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Attentat auf Sikh-Tempel : Im blinden Hass verwechselt?

Am Sonntag: Polizisten stürmen den Sikh-Tempel in Wisconsin Bild: dpa

Amerika rätselt, warum ein Rassist in Wisconsin ausgerechnet einen Sikh-Tempel angriff. Hat er die Sikhs mit den Taliban verwechselt? Offenbar besteht eine Verbindung des Täters zum 11. September.

          Seit den Terroranschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon herrscht Unsicherheit in der Gemeinschaft der Sikh in den Vereinigten Staaten. Wenige Tage nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde in Mesa in Arizona der Sikh Balbir Singh Sodhi erschossen. Der hasserfüllte Täter hatte den Tankstellenbesitzer offenbar mit einem Muslim verwechselt.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Seither gab es immer wieder Berichte, nach denen Sikhs in den Vereinigten Staaten angegriffen, beschimpft oder diskriminiert wurden. Häuser wurden verwüstet, Sikhs angespuckt oder geschlagen. Viele Anhänger der indischen Religionsgemeinschaft tragen Turban und Bart.

          Manchem Amerikaner fällt es in seiner Abneigung gegen Muslime offensichtlich schwer, zwischen friedliebenden Sikhs und extremistischen Taliban zu unterscheiden. Im Februar wurde in Michigan die Baustelle eines Sikh-Tempels mit Graffiti beschmiert, die ein Gewehr, ein christliches Kreuz und das Wort Mohammed zeigten.

          Jetzt ist die Katastrophe passiert, die mancher hatte kommen sehen. Beim Angriff eines weißen Mannes auf einen Sikh-Tempel im Bundesstaat Wisconsin wurden sechs Personen und der Täter getötet. Es war nach den am Montag vom zuständigen Sheriff bestätigten Angaben ein 40 Jahre alter, ehemaliger Fallschirmjäger namens Wade Michael Page, der in den Tempel in Oak Creek unweit der Hauptstadt Milwaukee stürmte und dort offenbar wahllos Menschen erschoss.

          Page hatte anscheinend Verbindungen zu Gruppen, die an die Überlegenheit der weißen Rasse glauben. Er soll Mitglied einer rassistischen Skinhead-Band in North Carolina gewesen sein.

          Verbindung zum 11. September?

          Augenzeugen berichteten, dass der glatzköpfige Täter Tätowierungen getragen habe, die auf den 11. September verweisen. „Wir ermitteln in diese Richtung“, sagte ein Sprecher der amerikanischen Sicherheitsbehörde für Alkohol, Tabak und Waffen (ATF) dem Fernsehsender ABC. „Und wir untersuchen die Bedeutung seiner Tätowierungen. Dies sind die Bestandteile des Puzzles, die uns dabei helfen werden, die Motive für eine so schreckliche Tat zu verstehen.“

          Nach Angaben des Verteidigungsministeriums war Page von 1992 bis 1998 in der Armee. Für seine vorbildliche Führung und seine Leistungen als Soldat sei er zunächst mit mehreren militärischen Orden ausgezeichnet worden. Allerdings wurde Page am Ende aber wegen Alkoholkonsums aus der Armee entlassen.

          Mitglieder der Sikh-Koalition: Hunderte Beschwerden seit 2001 über Diskriminierungen und verbale Angriffe auf Sikhs

          Die Sikh-Koalition, der größte Interessenverband dieser Glaubensrichtung in den Vereinigten Staaten, berichtet von Hunderten Beschwerden seit 2001 über Diskriminierungen und verbale Angriffe auf Sikhs. Erst im April hatte der Abgeordnete Joseph Crowley aus New York Justizminister Eric Holder in einem Brief aufgefordert, Daten über „Verbrechen aus Hass“ gegen Sikhs zu sammeln.

          Die Bundespolizei FBI sammelt bisher nur Daten über Hass-Verbrechen gegen Muslime. Crowley ist stellvertretender Vorsitzender einer Arbeitsgruppe für Inder und Amerikaner indischer Abstammung im Kongress in Washington.

          Präsident Barack Obama sicherte dem FBI jegliche Unterstützung der Bundesregierung bei der Aufklärung des Verbrechens von Oak Creek zu. Am Sonntagabend wurde zunächst die Wohnung des Täters durchsucht. Obama und der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney drückten den Opfern und Angehörigen ihr Mitgefühl aus.

          Trauer und Bestürzung

          Romney sprach von einer sinnlosen Gewalttat und einer Tragödie, die nie ein Gebetshaus egal welcher Glaubensrichtung treffen dürfe. Obama versicherte den Sikhs seine Solidarität. Er erinnerte daran, wie sehr die amerikanische Kultur durch die Sikhs bereichert werde. In Indien sorgte die Gewalttat für Bestürzung.

