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Auschwitz-Schriftzug wiedergefunden : „Eine Sache der Ehre“

Die eiserne Inschrift mit den berüchtigten Worten „Arbeit macht Frei” war am Freitag gestohlen worden Bild: AP

Polen atmet auf: Drei Tage nach dem spektakulären Raub der Inschrift am Eingang des Konzentrationslagers Auschwitz hat die Polizei die mutmaßlichen Täter samt ihrer Beute gefasst. Die Diebe sind laut Polizei keine Rechtsextremisten, sondern Berufsverbrecher.

          Polen atmet auf: Drei Tage nach dem spektakulären Raub der Inschrift am Eingang des Konzentrationslagers Auschwitz hat die Polizei die mutmaßlichen Täter samt ihrer Beute gefasst. Der weltbekannte, aus eisernen Lettern gefügte NS-Propagandaspruch „Arbeit macht frei“, das weltberühmte Symbol des Lagers, in welchem unter deutscher Führung während des Zweiten Weltkriegs mehr als eine Million Juden und Opfer anderer Nationalität ermordet wurden, kann wieder an seinen angestammten Platz über dem Haupteingang zurückkehren.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nach dem Diebstahl der Inschrift in der Nacht von Donnerstag auf Freitag hatte die polnische Polizei es sich zu einer „Sache der Ehre“ gemacht, den verschwundenen Spruch wieder aufzufinden. Die Regierung setzte eine Belohnung von 115.000 Zloty (27.000 Euro) aus, und nach einer intensiven Suche, in die unter anderem der Inlandsgeheimdienst und die internationale Polizeibehörde Interpol eingeschaltet waren, fand sie den geraubten Spruch vergraben in einem Wald im Norden Polens.

          Fünf mutmaßliche Täter, ein Bauunternehmer und vier Männer, offenbar Berufsverbrecher, die nach Angaben der Polizei seit längerer Zeit hauptsächlich von den Erträgen ihrer Raubzüge leben, wurden festgenommen. Die eiserne Inschrift war zwar vollständig, aber beschädigt: die Täter hatten sie in drei Teile zersägt, offenbar, um sie besser verstecken zu können Polen atmet auf. Dazu trägt nicht nur bei, dass die Inschrift wieder da ist; es hat sich überdies auch gezeigt, dass die Täter nicht, wie man zunächst befürchtet hatte, polnische Rechtsextremisten waren, sondern simple Diebe, die nach Darstellung der Polizei schlicht und einfach „auf Gewinn“ aus waren.

          Wie dieser Gewinn hätte aussehen sollen, war allerdings am Montag noch nicht völlig klar. Mehrere Sender und Zeitungen berichteten von einem möglichen „Auftraggeber“ der Tat, einem „verrückten Sammler“, der die Täter zu ihrem Raub angestiftet haben könnte. Die Polizei wollte das allerdings nicht bestätigen. Den Tätern drohen nun bis zu zehn Jahre Haft wegen Diebstahls und Beschädigung von Kulturgütern nationaler Bedeutung.

          Der Raub des Symbols von Auschwitz hatte in Polen auch deshalb besonderes Aufsehen erregt, weil ein Teil der Öffentlichkeit hier in der ständigen Sorge lebt, Polen könnte aus der Sicht der Welt als Mittäter oder Sympathisant des Holocaust erscheinen. Diese Sorge entspringt mehreren Quellen. Erstens lagen seinerzeit mehrere deutsche Vernichtungslager etwa Auschwitz, Sobibor, Treblinka und andere, auf dem Territorium des heutigen Polen, und die Sorge ist wach, dass ausländische Besucher - zum Beispiel Jugendgruppen aus Israel - irrtümlich daraus ableiten könnten, nicht etwa Deutsche, sondern Polen seien die Täter gewesen.

          Das polnische Außenministerium interveniert deshalb auf der ganzen Welt seit Jahren beharrlich in geharnischten Protestnoten, wenn irgendwo in der Öffentlichkeit der Begriff „polnische Lager“ für diese Todesstätten gebraucht wird - was auch in Deutschland immer wieder geschieht, wenn auch meist eindeutig so, dass das Beiwort „polnisch“ den Ort der Lager umschreibt, und nicht etwa auf eine polnische Täterschaft hindeutet.

          Die Sorge der Polen vor einer Identifikation ihrer Nation mit den Verbrechen der Nazis liegt aber auch daran, dass manche von ihnen während des Zweiten Weltkrieges und in den Jahrzehnten danach tatsächlich Juden verfolgt, denunziert oder getötet haben. Versteckte Juden wurden immer wieder an die deutschen Besatzer verraten, und in einigen Fällen beteiligte sich die Bevölkerung auch direkt an tödlichen Pogromen. Andererseits aber haben Polen auch viel häufiger als Angehörige anderer Nationen versteckte Juden unter Lebensgefahr beschützt. An keine Nation ist in der Folge die Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“ so häufig vergeben worden, wie an Polen.

          Mehr als 500 Hinweise aus der Bevölkerung

          Die prompte Wiederauffindung der gestohlenen Inschrift aus Auschwitz hat nun dazu beigetragen, die Wiederbelebung des Klischees vom antisemitischen Polen einzudämmen. Kulturminister Zdrojewski wies stolz darauf hin, dass zu dem Erfolg mehr als 500 Hinweise aus der Bevölkerung beigetragen hätten.

          Die Presse griff am Montag diesen Aspekt sofort auf. Mehrere große Internetportale zitierten ausführlich eine Erklärung eines früheren israelischen Botschafters in Warschau, Schewach Weiss, der nach dem Erfolg der Polizei feststellte, diese Angelegenheit, sei ein „Examen“ für die Beziehungen zwischen Polen und Israel gewesen. Dieses Examen hätten beide Völker nun „bestanden“, weil sie nach dem Drama des Diebstahls „solidarisch“ geblieben seien - „ihr als Volk und wir als Volk, ihr als Staat und wir als Staat, wir als Menschen und ihr als Menschen“.

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