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Auf dem Majdan : Klitschkos schwärzeste Stunde

Die Menschen, die er dort traf, hatten allerdings einen anderen Tag und eine andere Nacht erlebt. Während das Parlament tagte, waren in feierlichem Zug Tote durch die Menge getragen worden, in langem Zug, in offenen Särgen, einer nach dem anderen – Opfer der blutigen Tage und Nächte der vergangenen Woche, während derer (Zahlen des Innenministeriums zufolge) mindestens 77 Menschen ihr Leben verloren, die meisten von ihnen offenbar durch Scharfschützen des Regimes, die, wie zahllose Bilder und Filmaufnahmen zu belegen scheinen, vor allem am Donnerstag kaltblütig in die Menge schossen.

Särge mit den Toten der vergangenen Tage werden durch die Menge getragen

Am späten Nachmittag, während Klitschko und seine politischen Führungspartner gerade von ihrem letzten, kurz und kalt gewechselten Händedruck mit dem Präsidenten zur „Werchowna Rada“ fuhren, hatte sich die Menge, Männer und Frauen in den zusammengestückelten Phantasieuniformen dieser Revolution, in einer dichten Welle von Hass und Tränen vereinigt. Langsam, Schritt für Schritt, um den Weg durch die dichtgepackten Menschentrauben kämpfend, zogen die Särge über den Majdan. „Ehre den Helden!“ kandierte die Menge.

Die Mehrheit auf dem Majdan ist trügerisch

Und jetzt steht Klitschko da, zerknüllt sein Taschentuch und erlebt seinen vielleicht schwärzesten Tag, seit er Politiker ist. Schon bevor er am Nachmittag zusammen mit den beiden anderen oppositionellen Parteiführern jenen Vertrag mit dem Präsidenten unterzeichnete, hatten die drei geahnt, das es schwer werden könnte mit dem „Majdan“ und seinen unkontrollierbaren Emotionen. Buchstäblich in letzter Minute vor der Unterschrift hatten die Oppositionsführer die vermittelnden Außenminister Sikorski und Steinmeier angefleht, persönlich mit ihnen vor den „Rat des Majdan“ zu treten, die Versammlung jener fast hundert Vereine und Organisationen, die zusammen den Wurzelboden der Revolution ausmachen. Steinmeier und Sikorski hatten der Bitte entsprochen. Unterschrift oder Bürgerkrieg, war ihre Botschaft gewesen, Blut oder Kompromiss. Und obwohl der Rat protestierte, schrie, sich wand, hatten sie Klitschko und seinen Mitführern zuletzt eine Mehrheit verschafft.

Es ist wohl eine trügerische Mehrheit gewesen. Als Klitschko am Abend nach der Parlamentssitzung auf die Bühne des Majdan trat, war er kaum zu Wort gekommen, Pfiffe und Gebrüll brandeten ihm entgegen. Der Versuch eines Bades in der Menge scheiterte, weil die Menschen nicht mit ihm sprechen wollten, sondern ihn anschrien und die Fäuste ballten. Da stand er starr auf dem Podium, es war einer seiner schmachvollsten Momente seit seinem abgebrochenen Titelkampf gegen Chris Byrd im Jahr 2000. Neben ihm deklamierte eine der radikaleren Führungsfiguren des Majdan, der Journalist Dmytro Gnap, Schmähworte ins Mikrofon. „Verräter“ – nichts anderes seien die drei, die diesem Präsidenten die Hand geschüttelt und damit das Andenken der Toten „missachet“ hätten. „Verräter“. Später verwendete Gnap das Wort noch ein drittes Mal, unter wildem, entschlossenem Applaus.

Auf dem Majdan zünden Menschen Kerzen an für die Opfer der Proteste

Klitschko, der emeritierte Champion, kämpfte in diesem Augenblick nicht. Stattdessen hielt er eine tonlose Rede, die wegen der Pfiffe oftmals nicht zu verstehen war. Er wich zurück, und zum Schluss glaubte er sogar, für den Händedruck mit dem Präsidenten um Entschuldigung bitten zu müssen, „Wenn ich jemanden verletzt habe, tut es mir leid“, sagte Klitschko. „Ich entschuldige mich.“

Zuletzt musste Klitschko dann erleben, wie die Führer der militanteren Gruppen auf dem Majdan auf offener Bühne und unter Jubel dazu aufriefen, das Abkommen vom Nachmittag, das den verhassten Präsidenten noch bis zum Dezember im Amt lassen würde, schlicht zu missachten. Der Präsident, war die Forderung, müsse sofort zurücktreten, sonst werde noch an diesem Samstag der bewaffnete Angriff auf seinen Palast beginnen. Wieder war es dabei der Journalist Gnap, der das Wort führte. „In den nächsten 24 Stunden muss der Präsident sich entscheiden,“ rief er in den Jubel der Menge. „Sonst geht es ihm wie Gaddafi.“

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