          Ministerpräsident Manmohan Singh, selbst ein Sikh, erklärte in Delhi, es sei „besonders schmerzhaft“, dass eine religiöse Kultstätte angegriffen worden sei. Singh appellierte an die zuständigen Behörden, alles dafür zu tun, dass sich solche gewalttätigen Akte nicht wiederholten. In New York wurden am Wochenende die Sicherheitsvorkehrungen vor Sikh-Tempeln verschärft.

          Die Zahl der Sikhs in den Vereinigten Staaten wird von dem Interessenverband Sikh-Koalition auf mehr als 500.000 geschätzt. In anderen Schätzungen ist von rund 300.000 die Rede. Der Sikh-Tempel in Oak Creek war 1997 gegründet worden und hatte etwa 400 Mitglieder.

          Page hatte den Tempel betreten, als sich Sikh-Familien zum Gebet und zum gemeinsamen Mittagessen versammelten. Das Gebetshaus war noch nicht zur Gänze gefüllt gewesen. Der Mann eröffnete das Feuer und schoss später auf einen Polizisten, der sich um Verwundete kümmerte. In einem Schusswechsel mit einem anderen Polizisten wurde der Täter dann getötet. Drei Verletzte wurden am Montag noch in Krankenhäusern behandelt.

          Erst vor zwei Wochen waren die Amerikaner durch eine Schießerei in Aurora im Bundesstaat Colorado aufgeschreckt worden. Dort hatte ein Einzeltäter offenbar ohne politisches Motiv in einem Kino zwölf Menschen erschossen und 58 Menschen verwundet.

          Das hatte die Debatte über den privaten Waffenbesitz wieder angefacht. In Wisconsin ist nicht festgelegt, wie viele Waffen jemand kaufen oder besitzen darf. Im vergangenen Jahr unterzeichnete Gouverneur Scott Walker ein Gesetz, mit dem das verdeckte Tragen von Waffen erlaubt wurde. Nur in Illinois ist dies bislang nicht erlaubt.

          Immer wieder Opfer: Die Skihs

          Für indische Verhältnisse gehören die Sihks einer jungen Religionsgemeinschaft an. Erst im späten 15. Jahrhundert sammelten sie sich hinter Guru Nanak, der die religiösen Grundlagen und Praktiken der hindu-buddhistischen Kultur in Frage stellte und zu eigenen Auslegungen kam. Ein liberaler und egalitärer Gedanke war ihm zu eigen, was nicht zuletzt seine Kritik am Kastenwesen und der marginalisierten Rolle der Frauen widerspiegelte. Als Zeichen der Gleichheit tragen die männlichen Sikhs den selben Nachnamen: Singh. Sikhs tragen Turbane, hinter denen sich - aus Respekt vor der Natur - ungeschnittenes Haar verbirgt.

          Ihre angestammte Heimat ist der Punjab, wo Nanak und die neun ihm nachgefolgten Gurus überwiegend lebten und lehrten. Bis heute ist der Goldene Tempel von Amritsar - einst Mittelpunkt des Punjab und seit der Teilung im Grenzgebiet zu Pakistan - das religiöse Zentrum der Sikhs. Aus Amritsar, wo auch zahlreiche Interessenverbände der Religionsgemeinschaft residieren, kam am Montag die offizielle Verurteilung des Massakers in den Vereinigten Staaten.

          In ihrer Geschichte waren die Sikhs immer wieder mit Gewalt konfrontiert, deren trauriger Höhepunkt in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts lag. Wachsenden Autonomieforderungen begegnete die damalige Regierung von Indira Gandhi im Sommer 1984 mit dem Sturm eines Tempels in Amritsar, bei dem Hunderte Sikhs (und mehr als 80 Soldaten) ums Leben kamen. Nachdem die Premierministerin wenig später von einem ihrer Sikh-Leibwächter umgebracht worden war, begannen Pogrome in Delhi und im Punjab, in deren Verlauf Tausende Sikhs getötet wurden.

          Gemessen an ihrer turbulenten Geschichte und nicht zuletzt an der relativ kleinen Anhängerschaft - etwa 26 Millionen Gläubige werden der Religionsgemeinschaft zugerechnet, die meisten von ihnen in Indien - sind die Sikhs sehr präsent in der indischen Öffentlichkeit, insbesondere in der Wirtschaft und im akademischen Bereich sowie im Militär und in der Politik. Dass Manmohan Singh, der Mann mit dem blauen Turban, seit mehr als acht Jahren das Land regiert, kann als herausragendes Zeichen der Normalisierung genommen werden.

          Jochen Buchsteiner

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