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Attentat auf Nachtklub „Reina“ : Angriff auf ein Symbol Istanbuler Leichtigkeit

Eine Frau legt am Sonntag Blumen in unmittelbarer Nähe des Istanbuler Nachtklubs „Reina“ ab Bild: dpa

Seit Jahren ist der Nachtklub „Reina“ ein Treffpunkt der Reichen und Schönen Istanbuls. Er galt schon lange als mögliches Anschlagsziel. Weil das Attentat dennoch nicht verhindert werden konnte, verhärten sich in der Türkei weiter die Fronten.

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          Drohungen, die Neujahrsfeierlichkeiten in der Türkei „in Begräbnisse“ zu verwandeln, kursierten seit Mitte Dezember im Netz. Ein Sprachrohr des „Islamischen Staats“ (IS), die „Mediengruppe Nashir“, rief islamistische Einzeltäter, also „einsame Wölfe“ auf, die Urlaubszeit zu „Tagen des Terrors und des Bluts“ zu machen. Immer wieder tauchte die Türkei als Ziel auf; ihre Botschaften und Konsulate sollten angegriffen werden, aber auch die anderer Mitgliedstaaten der Anti-IS-Koalition, hieß es in der IS-Propaganda. Aus „Glück und Freude“ solle „Trauer“ werden, die „Löwen des Kalifats versprechen bitteren Tod“. Als Anschlagsziele wurden auch Einkaufszentren, Kinos und sogar Krankenhäuser genannt. Auch der IS-„Kalif“ Abu Bakr al Bagdadi hatte im November und Dezember der Türkei dreimal gedroht.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Das amerikanische Außenministerium hatte daraufhin die amerikanischen Bürger in der Türkei zu erhöhter Vorsicht aufgerufen. Auch die deutsche Botschaft in Ankara hatte erklärt, deutsche Staatsbürger sollten in der Türkei eine Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen verantwortungsvoll prüfen. Der Besitzer des Istanbuler Nachtklubs Reina, Mehmet Kocarslan, nahm die Warnungen ernst. Er habe zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen für die Silvesternacht veranlasst, sagte er nach dem Anschlag einem Reporter der Zeitung „Hürriyet“. Er habe mit einem Anschlag rechnen müssen, dennoch habe der Anschlag nicht verhindert werden können.

          Hochzeiten unter der Bosporusbrücke

          Nach den Drohungen des IS war klar gewesen, dass der Nachtklub Reina ein mögliches Ziel der Terroristen war. Denn in der Türkei ist der 2002 gegründete Klub zu einem Synonym für Vergnügen geworden. Das hinter hohen Mauern versteckte Lokal am Bosporus war der Treffpunkt der Reichen und Schönen Istanbuls und der Türkei geworden. Wer immer als Celebrity in die Stadt kam – ob zu einem Konzert, einer Modenschau oder einem Fußballspiel –, wurde danach im Reina gefeiert. Hochzeiten wurden unter der vielfarbig angestrahlten Bosporusbrücke gefeiert und Geschäftsabschlüsse. In der Istanbuler High Society war angekommen, wer bei der Anmeldung nicht abgewiesen wurde und wer die horrenden Preise zahlen konnte. Das Reina war nicht der einzige gut gehende Nachtklub Istanbuls. Kein anderer stand aber in dem Maße für ausgelassenes Vergnügen wie das Reina.

          Sein Besitzer Mehmet Kocarslan wusste also, dass er handeln musste. Er hat in den vergangenen zehn Tagen vieles veranlasst und hat auch dafür gesorgt, dass die offene Wasserseite besser geschützt wird. Alle Maßnahmen reichten aber nicht aus. Denn um 1.15 Uhr Ortszeit, das Feuerwerk über dem Bosporus war längst vorbei, verschaffte sich ein Mann Zutritt in den Klub, der von außen aussieht wie eine gut gesicherte Burg. Die Aussagen widersprechen sich noch. Der Gouverneur Istanbuls, Vasip Sahin, und Innenminister Süleyman Soylu sagten, ihren Quellen zufolge habe es sich um einen Angreifer gehandelt.

          Türkische Medien lassen aber Augenzeugen vom Ort des Grauens zu Wort kommen, die von zwei oder sogar drei Angreifern sprechen. Möglicherweise hatte der Angreifer, der sich von außerhalb mit Gewalt Zutritt zu dem Klub verschaffte, einen oder mehrere Helfer, die dort bereits auf ihn warteten. Am Eingang schoss er einen Polizisten und einen Zivilisten nieder. Dann habe er mit einem Sturmgewehr „brutal und grausam“ in die Menge gefeuert, so Innenminister Soylu. Er hatte leichtes Spiel. In langgezogenen Terrassen senkt sich der Nachtklub vom Niveau der Straße, die die Ortsteile Ortaköy und Arnavutköy verbindet, auf Meereshöhe.

          Augenzeugen berichten, der Schütze habe gebrochen Türkisch gesprochen, andere sagten türkischen Medien, er habe Arabisch gesprochen. Ministerpräsident Binali Yildirim dementierte Medienberichte, wonach der Angreifer ein Weihnachtsmannkostüm getragen habe. „Das ist nicht wahr.“ Yildirim sagte, es könne sein, dass der Angreifer seine Waffe im Klub gelassen und sich im Tumult unter die Flüchtenden gemischt habe.

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