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Proteste : Nichts wie weg aus Hongkong

Hongkonger protestieren gegen Polizeigewalt. Bild: Reuters

Seit dem Beginn der Massendemonstrationen gegen das Auslieferungsgesetz wollen immer mehr Hongkonger auswandern.

          Da die Hongkonger nicht das Recht haben, ihre eigene Regierung zu wählen, haben sie in der Vergangenheit schon oft anders abgestimmt: mit den Füßen. Der Streit um das Auslieferungsgesetz könnte nun eine neue Auswanderungswelle einleiten. Das jedenfalls sagt John Hu, der ein Beratungsbüro für Ausreisewillige in Hongkong führt. Er spricht von einer „dritten Welle“. Derzeit gingen bei ihm pro Tag rund 100 Anrufe von Interessenten ein, sagte er der „Financial Times“. Das seien fast dreimal so viele wie vor dem Beginn der Massendemonstrationen gegen das Auslieferungsgesetz. Neben klassischen Zielländern der Hongkonger Diaspora wie Kanada und Australien gebe es vermehrt Interesse an Ländern der Europäischen Union, sagte Ho der Nachrichtenagentur AFP.  

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Da die Hongkonger Regierung keine Statistik über Auswanderer führt, ist es schwer, sie genau zu beziffern. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Hongkonger aufgrund früherer Ausreisewellen bereits im Besitz eines ausländischen Passes und Zweitwohnsitzes sind, so dass es statistisch kaum zu erfassen wäre, wenn sie der Stadt den Rücken kehren.   

          Nicht die erste Welle

          Die erste Welle begann 1984, als Großbritannien und China sich vertraglich auf eine Rückgabe der britischen Kronkolonie verständigten. Die Abstimmung mit den Füßen erreichte ihren Höhepunkt 1989 nach dem Tiananmen-Massaker, das alle Hoffnungen auf eine politische Liberalisierung zerstörte. Bis zur Übergabe im Jahr 1997 verließen zehn Prozent der Hongkonger Bevölkerung ihre Heimat. Die meisten gingen nach Australien, Kanada, in die Vereinigten Staaten und nach Großbritannien.

          Als die Regierung von Singapur nach dem Massaker ankündigte, 25.000 Hongkonger Familien eine Zuflucht zu gewähren, standen schon am nächsten Tag 10.000 Menschen Schlange vom dem Konsulat des Stadtstaates. Viele Auswanderer kehrten allerdings später, ausgestattet mit der Staatsbürgerschaft ihrer neuen Heimat, in die Finanzmetropole zurück. Die zweite Auswanderungswelle folgte 2014 nach dem Scheitern der Regenschirmbewegung, die sich vergeblich für eine Direktwahl der Hongkonger Lokalregierung eingesetzt hatte.    

          Politische Krise in Hongkong

          Nach den Protesten gegen das Auslieferungsgesetz fürchten viele, dass die Zentralregierung in Peking ihre Bemühungen verstärken wird, die Sonderverwaltungsregion unter Kontrolle zu bekommen. Die von den Demonstranten erzwungene Aussetzung des Gesetzes hat Xi Jinpings Nimbus der Stärke Schaden zugefügt.

          Die politische Krise in Hongkong schwelt derweil weiter. Am Wochenende rangen sowohl die Protestbewegung als auch das pro-Pekinger Lager um die Unterstützung der Bevölkerung. In den Reihen der Demonstranten wurde gemahnt, das allgemeine Wohlwollen nicht durch allzu radikale Aktionen zu verspielen. „Wir müssen die Auswirkungen auf die Bevölkerung begrenzen, um nicht den Kampf um die öffentliche Meinung zu verlieren“, hieß es in einem Aufruf, der über das soziale Netzwerk Telegram verbreitet wurde. 

          Am Freitag hatten Tausende über zwölf Stunden das Hauptquartier der Polizei umstellt und die Beamten daran gehindert, es zu verlassen. Vereinzelte Aufrufe zum Sturm auf das Gebäude wurden in den Reihen der Demonstranten mit dem Argument zurückgewiesen, dass dies der Polizei in die Hände spielen würde. Die Polizei bezeichnete die Aktion anschließend als „illegal, irrational und unvernünftig“.

          Aus den Reihen des pro-Pekinger Lagers kamen betont versöhnliche Töne. Die größte pro-Pekinger „Partei für die Verbesserung Hongkongs“ sprach sich dafür aus, der Forderung der Demonstranten nach einer endgültigen Streichung des Auslieferungsgesetzes nachzukommen. Zudem regte sie einen Dialog mit der Protestbewegung an.  

             

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