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Auf der Krim : Es fehlt an allem, was zum Kämpfen nötig ist

Doch dass Russland in den vergangenen Tagen an der ukrainischen Grenze immer wieder Manöver gehalten und außerdem neue Kampfflugzeuge in Weißrussland an der ukrainischen Nordgrenze stationiert hat, wird selbst in Moskau nicht bestritten.

Zusammen mit dem russischen Truppenaufbau auf der südlichen Krim sowie im Osten der Ukraine ergibt sich damit das Bild einer Umzingelung des Landes von drei Seiten. Die Kiewer Führung versucht, auf diese Bedrohung zu reagieren, so gut sie kann – und sie weiß, dass das zunächst nicht viel ist. Janukowitsch hat den ukrainischen Staat jahrelang geplündert. Korruption und Wahlgeschenke für seine Wählerschaft haben die Kassen geleert, und das hat auch den Wehretat betroffen. Das Verteidigungsministerium galt dem alten Regime weniger als eine Behörde zur Verteidigung des Landes denn als eine Schutzzone für obskure Oligarchengeschäfte.

Bedingt abwehrbereit

Die Folgen für die Verteidigungsbereitschaft der Ukraine sind offenbar dramatisch. Der Verteidigungsminister hat jetzt mitgeteilt, statt der eigentlich vorgesehen 41.000 Mann verfüge die Infanterie derzeit nur über 6000 einsatzfähige Soldaten. Es scheint an allem zu fehlen, was zum Kämpfen nötig ist. So hat etwa der Kommandeur des nationalen Verteidigungsstabs im Gebiet Dnipropetrowsk mitgeteilt, die meisten Einheiten im Süden der Ukraine hätten in Wahrheit nur 50 Prozent der notwendigen Treibstoffvorräte auf Lager.

Um diese Nachteile auszugleichen, setzt die ukrainische Führung jetzt darauf, jene Welle des Patriotismus zu nutzen, die in den revolutionären Kampftagen vor dem Sturz Janukowitschs sichtbar geworden ist. Dabei ist vom Milliardär bis hinunter zum „Mann auf der Straße“ offenbar jeder gefragt, und einer der führenden Oligarchen des Landes, Ihor Kolomojskij, hat am Wochenende mit der Ankündigung Applaus geerntet, er werde den fehlenden Diesel für die Militäreinheiten in seiner Region einfach aus seiner eigenen Kasse bezahlen.

Neue „Nationalgarde“

Vor allem aber setzt Kiew im Augenblick auf allgemeine Mobilmachung der Streitkräfte, und darüber hinaus auf die Schaffung einer „Nationalgarde“ aus Zivilisten. Sie soll vor allem die Aufgabe haben, im Falle einer Invasion die Grenzen zu sichern. Beim Aufbau dieser neuen Heimwehr könnte helfen, dass der heutige Chef des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats, Parubij, zur Zeit der Revolution der Feldkommandeur des Kiewer „Majdan“ gewesen ist. Er sagt, die kommende Nationalgarde solle sich vor allem auf die Hundertschaften der revolutionären „Selbstverteidigung“ stützen, die sich in Kiew durch besondere Einsatzbereitschaft ausgezeichnet hat.

Parubij gab die Stärke der geplanten Heimwehr mit 20.000 Mann an. Auch hier gehen die Zahlen allerdings auseinander. Der Verteidigungsminister jedenfalls hat am Freitagabend im Fernsehen schon von 40.000 Männern gesprochen, die schon eingeschrieben seien und gerade in ihre Stützpunkte gebracht würden.

Für das Fähnlein der Aufrechten in „Einheit 3835“ wird das möglicherweise nicht mehr viel ändern. Die ukrainische Führung macht keine Anstalten, ihnen Hilfe zu schicken. So wird für Oberstleutnant Dokutschajew und seine Männer die Versuchung, aufzugeben, von Tag zu Tag größer. Am Samstag jedenfalls schien es, als habe die Disziplin im Vergleich zum Mittwoch schon deutlich nachgelassen. Die Kaserne an der Straße nach Sewastopol hielt sich zwar noch, aber die Posten waren zum Teil nicht mehr besetzt, und an einer Stelle, wo der Stacheldraht kaputt war, sah man sogar schon einen einzelnen Soldaten über den Absperrzaun hinweg das Weite suchen. Eid ist Eid, aber Leben ist Leben.

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