https://www.faz.net/-gpf-9onvi

Logbuch der Alan Kurdi (6) : Ein Notruf ohne Positionsangabe

Ausguck halten mit dem Fernglas auf der „Alan Kurdi“ Bild: Julia Anton

In der Such- und Rettungszone vor Libyen hält die Crew der „Alan Kurdi“ Ausschau nach Flüchtlingsbooten. In der Nacht erfährt sie von einem Notruf – allerdings ohne konkrete Position. Was soll man jetzt tun?

          2 Min.

          Pünktlich zum Sonnenaufgang um 5 Uhr erklimmt das erste Wachteam das Monkeydeck der „Alan Kurdi“. Das ist das oberste Deck, von dem aus man am weitesten sehen kann. Die Leitersprossen sind noch feucht vom Morgentau. Im Gepäck hat das Team Kaffee, Wasser, Kekse, zwei Ferngläser und ein Funkgerät. Seit das Rettungsschiff „Alan Kurdi“ am Dienstag die Such- und Rettungszone vor Libyen erreicht hat, halten die Crewmitglieder in Schichten Ausschau nach Flüchtlingsbooten, aber auch nach Rettungswesten oder Wasserflaschen, die im Wasser treiben – und eine Spur sein könnten. Wenn am Horizont etwas auftaucht, benachrichtigt das Team per Funk die Brücke, die unter anderem mit dem Radargerät überprüft, ob es sich um ein Fischerboot handelt – oder um ein Schlauchboot mit Geflüchteten.

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Am Mittwoch schauen die Wachteams mit dem Wissen hin, dass es in der Nacht einen Notruf gab. Die Crew hat eine Nachricht der Hilfsorganisation „Alarm Phone“ erhalten, die wiederum von einem Mann angerufen wurde. Dieser habe angegeben, mit 60 weiteren Menschen auf einem Schlauchboot zu sein. Am späten Abend habe das Boot nahe az-Zawiyah abgelegt, einer Hafenstadt etwa 50 Kilometer westlich von Tripolis. Mittlerweile habe das Boot aber ein Leck und sinke. Dann sei die Verbindung zum Anrufer abgebrochen, berichtete „Alarm Phone“. Eine Position habe der Mann nicht angeben können, weil er keine Internetverbindung mehr gehabt habe. Er habe aber noch Lichter an der Küste gesehen. „Alarm Phone“ teilte auch mit, die libysche Küstenwache habe man nicht erreicht und deshalb zumindest die italienische informiert.

          Die „Alan Kurdi“ ist zu diesem Zeitpunkt 48 Seemeilen und damit mehrere Stunden Fahrt von az-Zawiyah entfernt. Der Rescue Report, den die Crew später erstellt, enthält folgende Punkte: Auch der Kapitän der „Alan Kurdi“ erreicht die libysche Küstenwache nicht, weder per Funk noch telefonisch. Bei der Nummer des Anrufers läuft eine Ansage auf Arabisch. Per E-Mail teilt der Kapitän deshalb mit, wo sich sein Schiff aufhält, und bietet Unterstützung an, denn das in Seenot geratene Boot befindet sich der Beschreibung nach mutmaßlich noch in libyschem Hoheitsgebiet.

          Am nächsten Vormittag versuchen Kapitän und Einsatzleitung herauszufinden, was aus dem Notruf geworden ist. Gegen Mittag erreicht der Kapitän schließlich einen Kommandanten der libyschen Küstenwache. Deutsche Behörden haben auf Anfrage der Besatzung den Kontakt hergestellt und noch eine weitere Nummer geschickt, vier hängen bereits an der Pinnwand auf der Brücke. Der Kommandant sagt, man wisse von dem Fall und habe das Boot gesucht, aber nicht gefunden. Die libysche Küstenwache werde jetzt aber noch einmal rausfahren – mehr als zwölf Stunden, nachdem der Fall gemeldet worden ist. Noch gibt es keine Rückmeldung von dieser Fahrt.

          Es komme oft vor, dass trotz diverser Nummern niemand bei der libyschen Küstenwache zu erreichen sei, sagt Einsatzleiter Gorden Isler. Das berichten auch andere Hilfsorganisationen immer wieder.

          Vielleicht sei der Notruf ja ein Fake gewesen, sagt jemand. Die Nummer von „Alarm Phone“ kann jeder anrufen. Es ist ein Gedanke, der sich leichter fassen lässt, als das, was auch passiert sein könnte: Da ist ein Boot mit Dutzenden Menschen untergegangen, und niemand war da, um ihnen zu helfen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.
          Wer zu den Besten in der Forschung gehören möchte, muss sich den Platz hart erkämpfen. Auch in Deutschland gibt es hierfür inzwischen Graduiertenschulen, die die Promovierenden unterstützen.

          Spitzenforschung : Wo die Promotion zur Selektion wird

          Amerikas Dominanz in der Spitzenforschung hat auch die hiesige Nachwuchsförderung kräftig umgekrempelt. Wer oben mitspielen will, muss an eine Graduiertenschule und sich von dort aus die begehrten Plätze erkämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.