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Attentat in Christchurch : Ein Terrorakt „made in Australia“?

Nach den Attentaten von Christchurch solidarisiert sich Australien mit den Neuseeländern. Bild: AFP

Der mutmaßliche Attentäter von Christchurch stammt aus Australien – einem Land mit langer Tradition rechtsextremistischen Gedankenguts und größer werdender anti-muslimischen Haltung. Nach den jüngsten Attentaten sind die Menschen auch dort aufgewühlt.

          Die Menschen in Christchurch versammeln sich so nah am Ort des Terrors, wie es eben geht. An einer Straßensperre, die den Weg zu einer der beiden Moscheen blockiert, legen sie Blumensträuße, Plüschtiere und handgeschriebene Zettel ab. Die Moschee gehört zu den beiden muslimischen Gotteshäusern, die am Freitag zum Ziel eines rechtsextremistischen Anschlags geworden waren. Manche vergießen Tränen, umarmen einander, klopfen sich auf die Schultern. Die meisten von ihnen wissen da schon, dass die Zahl der Opfer mittlerweile auf 50 gestiegen ist. Auf dem Grundstück der Al-Nur-Moschee, ein wenig die Straße hoch, wurde eine weitere Leiche gefunden. Immer noch herrschen Unglauben, Schock, Fassungslosigkeit, dass so ein Verbrechen den beschaulichen Inselstaat treffen konnte. Aber das Gefühl des Zusammenhalts ist immens. „Neuseeland ist in Trauer vereint“, sagt die Premierministerin Jacinda Ardern.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Das Gefühl der Solidarität geht dabei sogar über Neuseeland hinaus. Der mutmaßliche Terrorist Brenton T., der den Anschlag live ins Internet stellte, stammt aus Australien. Doch niemand kommt deshalb auf die Idee, dem Nachbarland die Schuld an dem Terroranschlag zu geben. „Es kann überall auf der Welt passieren“, sagt ein Moslem, von dem mehrere Freunde zur Zeit des Anschlags in der Moschee waren. Aber klar ist auch, dass die rechtsextremistische Szene in Neuseeland überschaubar ist – wie eigentlich alles in dem Staat mit weniger als fünf Millionen Einwohnern. Im Nachbarland leben nicht nur rund fünf Mal so viele Menschen. Es geht auch etwas weniger harmonisch zu. Und in Australien gibt es auch eine lange Tradition rechtsextremistischen Gedankenguts.

          Rassistische White-Australia-Politik erst 1973 abgeschafft

          So wurde die rassistische White-Australia-Politik, die Nicht-Europäer über Jahrzehnte bei der Einwanderung diskriminierte, erst im Jahr 1973 abgeschafft. Die populistische Partei „One Nation“ ist mit ihrer Vorsitzenden Pauline Hanson heute sogar im Senat vertreten. Sie hatte schon in den neunziger Jahren gegen asiatische Einwanderer gewettert. Seit ein paar Jahren ist aber immer mehr eine anti-muslimische Haltung auch in Australien in das Zentrum der rechtsextremen Ideologie gerückt. Bewegungen wie „Reclaim Australia“ hatten gegen Bevölkerungswachstum von Muslimen und Halal-Zertifikation gewettert.

          Derartige Ansichten schaffen es auch immer mehr in die sogenannten Mainstream-Medien, besonders den Zeitungen des australischen Medienmoguls Rupert Murdoch. Auch Mitglieder der Regierung in Canberra bedienen bisweilen die fremdenfeindlichen Ressentiments. So hatte der ehemalige Innenminister Peter Dutton die Angst vor „afrikanischen Gangs“ in den Vororten von Melbourne geschürt. Für Entsetzen sorgte nun zudem eine Stellungnahme des rechtspopulistischen Fraser Anning. Er hatte die Einwanderung von Muslimen für den Terroranschlag verantwortlich gemacht. „Bestreitet noch jemand die Verbindung zwischen muslimischer Einwanderung und Gewalt?“, twitterte Anning.

          Der Senator ist für solche Entgleisungen bekannt. Im vergangenen Jahr hatte er unter Verwendung eines Nazi-Begriffs eine „Endlösung“ der Einwanderungsfrage gefordert. Als Reaktion auf seine jüngsten Äußerungen kam es an diesem Wochenende nun zu einem mittlerweile berühmten Zwischenfall. Ein 17 Jahre alter Schüler zerschlug während eines Interviews ein Ei am Hinterkopf des Senators. Darauf schlug der Senator den Jugendlichen zwei Mal ins Gesicht. Der Junge ist mittlerweile als „#EggBoy“ auf Twitter und Facebook nahezu weltweit bekannt.

          Australiens Premierminister Scott Morrison hat den Terrorangriff umgehend scharf verurteilt. „Australien und Neuseeland sind nicht bloß Verbündete und Partner, wir sind Familie“, sagte er. Man sei „schockiert, angewidert, wütend“. Morrison will sich außerdem dafür einsetzen, dass der rechtsextremistische Senator Fraser Anning für sein Verhalten belangt wird.

          In seinem 74 Seiten umfassenden „Manifest“, das dieser neuen Erkenntnissen nach Minuten vor dem Anschlag in einer E-Mail an die neuseeländische Premierministerin geschickt haben soll, zieht der mutmaßliche Täter unterdessen keine Verbindung zu rechtsextremen australischen Gruppen. Sein rassistisches Weltbild scheint eher global und von extremistischen Nischenplätzen des Internets geprägt zu sein. Er nimmt Bezug auf Ereignisse in Europa und beruft sich auf rechtsextreme Gewalttäter aus verschiedenen Ländern. Darunter ist der norwegische Attentäter Anders Breivik, der im Jahr 2011 77 Menschen getötet hatte. Der Titel des Manifests, „Der große Austausch“, spielt auf eine Verschwörungstheorie an, die auf den französischen Autor Renaud Camus zurückgehen soll. 

          Neuseeland sei für ihn dabei ursprünglich auch gar nicht das Ziel gewesen, schrieb der Autor in dem Manifest. Aber er deutet an, dass er es ausgesucht habe, gerade weil es so offen, multikulturell, friedlich und aufnahmebereit ist. Doch daran wird auch der Terroranschlag auf die beiden Moscheen in Christchurch nichts ändern, sagen die Bewohner. „Er hat nicht den Erfolg, den er sich erhofft hatte“, sagt eine Frau außerhalb der zweiten Moschee, im Vorort von Linwood. Der Terroranschlag habe das Gute in den Menschen hervorgebracht, anstatt den Hass zu schüren. Im Angesicht der Tragödie rücke das Land näher zusammen.

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