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Auf dem Majdan : Klitschkos schwärzeste Stunde

Klitschko während seiner Rede auf dem Majdan Bild: REUTERS

Eigentlich hat er gesiegt, doch der Oppositionsführer wird auf dem Kiewer Majdan ausgebuht. „Verräter“, ruft die Menge. Sie will, dass Präsident Janukowitsch sofort zurücktritt.

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          Vitali Klitschko steht schweigend im Gebrüll. Minutenlang steht er da, regungslos, nur seine Kiefermuskeln zucken ganz leicht, in der herabhängenden Faust zerknüllt er ein Papiertaschentuch. „Schande“ ruft der Majdan, „Schande“. Und es hört nicht auf. Später wird er sich entschuldigen.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Klitschko und die zehntausenden von Menschen, die ihn jetzt, in der Nacht zum Samstag, auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz Majdan ohne Gnade in Grund und Boden schreien, haben an diesem Tag sehr unterschiedliches erlebt. Er, der Gründer und Vorsitzende der ukrainischen Oppositionspartei „Udar“ (Schlag) hat zusammen mit den beiden anderen Parteiführern an der Spitze der ukrainischen Revolution zusammen mit den Außenministern Polens und Deutschlands, Radoslaw Sikorski und Frank-Walter Steinmeier (SPD), seit Donnerstag und dann die Nacht hindurch fast ununterbrochen mit Präsident Viktor Janukowitsch verhandelt.

          Am Freitag Nachmittag haben sie dann ein Abkommen unterzeichnet, das eine sofortige Schwächung des Präsidenten durch ein Verfassungsgesetz vorsieht und zugleich eine Stärkung von Parlament und Regierung. Binnen zehn Tagen soll ein neues Kabinett eingesetzt werden, in dem Regierungschef und Minister für alle Seiten dieses Konflikts akzeptabel sind – und schließlich soll die nächste Präsidentenwahl schon spätestens im Dezember dieses Jahres abgehalten werden, statt wie vorgesehen im März 2015.

          Klitschko hätte allen Grund, zufrieden zu sein

          Als Klitschko dann am Freitagabend, ein paar Stunden nach Unterzeichnung dieses Vertrags, vor den „Majdan“ tritt, die Volksversammlung der Opposition auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz mit ihren vielen Zehntausend Kämpfern und Demonstranten, hat er eigentlich allen Grund, halbwegs zufrieden zu sein: Unmittelbar nach Unterzeichnung des Vertrags mit dem Präsidenten zeigte das Regime neue Zerfallserscheinungen. Immer weitere wichtige Exponenten von Janukowitschs regierender „Partei der Regionen“ kündigten ihre Mitgliedschaft, allen voran der vom Präsidenten eingesetzte Bürgermeister der Hauptstadt, Wolodymyr Makejenko. Der außenpolitische Chefberater des Präsidenten, Andrij Hontscharuk, teilte am Abend per SMS mit, er stelle sein Amt zur Verfügung.

          Die wichtigsten Erfolge aber hat es in der „Werchowna Rada“ gegeben, dem ukrainischen Parlament. Auch dort bröckelt seit Tagen die Macht des Präsidenten, und vor allem die machtvolle Gruppe der Abgeordneten, die als Günstlinge des Donezker Stahlbarons Rinat Achmetow gelten, des mächtigsten Oligarchen hinter der „Partei der Regionen“ hat in den vergangenen Tagen schon unter der Führung des Multimillionärs Wadim Novinski (er ist ein wichtiger Geschäftspartner Achmetows und gilt in der Fraktion als „Indikator“ seines Willens) immer wieder in Einzelfällen gegen Janukowitsch gestimmt. 

          Ein kurzer Händedruck mit dem Präsidenten

          Dann, am Freitagabend, beschleunigte sich der Zerfall der Präsidentenmacht atemraubend schnell. Für das Gesetz zur Beschränkung der Präsidentenmacht durch Rückkehr zur Verfassung von 2004 stimmten 386 Abgeordnete - 86 mehr, als für eine Zweidrittelmehrheit erforderlich gewesen waren. Später kommt sogar noch ein weiteres Gesetz durch, das die schnelle Freilassung der inhaftierten Oppositionsikone Julija Timoschenko zum Ziel hat. Für dieses Gesetz stimmten am Freitagabend 310 von 450 Abgeordneten. Ein parlamentarischer Gezeitenwechsel ohne Gleichen, ein Sieg wie aus Champion-Zeiten das war zu diesem Zeitpunkt, bevor er zum Majdan ging, um „dem Volk“ Bericht zu erstatten, der Abend des emeritierten Boxweltmeisters Klitschko gewesen.

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