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Auf der Krim : Es fehlt an allem, was zum Kämpfen nötig ist

Jetzt wird es ernst: Ukrainische Kämpfer, die auf dem Majdan aktiv waren und nun eine neue „Nationalgarde“ bilden sollen, trainieren in einem Lager nahe Kiew für den Einsatz. Doch auf der Krim kapitulieren schon die ersten Soldaten. Bild: REUTERS

Russland treibt die stille Invasion auf der Krim voran. Die ukrainischen Soldaten dort warten auf Hilfe. Doch die kommt nicht an.

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          Am Samstag war die Fahne noch da. Sie hing zwar etwas müde in der lauen Frühlingsluft der Krim über der Kaserne der „Einheit 3835“, aber immerhin war sie noch nicht sang- und klanglos eingeholt worden. Die Kaserne liegt an der Landstraße von der Regionalhauptstadt Simferopol zum russischen Marinehafen Sewastopol.

          Konrad Schuller
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die schwerbewaffneten Soldaten ohne Hoheitsabzeichen, die viele für getarnte russische Besatzer halten, blockierten zwar hier wie an so vielen anderen Stationierungsorten der ukrainischen Armee seit Tagen die Zufahrt, aber das Häufchen ukrainischer Soldaten hatte bis zum Wochenende noch nicht das Weite gesucht. Die Männer haben hinter Panzersperren und einem verrammelten Tor den Aufrufen zu Übergabe und Seitenwechsel widerstanden. „Eid ist Eid“, hatte einer ihrer Offiziere, Oberstleutnant Wladimir Dokutschajew, noch am Mittwoch durch den Zaun gesagt.

          Schleichende russische Invasion

          Solche Treue zum Diensteid ist nichts Selbstverständliches in diesen Tagen. Die Krim, seit 23 Jahren ein integraler Bestandteil der unabhängigen Ukraine, ist Schauplatz einer schleichenden russischen Invasion. Erst vor ein paar Tagen hatte zum Beispiel die Nachbarkaserne unter dem Eindruck der schwerbewaffneten Blockadetruppen sang- und klanglos die Fahne gestrichen.

          Die Übernahme geschah schleichend und schnell. Zuerst sah man eine Seitentür schlagen, und einzelne prorussische Belagerer in Räuberzivil wurden ein- und wieder herausgelassen. Dann öffnete sich die Tür wieder, und ein paar Männer in ukrainischer Offiziersuniform schlichen geduckt davon, den grinsenden Belagerern verstohlen zuzwinkernd und nervös an Zigaretten saugend. Kurz darauf waren dann die Belagerer in der Kaserne. Die verbliebenen ukrainischen Soldaten, meist niedrigere Dienstgrade, verschwanden zuerst in ihren Baracken. Nach kurzer Zeit tauchten sie dann wieder am Kasernentor auf und verkündeten etwas verschämt, soeben hätten sie einen Eid auf die neu ausgerufene „Republik Krim“ abgelegt. Die Fahne war da längst eingeholt.

          Mutmaßlich russische Soldaten (wenn auch ohne Hoheitsabzeichen) vor einer Kaserne der ukrainischen Armee nahe Simferopol Bilderstrecke
          Mutmaßlich russische Soldaten (wenn auch ohne Hoheitsabzeichen) vor einer Kaserne der ukrainischen Armee nahe Simferopol :

          Obwohl nicht alle ukrainischen Soldaten bei den verbliebenen Stützpunkten auf der Krim sich so einfach ergeben wollen, rechnet niemand damit, dass die Halbinsel im Schwarzen Meer für die Ukraine in absehbarer Zeit militärisch zurückgewonnen werden kann. Sie ist mittlerweile fest in der Hand russischer Truppen. Die westlich orientierte Führung, die seit dem Sturz Janukowitschs in Kiew an der Macht ist, scheint an die Verteidigung dieser Region, die ohnehin ein starkes russisches Element in ihrer Bevölkerung aufweist, nie ernsthaft gedacht zu haben.

          Umso mehr treibt die neue Regierung unter Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk aber ein anderer Gedanke um: die Vorstellung, dass die stille Invasion der Krim nur der Anfang sein könnte, und dass Russland nach vollzogenem Anschluss dazu übergehen könnte, weitere Teile der Ukraine zu erobern, vor allem aber die Regionen des russisch sprechenden Ostens.

          Putins Drohungen - keine leeren Worte

          Solche Gedanken scheinen nicht völlig aus der Luft gegriffen, seit Präsident Wladimir Putin Anfang März gesagt hat, Russland behalte sich vor, einzugreifen, wenn Russen in der Ukraine bedroht würden. Geht man nach den Angaben des ukrainischen Verteidigungsministers Ihor Tenjuch, sind das keinesfalls nur leere Worte.

          Vor einigen Tagen sprach er von russischen Manövern mit 220.000 Mann an der ukrainischen Ostgrenze und auf der Krim. 1800 Panzer seien daran beteiligt, 400 Hubschrauber, 150 Kampfflugzeuge und 60 Schiffe. Tenjuchs Angaben sind zwar umstritten: Der Chef des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats etwa sprach nur von 80.000 Mann, und das russische Verteidigungsministerium bestritt die Zahlen ebenfalls.

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