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Attentatsserie in der Ukraine : „Das ist ein Anschlag auf das ganze Land“

  • Aktualisiert am

Chaotische Szenen: Bei den Explosionen wurden zahlreiche Menschen verletzt Bild: dpa

Nach der Serie von Bombenanschlägen in Julija Timoschenkos Heimatstadt Dnipropetrowsk gibt sich der ukrainische Präsident Janukowitsch kämpferisch. „Wir werden die richtige Antwort geben“, sagt er. Doch die Debatte über den Austragungsort der Fußball-EM dürfte nun noch schärfer geführt werden.

          Sechs Wochen vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft hat eine Anschlagsserie in der Ukraine die Geburtsstadt der inhaftierten Oppositionsführerin Julija Timoschenko erschüttert. Innerhalb weniger Minuten detonierten nach Angaben der Polizei vier Sprengkörper an belebten Plätzen der Industriestadt Dnipropetrowsk, die rund 400 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Kiew liegt. Bei der Bombenserie am Freitag wurden mindestens 27 Menschen verletzt, unter ihnen neun Kinder. Die Staatsanwaltschaft sprach von einem „Terroranschlag“.

          Als erstes explodierte an einer Straßenbahnhaltestelle ein Sprengkörper, der in einem Abfalleimer versteckt war. Kurz darauf ereigneten sich nach Angaben der Ermittler mindestens drei weitere Explosionen, unter anderem am Bahnhof und nahe der Oper der 1,1 Millionen Einwohner zählenden Stadt. Augenzeugen berichteten im Internet von Panik und tumultuarischen Szenen. Fotos zeigten Blutspritzer auf dem Boden und geborstene Scheiben. Notarztwagen rasten mit heulenden Sirenen durch die Stadt. Die Polizei sperrte das Zentrum ab. Das Mobilfunknetz in Dnipropetrowsk brach zeitweise zusammen. Nach Angaben von Fachleuten waren die Sprengkörper selbst gebaut. Der Hintergrund der Anschlagsserie war zunächst unklar.

          Janukowitsch: „Weitere Herausforderung“

          Die Bombenserie sei ein „Anschlag auf das ganze Land“, sagte Präsident Viktor Janukowitsch. Er beauftragte den Geheimdienst SBU und das Innenministerium mit der sofortigen Untersuchung der Explosionen und sagte: „Wir werden die richtige Antwort geben.“ Auch sprach Janukowitsch von einer „weiteren Herausforderung für das ganze Land“. Innenminister Vitali Sachartschenko machte sich von Kiew auf den Weg nach Dnipropetrowsk, wo er die Ermittlungen leiten soll.

          In Haft: Julija Timoschenko zeigt Fotografen in ihrer Zelle Striemen auf ihrem Körper, die von Misshandlungen durch Wärter stammen sollen Bilderstrecke

          Die viertgrößte Stadt der Ukraine ist kein Austragungsort von Spielen der Fußball-EM. Die Ukraine ist vom 8. Juni an gemeinsam mit Polen Gastgeber des Turniers. Die Europäische Fußball-Union UEFA wollte am Freitag zunächst keine Bewertung der Sicherheitslage in der Ukraine abgeben. Das Auswärtige Amt in Berlin sprach einen Sicherheitshinweis für den Raum Dnipropetrowsk aus.

          Reisewarnung für die Region

          „Reisenden in der Region wird geraten, besondere Vorsicht walten zu lassen und die Medienberichterstattung aufmerksam zu verfolgen“, hieß es am Freitag auf der Internetseite des Ministeriums. „Das Auswärtige Amt und die deutsche Botschaft in Kiew beobachten die Lage und die weitere Entwicklung sehr aufmerksam“, sagte eine Sprecherin in Berlin.

          Die Berliner Charité teilte unterdessen mit, dass der Gesundheitszustand Julija Timoschenkos „sich deutlich verschlechtert“ habe. Es gebe „erhebliche Zweifel“ an einer erfolgreichen Therapie in der Ukraine, sagte der Leiter ihrer Klinik für Orthopädie, Norbert Haas, am Freitag bei der Vorstellung neuer Gutachten zu dem Fall. Das behandelnde Krankenhaus in Charkiw im Osten des Landes sei zwar „neu hergerichtet“, einige Therapien seien dort jedoch nicht möglich. Eine Behandlung Frau Timoschenkos in Deutschland sei „im Moment“ trotzdem noch nicht sehr wahrscheinlich“, sagte der Vorstandsvorsitzender der Charité-Universitätsmedizin in Berlin, Karl Einhäupl.

          Charité bietet Frau Timoschenko Behandlung an

          Frau Timoschenko leidet nach Angaben der Charité „mit Sicherheit“ an einem oder mehreren Bandscheibenvorfällen. Dies hätten Untersuchungen ergeben, sagte Einhäupl. Der erste Vorfall habe sich Anfang Oktober ereignet, ein zweiter oder aber eine Verschlechterung des ersten im November. Die Diagnostik sei jedoch „von Oktober bis Januar“ verzögert worden. Der Hungerstreik Frau Timoschenkos erhöhe ihr Risiko für weitere Erkrankungen. Ein großes Problem sei zudem, dass sie „kein Vertrauen“ in die örtlichen Ärzte habe, weshalb sie aus Angst vor ansteckenden Krankheiten auch jegliche Injektionen oder Blutentnahmen verweigere. Nach eigenen Angaben habe Timoschenko Schmerzmittel „nur dann bekommen, wenn sie bereit war, sich weiteren Vernehmungen zu stellen“, sagte Einhäupl. Weiter sagte er, die Charité habe kürzlich Fotos von Frau Timoschenko erhalten, auf denen Blutergüsse an ihrem Körper zu sehen seien. Haas und Einhäupl hatten sich vor zwei Wochen in Charkiw ein Bild vom Zustand Frau Timoschenkos gemacht. Wohl in den nächsten sieben Tagen wollen sie die frühere ukrainische Ministerpräsidentin noch einmal besuchen.

          Die Bundesregierung bekräftigte das Angebot einer Therapie Frau Timoschenkos in Deutschland. Es sei wichtig, dass sie die „nötige medizinische Behandlung“ bekomme, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. „Es kann hier kein Spiel auf Zeit geben von der ukrainischen Regierung“, sagte er. Die Frage, ob Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Fußball-EM in die Ukraine reisen werde, ließ er weiter offen. Darüber werde im Juni kurzfristig entschieden. Der außenpolitische Berater der Bundeskanzlerin, Norbert Heusgen, und die Staatssekretärin im Auswärtigen Amt, Emily Haber, hatten am Donnerstag den stellvertretenden ukrainischen Außenminister zu Gesprächen empfangen. Am Donnerstag war bekannt geworden, dass Bundespräsident Joachim Gauck eine Einladung zu einem Treffen europäischer Staatschefs in Jalta auf der ukrainischen Halbinsel Krim abgesagt hatte.

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