https://www.faz.net/-gpf-70opm

Aufrüstung der Kriegsparteien : Waffen für die Freunde in Syrien

Das russische Außenministerium hat amerikanischen Darstellungen widersprochen, es liefere neue Kampfhubschrauber an Syrien Bild: dapd

Immer wirkungsvollere Waffen auf beiden Seiten: Die Parteien im syrischen Bürgerkrieg rüsten auf. Das Material liefern Russland, Qatar, Libyen und Saudi-Arabien.

          Je weiter der Bürgerkrieg in Syrien voranschreitet, desto wirkungsvollere Waffen setzen beide Seiten ein. Während das Regime in den vergangenen Wochen immer häufiger schwere Artillerie und russische Kampfhubschrauber einsetzte, um zu verhindern, dass die Rebellen große zusammenhängende Gebiete beherrschen, zeigt die steigende Zahl getöteter Soldaten und zerstörter Panzer, dass die Rebellen über bessere Waffen verfügen; zudem haben sie dank desertierter Soldaten und einer wachsenden Zahl von Kämpfern aus dem Ausland, darunter Dschihadisten, auch eine wachsende Kampferfahrung. Seit Ende Mai haben die Rebellen nach Schätzungen westlicher Militärfachleute mindestens zwei Dutzend syrische Panzer zerstört. Möglich war das vermutlich, weil sie in den Besitz von russischen Panzerabwehrraketen des Typs RPG7 aus den Beständen der regulären Armee gekommen sind, die Deserteure mitgenommen haben. Möglicherweise wurden sie über Libyen indes auch schon mit moderneren Panzerabwehrraketen versorgt.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Das russische Außenministerium hat vergangene Woche der amerikanischen Darstellungen widersprochen, es liefere neue Kampfhubschrauber an Syrien. Doch seien früher gelieferte Kampfhubschrauber „überholt“ worden. Eine Sprecherin des State Department erwiderte darauf, das mache keinen Unterschied, da sie zur Tötung von Zivilisten eingesetzt würden. Der erste Einsatz bekannte Einsatz russischer Kampfhubschrauber beim Beschuss von Zivilbevölkerung und Stellungen der Rebellen war am 22. März 2012. Die Rebellen haben mutmaßlich am 10. Juni erfolglos versucht, ein Depot der Armee zu erobern, in dem tragbare Boden-Luft-Raketen gelagert sind, um sich gegen die Beschießung aus der Luft zu verteidigen. Die russische Regierung hat die Lieferung von Buk-M2E Boden-Luft-Raketen an Syrien bestätigt. Diese können von den Truppen Präsident Assads zwar nicht gegen die Rebellen eingesetzt werden, da diese über keine Luftwaffe verfügen, aber sie würden eine internationale militärische Intervention in Syrien erschweren - oder sie könnten in die Hände der Rebellen fallen.

          Auch Amerika unterstützt die Aufständischen

          Die reguläre Armee setzt vor allem drei Einheiten ein, auf deren Loyalität sie sich verlassen kann: die Vierte Division, die Republikanische Garde und die 14. Sondereinheit, die über Jahre im Libanon stationiert war. Parallel dazu erledigen die regimetreuen Schabiha-Milizen in Operationen gegen die Hochburgen der Rebellen bei Angriffen gegen die Zivilbevölkerung für das Regime die Drecksarbeit. Ihnen stehen Rebellen gegenüber, die sich ebenfalls in Milizen organisieren, die den Schabiha ähneln. Die „Washington Post“ schätzt, dass es auf Seiten der Aufständischen etwa 60 Gruppen gibt, die jeweils eigene und unabhängig agierende Milizen haben. Diese sind aber immer besser organisiert und bewaffnet und haben immer mehr Kämpfer. Lokale Militärräte ersetzen spontane Organisationen, die Abstimmung mit dem Syrischen Nationalrat verbessert sich. Zudem ist eine neue „Front der Syrischen Rebellen“ aufgetaucht, die angibt, 12.000 Männer unter Waffen haben. Unklar ist, ob sie sich als Alternative zur „Freien Syrischen Armee“ sieht oder ob sie einen Zusammenschluss anstrebt.

          Waffenruhe für Waffenkäufe genutzt

          Unbestritten ist unter militärischen Beobachtern, dass die Rebellen die kurze Waffenruhe, die am 12. April aufgrund der Vermittlungsversuche des UN-Sonderbeauftragten Kofi Annan in Kraft getreten war, genutzt haben, um sich neu zu organisieren und mit Waffen zu versorgen. Seither sind nach Angaben der „Syrischen Beobachtungsstelle für die Menschenrechte“ mehr als 1000 Soldaten getötet worden. Die amerikanische Denkfabrik Stratfor schreibt, die Rebellen verfügten seither über Sturm- und Maschinengewehre, über Mörser und Gewehre für Heckenschützen sowie über Panzerabwehrraketen, die nach Syrien geschmuggelt worden seien. Während ursprünglich der wichtigste Weg des Waffenschmuggels von der libanesischen Hauptstadt Tripolis nach Homs führte, soll demnach nun ein Korridor aus der türkischen Provinz Hatay nach Idlib von größerer Bedeutung sein. In Hatay unterhält die „Freie Syrische Armee“ ihr Hauptquartier. Nach Ansicht westlicher Militärfachleute besitzen die Rebellen zumindest alle tragbaren Waffensysteme. Die Waffen kommen laut diesen Angaben vor allem aus Qatar und Saudi-Arabien.

