lässt.

          Unter dem Eindruck von 28.313 Corona-Toten

          Für den Kampf gegen die Pandemie sind jetzt die 17 Regionalregierungen zuständig, die noch längst nicht alle Beschränkungen gelockert haben. Vergeblich forderte die konservative Madrider Regionalregierung, einen PCR-Test für alle ankommenden Passagiere auf dem internationalen Barajas-Flughafen vorzuschreiben. In Madrid und anderen Regionen bleiben zum Beispiel Diskotheken vorerst geschlossen, andernorts sind große Volksfeste mindestens bis Ende September verboten. Nicht nur in der spanischen Hauptstadt wird die erlaubte Personenzahl in Lokalen und an anderen öffentlichen Orten schrittweise auf rund Dreiviertel der Plätze vor Corona erhöht. In Andalusien gelten bis zum nächsten Frühjahr 400 Vorsichtsmaßnahmen.

          Die meisten Spanier stehen weiter unter dem Eindruck der 28.313 Corona-Toten, die das Gesundheitsministerium bis Sonntag meldete. Die meisten Todesfälle waren in den spanischen Altersheimen zu beklagen. In der Region Madrid, die vom Virus am stärksten betroffen war und ist, starben dort zwischen März und Mai 7690 Menschen. Insgesamt starben in spanischen Heimen nach Angaben der Regionalregierungen bis zu 20.000 Menschen – so viele, wie in keinem anderen Land Europas.

          Besonders in Madrid und Barcelona haben zahlreiche Angehörige Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung erstattet. Sie werfen den Verantwortlichen vor, akut erkrankte Heimbewohner seien nicht rechtzeitig zur Notbehandlung ins Krankenhaus gebracht worden. Inzwischen laufen rund 200 Ermittlungsverfahren. Der größte spanische Heimverband CEAP schrieb in einem ausführlichen Bericht, dass am Höhepunkt der Pandemie fast alles gefehlt habe: Sauerstoff, Tests und Schutzausrüstung. In den Heimen und den überlasteten Krankenhäusern hatten sich zehntausende Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte mit dem Virus infiziert.

          In Wirklichkeit war die Zahl der Corona-Toten unter den 47 Millionen Spaniern wohl noch deutlich höher. Laut einer Übersicht der Zeitung „El País“ ist Spanien das Land mit der weltweit zweithöchsten „Übersterblichkeit“: Von Anfang März bis Ende Mai wurden 47.000 mehr Todesfälle als normal verzeichnet, ein Überschuss von 45 Prozent. Spanien verzeichnet damit die höchste Zahl in Europa. Die hohe Zahl der Toten und die fast 246.000 Infizierten brachten der Regierung bald den Vorwurf ein, sie habe nicht schnell genug reagiert.

          Das spanische Wirtschaftsinstitut Fedea rechnete in einer Studie vor, es hätte 60 Prozent weniger Infektionen gegeben, wenn die Ausgangsbeschränkungen eine Woche früher vom 7. März an in Kraft getreten wären. Ein Gericht in Madrid stellte inzwischen jedoch ein Ermittlungsverfahren gegen einen Vertreter der Regionalregierung in der Hauptstadt ein. Ihm und anderen Amtsträgern war vorgehalten worden, sie hätten mit der Genehmigung der Großdemonstration am Weltfrauentag am 8. März, an der in Madrid mehr als 100.000 Menschen teilgenommen hatten, die Gefahren der beginnenden Pandemie ignoriert. Besonders die rechte Opposition kritisiert die regierende Linkskoalition, sie habe trotz ausdrücklicher Warnungen aus politischen Gründen an den feministischen Demonstrationen festgehalten.

          Der „neuen Normalität“ begegnen viele Spanier mit gemischten Gefühlen. Am Sonntag brachen viele Menschen im Landesinneren auf, um zum ersten Mal an den Stränden zu baden. Laut einer am Sonntag veröffentlichten Umfrage der Zeitung „El Mundo“ fürchten 79 Prozent, dass es zu einer zweiten Welle der Pandemie kommen könnte, für die ihr Land nicht ausreichend vorbereitet sei.

          Die Freude über die Rückkehr der ausländischen Touristen trübt bei mehr als 60 Prozent die Sorge, dass die Gefahr steigt, dass Urlauber das Virus zurückbringen. Trotz der wiedergewonnenen Reisefreiheit denkt knapp die Hälfte der Befragten nicht daran, dieses Jahr in den Urlaub zu fahren.

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