          Auch die Vereinigten Staaten unterstützen die Aufständischen mittlerweile mit Material: Am Freitag teilte die Sprecherin des State Department mit, Amerika liefere den Rebellen moderne Kommunikationstechnik. Es gehe darum, „jenen zu helfen, die unter der Regierung leiden und keine Möglichkeiten zur Kommunikation untereinander haben“. Es soll sich unter anderem um mit dem Satellitenortungssystem GPS ausgestattete Mobiltelefone handeln. Unterdessen berichtete die prosyrische libanesische Tageszeitung „Al Akhbar“, ein führender Offizier der „Freien Syrischen Armee“ habe mit dem früheren amerikanischen Botschafter in Damaskus Robert Ford über die Lieferung von Boden-Luft-Raketen und Panzerabwehrwaffen verhandelt. Sie sollten teilweise über Libyen geliefert werden.

          Gratwanderung Saudi-Arabiens

          In Libyen sind seit Gaddafis Sturz 5000 Flugabwehrraketen verschwunden. Mitte Mai soll ein in einem westafrikanischen Land registriertes Frachtschiff Waffen aus den Beständen der beiden qatarischen Waffendepots nahe Benghasi Waffen in die libanesische Hafenstadt Tripolis geliefert haben. Welche Waffen das Schiff an Bord hatte, ist westlichen Fachleuten indes nicht bekannt. Aus Libyen sollen nach Schätzungen von Militärfachleuten auf der arabischen Halbinsel auch mindestens 3000 Kämpfer nach Libyen gelangt sein, die meisten davon über die Türkei. Viele von ihnen waren offiziell zur „medizinischen Behandlung“ in die Türkei geschickt worden.

          Zudem haben sich sunnitische Dschihadisten aus dem Irak, die dort gegen die Amerikaner gekämpft hatten, den Rebellen angeschlossen. Im Mai fanden Soldaten der regulären Armee nach eigenen Angaben bei einem libyschen Dschihadisten, der bei einem Gefecht getötet wurde, einen USB-Stick von 7,5 Gigabyte, auf dem Videoanleitungen zum Bau von Waffen, Bomben und Sprengstoffen im Stil Al Qaidas gespeichert waren, ferner Briefe von Usama Bin Ladin und Ayman al Zawahiri. Vorgeführt wurden diese Anleitungen von vermummten Dschihadisten, die im saudischen, irakischen und syrischen Dialekt sprachen. Eine Gruppe, die sich „Nusra-Front“ nennt und zum Netz von Al Qaida zählt, hat sich zu Anschlägen in Damaskus und Aleppo bekannt.

          Rückkehr radikalisierter saudischer Kämpfer

          Saudi-Arabien, das wie Qatar Waffenlieferungen an die Rebellen bekanntgegeben hat, geht eine Gratwanderung. Einerseits will Riad damit Syriens Verbündeten Iran schwächen und den als Person ungeliebten Assad stürzen. Andererseits will das Königreich aber mit Syrien nicht jene Erfahrungen wiederholen, die es mit Afghanistan, Bosnien und dem Irak gemacht hat, von wo saudische Freiwillige radikalisiert in die Heimat zurückgekehrt sind.

          Eine Fatwa, die am 7. Juni der „Hohe Rat der Geistlichkeit“ erlassen hat, untersagt den Saudis daher, selbst einen „Dschihad in Syrien“ auszurufen und ihm zu folgen. Jede Hilfe für Syrien müsse im Einklang mit der Politik des Staats stehen. Zuvor hatte König Abdullah am 29. Mai die Geistlichkeit aufgeforderte, keine weiteren „Spenden“ mehr für Syrien anzunehmen, wozu radikale Kleriker aufgerufen hatten. Offenbar fürchtet das Königshaus, dass der radikale Klerus Syrien als Anlass für eine indirekte Kritik an der königlichen Familie nehmen könnte.

          Weitere Themen

          Abe verfehlt Zwei-Drittel-Mehrheit Video-Seite öffnen

          Oberhauswahl in Japan : Abe verfehlt Zwei-Drittel-Mehrheit

          Der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe hat bei der Oberhauswahl die für eine Verfassungsänderung notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit verfehlt. Seine Liberaldemokratische Partei (LDP) holte zusammen mit dem kleineren Koalitionspartner Komeito 71 der neu vergebenen 124 Sitze.

          Topmeldungen

          Des einen Freud’: Der Bund gibt viel Geld für Pensionen aus.

          Beamte im Ruhestand : Die Pensionslasten steigen um 70 Milliarden Euro

          Den Bund kommen die Gehälter und Beihilfen für seine Beamten im Ruhestand immer teurer zu stehen. Inzwischen rechnet er mit einem Betrag von deutlich mehr als 700 Milliarden Euro. Darunter leiden vor allem die Länder.
          FDP-Chef Christian Lindner im ARD-Interview

          TV-Kritik: Sommerinterviews : Nur posieren reicht nicht

          Christian Lindner und Robert Habeck treten in ARD und ZDF gegeneinander an – ohne dabei den jeweils anderen zu erwähnen. Während der FDP-Chef auf eine desinteressierte Fragestellerin trifft, geriert sich der Grünen-Vorsitzende als Schlitzohr.
          Gratulation vom Präsidenten: Emmanuel Macron (links) mit Julian Alaphilippe.

          Hochspannung beim Radsport : Frankreich dreht bei der Tour am Rad

          Was ist nur los bei dieser Tour de France? Alles, was sicher schien, ist ins Wanken geraten. Frankreich hat einen Mann im Gelben Trikot – und einen, der das wichtigste Radsport-Rennen der Welt gewinnen kann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.